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Leben im Karton

Eine neue Ausstellung präsentiert Mikrowohnungen als Lösung für den Platzmangel

  • Von Rainer Balcerowiak
  • Lesedauer: 3 Min.
Eine Rollstuhlfahrerin diskutiert mit Projektleiterin Annette Müller über die Barrierefreiheit der Modell-Mikrowohnung.
Eine Rollstuhlfahrerin diskutiert mit Projektleiterin Annette Müller über die Barrierefreiheit der Modell-Mikrowohnung.

16 Quadratmeter - so »groß« ist die kleinstmögliche Fläche für eine barrierefreie Wohnung. Zumindest wenn man den Studierenden des Masterstudiengangs Modell und Design an der TU Berlin glauben mag. »Barrierefreies Mikrowohnen« heißt die Ausstellung, die am Montagabend im Foyer der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen in Wilmersdorf eröffnet wurde und auf der zehn Entwürfe für barrierefreie Wohnmodule auf kleinster Fläche gezeigt werden.

Im Mittelpunkt steht das maßstabgetreue Modell einer Musterwohnung, die auf 23 Quadratmetern Küche, Sanitärzelle, Schlaf- und Wohnbereich vereint. Für Barrierefreiheit ist durch entsprechende Grundrisse und Durchgangsbreiten gesorgt. Dazu kommen technische Lösungen: So können Betten und Regale per Fernbedienung oder Smartphone-App in die jeweils gewünschte Position manövriert werden. In einem Entwurf für einen sogar nur 16 Quadratmeter großen »multifunktionalen Einzeller« werden sogar Bett, Küche, Tisch, Stühle und Stauraum in einer umfassend steuerbaren High-Tech-Wohnwand integriert. Zu dem Konzept gehören auch unterschiedliche Varianten des »Co-Living«, also die Schaffung von Gemeinschaftsräumen mit Waschmaschinen, TV-Geräten oder voll ausgestatteten Küchen.

Bei einem Podiumsgespräch zur Ausstellungseröffnung bezeichnete Bausenatorin Katrin Lompscher die Entwürfe als »wichtigen Impuls«: »Steigende Boden- und Mietpreise, mehr Single-Haushalte und eine wachsende Anzahl an Menschen mit Mobilitätseinschränkungen fordern neue Lösungsansätze im Wohnungsbau«, so die Linke-Politikerin. In Berlin liege die durchschnittliche Wohnflächennutzung pro Einwohner über 40 Quadratmeter, in Paris seien es hingegen nur 20 und in Moskau sogar nur zehn Quadratmeter. In einer wachsenden Stadt sei »Flächeneffizienz« daher das Gebot der Stunde, »auch unter dem Gesichtspunkt der Bezahlbarkeit«.

Simon Hawkins, einer der an dem Projekt beteiligten Studenten, hob vor allem die Co-Living-Aspekte hervor: »Braucht denn wirklich jeder eine eigene Waschmaschine und einen eigenen Arbeitsplatz?« Durch die gemeinsame Nutzung von »Co-Working-Spaces«, Veranstaltungsräumen oder Gemeinschaftsgärten seien Funktionalität und Bezahlbarkeit schließlich sichergestellt.

Einige Gäste der Veranstaltung zeigten sich allerdings alles andere als begeistert von der »smarten Wohnzukunft«. Sie zweifelten nicht nur an der Praktikabilität und der tatsächlichen Barrierefreiheit der komprimierten Multifunktionswohnungen. Auch wünschten sich gerade ältere Menschen oftmals eine vertraute Umgebung und entsprechende Privatsphäre, diese Form von »Co-Living« habe »jedoch fast schon Heimcharakter«, kritisierte eine Besucherin.

»Ich wundere mich, dass ausgerechnet Ihre Partei so etwas unterstützt«, sagte eine empörte Rollstuhlfahrerin an Lompscher gerichtet. Schließlich propagiere die Linke-Politikerin doch sonst selbstbestimmtes Wohnen auch für ältere Menschen mit Einschränkungen. »Sie müssen da ja nicht wohnen«, entgegnete der Moderator daraufhin barsch. Lompscher verwies darauf, dass eine umfassende barrierefreie Nachrüstung des Wohnungsbestands nicht finanzierbar und aufgrund baulicher Gegebenheiten in vielen Fällen auch nicht möglich sei. Und beim Neubau müsse der Fokus zwingend auf Flächeneffizienz gerichtet werden.

Projektleiterin Annette Müller räumte ein, dass die Mini-Wohnungen für viele Menschen ein »Umdenken erfordern würden«. Mit den Modellen wolle man jedoch ein Bewusstsein dafür schaffen, dass barrierefreies Mikrowohnen mit Co-Living-Elementen »keinen Verzicht, sondern einen Qualitätsgewinn bedeutet«, da es auch der Gefahr der Vereinsamung im Alter entgegen wirke.

Skeptisch äußerte sich auch Mario Hilgenfeld vom Verband Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen (BBU). Bislang sei Mikrowohnen in Co-Living-Komplexen vor allem für Studenten und Berufspendler ein »interessantes Geschäftsmodell«. Die Frage sei, ob die gezeigten Entwürfe für ältere Menschen »überhaupt praxistauglich sind«. Derzeit würden Mikrowohnungen kaum nachgefragt und würden unter den Bedingungen umfassender Barrierefreiheit »auch sehr teuer werden«. Aber Fragen der Renditelogik auf dem Wohnungsmarkt wurden bei dieser Veranstaltung ohnehin nicht thematisiert.

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