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Dem Menschen ein Bulle

»Berlinale Special«: Das Filmdrama »Police« ist Fernsehabfall für Harmoniebedürftige

  • Von Maximilian Schäffer
  • Lesedauer: 3 Min.

Es ist kaum einen Monat her, da prügelten in Paris Polizisten auf demonstrierende Feuerwehrleute ein. Dystopische Bilder. Dass Ordnungsmacht und Hilfsbehörde Seite an Seite für das Gute kämpfen, ist für viele Menschen ein tief verankertes Sinnbild öffentlicher Harmonie. Seit Beginn der Gelbwesten-Proteste im November 2018 herrschen in Frankreich regelmäßig bürgerkriegsartige Zustände. Auf der Berlinale aber läuft ein Film zur allgemeinen Befriedung der Volksseele: »Police« (dt.: »Bis an die Grenze«) ist Fernsehabfall für Harmoniebedürftige.

Die Regisseurin, Anne Fontaine (»Coco Chanel - Beginn einer Leidenschaft«), zeigt einen Tag im Leben dreier vom Schicksal gebeutelter Flics. Virginie (Virginie Efira) geht fremd, Aristide (Omar Sy) ist ein einsamer Wolf und Erik (Grégory Gadebois) ist frustriert vom Eheleben. Alltäglich müssen sich die Kollegen mit gewalttätigen, wahnsinnigen, kriminellen oder schwachen Personen wortwörtlich herumschlagen. Das ist ihr Beruf, und an dem haben sie zu knabbern. Als sie einen zur Abschiebung bestimmten Menschen (Payman Maadi) zum Flughafen begleiten sollen, bietet sich den von Gewissensnöten geplagten Beamten eine Möglichkeit, Sand ins Getriebe des von ihnen verteidigten Systems zu streuen. Um Realismus bemüht, inszeniert Fontaine ihre Helden als zutiefst menschelnde, von linken Idealen überzeugte Individuen. Erik rettet geprügelte Frauen, Aristide weint um ein totes Kind, Virgine verweigert sich der Ausübung physischer Gewalt, und beim Einsatz zu dritt versuchen sie gar, einen politisch Verfolgten vor Folter und Mord zu beschützen. Auf diese Polizei kann man sich verlassen, wenn man samstagabends um 20.15 Uhr mit der Fernbedienung die Glotze anknipst.

Bundesinnenminister Horst Seehofer ließ am 2. September 2019 eine neue Gebührenverordnung für Leistungen der Bundespolizei veröffentlichen. Demnach wird ziviler Ungehorsam in Deutschland bald teuer: Identitätsfeststellungen, Platzverweise und Beschlagnahmungen sind ab sofort privat zu bezahlen. Zwar sprach sich die Landespolizei in NRW wegen Unverhältnismäßigkeit von Eintreibungskosten und -nutzen exemplarisch gegen einzelne Erhebungen aus, dennoch ist somit weiterer Willkür und Einschränkung von elementaren Bürgerrechten Tür und Tor geöffnet. Demonstranten könnten sich bald überlegen müssen, ob sie das Maul aufmachen.

So eine Repressalie, die vor allem Geringverdiener betrifft, ist auch zur Lösung französischer Verhältnisse denkbar. Vielleicht halten dann auch die Feuerwehrleute das Maul, ihnen hat man nämlich seit 1990 die Löhne nicht erhöht. Sie löschen Brände, evakuieren Verunglückte, müssen sich mit kriminellen oder schwachen Personen nur sprichwörtlich oder unfreiwillig herumschlagen.

Dass Anne Fontaine mit ihrem Film »Police« keine bösen Absichten hegt, stellenweise die Absurdität des staatlichen Apparats herauszubilden versucht, kann man durchaus feststellen. Sentimental ist ihr Werk allerdings nur seinen vermeintlichen Opfern gegenüber. Der Film predigt individuelle Ohnmacht und Resignation, wo solidarische Aktionen notwendig wären.

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