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Surfen auf der Hai-Insel

Im sächsischen Plauen zeigen Sensoren den Füllstand von Abfallbehältern an

  • Von Harald Lachmann
  • Lesedauer: 4 Min.

Müllentsorgung ist teuer - für die Kommunen wie die Bürger. Als Vorreiter in Deutschland vereinbarte so die sächsische Kreisstadt mit einem Schweizer Hersteller einen günstigen Mietvertrag für ein intelligentes Abfalltonnensystem. So muss man die elektronisch bestückten Edelstahlbehälter zunächst nicht kaufen und gewinnt auch noch Kapazitäten

Rund 13,1 Millionen Tonnen sogenannten Restmüll produzieren inzwischen jährlich die deutschen Hausstände. Ihn zu entsorgen, ist meist Sache der Kommunen oder Landkreise, die dafür ihre Bewohner über Abfallgebühren zur Kasse bitten. Doch dabei tut sich ein überraschend großes Gefälle auf, verrät eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln. Während ein Haushalt in Flensburg hierfür im Schnitt jährlich moderate 123,31 Euro löhnen muss und in Nürnberg 141,73 Euro, sind es in Moers stolze 552,14 Euro und in Leverkusen sogar 770,79 Euro.

Die Ursachen sind strittig. Sie rühren teils aus dem Management oder überholten Abfallerfassungsmodellen, teils aus steigenden Kosten für Müllfahrzeuge, da diese anders als Schneepflüge nicht mautbefreit sind, und selbst aus dem Braunkohleausstieg. Denn mancher Haushaltmüll verbrennt noch in Kraftwerksblöcken. Wo diese abgeschaltet werden, muss er halt anderweitig beseitigt werden.

Auch im sächsischen Vogtlandkreis stiegen 2019 die Abfallgebühren. Statt der bisherigen Jahrespauschale muss nun jede Leerung einzeln bezahlt werden, was fast immer höhere Kosten verursacht. Also hielt sich mancher schadlos, indem er seine Müllsäcke nicht im Container vorm Haus entsorgte, sondern in öffentlichen Papierkörben der Kreisstadt Plauen. Die waren manchmal in wenigen Stunden so voll, dass der zuständige Bauhof mit dem Leeren nicht nachkam. Von Mehrkosten ganz abgesehen.

So kam es Bauhof-Manager Enrico Schmidt wie gerufen, als eines Tages der Vertreter einer Schweizer Firma anklopfte und ein neues Modell präsentierte: den Abfall-Hai. Phonetische Ähnlichkeiten zu »High-Tech« sind dabei beabsichtigt. Denn hinter der Lösung, für die sich die Plauener tatsächlich begeistern ließen, stecken auch allerhand Sensorik und IT. Kommt denn der Chef der Straßenaufsicht morgens in sein Büro, surft er als erstes auf die »Hai-Insel«. Mit einem Blick sieht er dann im PC, was Sache ist: Der Abfallbehälter am Altmarkt signalisiert Rot, am Theaterplatz leuchtet es Gelb, die anderen Papierkörbe der Innenstadt liegen im grünen Bereich...

Damit kann er seine Männer gezielt zum Leeren in die Spur schicken. Denn ein Sensor namens Hai-Auge im Inneren jedes Abfall-Hais erfasst den Füllstand, klassifiziert ihn nach einem Ampelsystem und liefert die Daten mittels eingebautem 3G-Modem online an jene Hai-Insel. Das ist eine speziell hierfür entwickelte Internet-Plattform, die jeden Behälterstandort via Google Maps sogar mit Foto erfasst hat. So muss Schmidt die Fahrzeuge nur rausschicken, wenn wirklich eine Leerung ansteht: »Unnötige Fahrten entfallen, die Leute haben mehr Zeit für andere Arbeiten.«

Besonders clever findet der 37-jährige einen Hai-Zahn, der im Einwurfschlitz weit nach unten ragt: Eine simple Idee, die sich als sehr wirksam erweise, denn so ließen sich hier nicht mehr große Hausmülltüten illegal entsorgen. Zudem könne er dank der intelligenten Abfallkörbe unkompliziert Statistik führen, welche Standorte besonders frequentiert sind, und damit den Leerungsrhythmus präziser anpassen. Auch das spare Kosten.

Die optisch ansprechenden Abfallbehälter aus Edelstahl sind nicht gerade preiswert. Schweizer Qualität eben. »Ab 900 Euro aufwärts pro Tonne«, verrät der Experte. Kein Pappenstiel für eine 65 000-Einwohner-Stadt. So zögerte man anfangs, um sich dann auf einen guten Kompromiss zu einigen: Man mietete die Abfallbehälter für die Innenstadt zunächst nur für ein Jahr. Mit dieser Leasinglösung wurden die Plauener Vorreiter in Deutschland. Vor allem die Konditionen für 14 Tonnen à 110 Liter und eine à 150 Liter hält Schmidt für gut kalkulierbar: »Wir zahlen pro Gefäß und Tag 1,10 Euro.«

Im März will man in Plauen eine Zwischenbilanz ziehen und beraten, ob man den Mietvertrag verlängert, vielleicht gar doch einen Teil der Tonnen kauft.

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