Bisher keine Engpässe bei Medikamenten

China ist der wichtigste Hersteller von pharmazeutischen Werkstoffen. Versorgungsengpässe in Deutschland zeichnen sich bisher aber nicht ab.

  • Von Fabian Kretschmer, Peking
  • Lesedauer: 2 Min.

»China ist weltweit der wichtigste Produzent von aktiven pharmazeutischen Wirkstoffen. Diese sind in jedem Arzneimittelprodukt enthalten«, sagt Eric Bouteiller, der 17 Jahre lang das China-Geschäft des mittelständischen französischen Pharmaherstellers Ipsen leitete und derzeit an einer Wirtschaftshochschule in Shanghai lehrt. Vor allem aus Kostengründen hätten die Pharmahersteller Teile ihrer Produktion in Länder wie Indien und eben vor allem nach China ausgelagert. Steht als Folge der Coronavirus-Epidemie damit Europa vor einer weiteren gesundheitlichen Krise als der, die mit der neuen Lungenkrankheit Covid-19 zu tun hat?

In China werden insbesondere Wirkstoffe für Antibiotika, aber auch zum Beispiel Ibuprofen und Paracetamol für Schmerzmittel hergestellt. Die Marktführer bei Vorprodukten für Medikamente sind in den ostchinesischen Provinzen Jiangsu und Shandong angesiedelt, die vergleichsweise moderat von dem neuartigen Coronavirus betroffen sind. Deren Fabriken werden nach jetzigem Stand bereits in einigen Wochen wieder auf Normalniveau produzieren können, meint Bouteiller. Doch auch die unter Quarantäne stehende Provinz Hubei, wo das Virus zuerst aufgetreten war, ist von Relevanz. Hier wird auf absehbare Zeit nicht produziert.

Vor wenigen Tagen teilte bereits die US-Arzneimittelbehörde FDA mit, es gebe erste Engpässe bei einem Arzneimittel, ohne jedoch dieses zu benennen. Österreichs Wirtschaftsministerin Margarete Schramböck (ÖVP) warnte in Brüssel ihre EU-Kollegen: »Es kann nicht sein, dass wir abhängig sind von China im Bereich der Antibiotika.« Die derzeitige Krise sei ein Weckruf für Europa, mehr auf Autonomie zu achten. Die Bremer Gesundheitssenatorin Claudia Bernhard (Linke) kündigte eine Bundesratsinitiative an, um die heimische Arzneimittelversorgung sicherzustellen und Abhängigkeiten abzuschaffen.

Bislang jedoch stehen die warnenden Worte in keinem Bezug zur Realität: Von der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände heißt es, es gebe derzeit keine sich abzeichnenden Lieferengpässe. Nach Angaben des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte basieren 153 in Deutschland zugelassene Arzneimittel auf Wirkstoffen, die aus der Provinz Hubei stammen, wobei 64 von ihnen einen als versorgungsrelevant eingestuften Wirkstoff enthalten. Zum Vergleich: 2019 waren in Deutschland mehr als 100 000 verschreibungspflichtige Medikamente zugelassen.

Pharmaexperte Bouteiller warnt daher trotz der Nachschubprobleme eindrücklich vor Panikmache. »Derzeit haben wir immer noch ausreichend Lagerbestände. In Frankreich etwa gibt es zum Beispiel Aspirin-Vorräte für ein Jahr, wenn es drauf ankommt.« Dass die Verkaufsregale in europäischen Apotheken bald leer stehen, sei nicht abzusehen. »Wirklich ernst wird es für die Arzneimittelproduktion erst, wenn wir einen Ausfall von einem halben Jahr haben sollten.«

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