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Links liegen gelassen

Weder in den Medien noch in unter Linken wird viel über die Proteste im südlichen Afrika diskutiert.

  • Von Andreas Bohne
  • Lesedauer: 3 Min.

Seit Monaten schaut die Öffentlichkeit, Politiker*innen und Medien mit Interesse auf soziale und politische Proteste in Libanon, Irak, Algerien, Chile und anderen Ländern. Sub-Sahara-Afrika erscheint jedoch als ein apolitischer Raum ohne Proteste und Widerstände gegen Autokraten und neoliberale Politik - und das zu Unrecht.

In Malawi wurde im vergangenen Jahr gewählt. Demonstrationen gegen Korruption und Wahlfälschung mit bis zu 50 000 Teilnehmer*innen rissen nicht ab. Ein Gericht hat das Wahlergebnis kürzlich annulliert. Jetzt wurden Neuwahlen angekündigt. In Guinea finden Ende 2020 Wahlen statt. Präsident Alpha Condé liebäugelt mit einer dritten Amtszeit, was nach der Verfassung nicht erlaubt wäre. Anfang März soll es zu einer Abstimmung für eine Verfassungsänderung kommen.

Seit Oktober vergangenen Jahres finden in der Hauptstadt Conakry und anderen Städten des Landes Proteste gegen die Ausweitung der Amtszeit statt. In Lesotho protestierten in den vergangenen Monaten immer wieder Lehrer*innen wegen ausstehender Gehaltszahlungen. Als die Regierung ankündigte, an viele Student*innen keine Stipendien mehr zu vergeben, gingen sie selbstorganisiert auf die Straße.

Proteste und Widerstände in den afrikanischen Ländern sind vielfältig, die Dynamiken zwangsläufig unterschiedlich. Ein Vergleich ist nicht möglich, aber einige Gemeinsamkeiten sind sichtbar. Viele Proteste machen sich an Präsidentschaftswahlen fest. Insbesondere Verlängerungen von Amtszeiten oder Wahlausgänge spielen eine bedeutende Rolle in der Mobilisierung. Die Proteste darauf jedoch zu reduzieren, wäre allerdings fatal und delegitimiere die Auseinandersetzungen.

Missmanagement, fehlende soziale Infrastruktur und wirtschaftliche »Strukturanpassungen« spielen ebenso eine große Rolle. Damit erweitert sich die Kritik auf die herrschenden Eliten. Zur Mobilisierung, die oftmals in den Städten erfolgt, bedarf es keiner »charismatischen Anführer*in«, sondern sozialer Medien und des Radios.

Es wäre naiv zu glauben, alle Protestierenden hätten ein gefestigtes linkes Weltbild und seien geschulte Marxist*innen. Zwar benennen sie oftmals soziale Missstände und es fehlt selten an revolutionärem Pathos. Aber die Systemfrage stellen nur wenige der Demonstranten*innen.

Für die Linke hört die Beschäftigung mit Protest und Bewegung geografisch oftmals in Nordafrika auf. Zwar wird gerne das Klischee des »Krisenkontinents Afrika« kritisiert, aber dennoch ist in vielen Köpfen das Bild von Despoten und Diktatoren, der Korruption, der fehlenden linken Akteur*innen und emanzipatorischen Politiken vorhanden. Die vielen Proteste weltweit sind es oftmals wert, gewürdigt zu werden. Aber warum wird das Aufbegehren gegen Eliten in Libanon mehr Bedeutung zu gemessen als der Protest in Guinea? Wieso finden Demonstrationen gegen das neoliberale Bildungssystem in Chile uneingeschränkte Solidarität, ähnliche Kritik von Student*innen in Südafrika oder Lesotho jedoch kaum Aufmerksamkeit? Wieso werden Proteste gegen Wahlfälschungen in Malawi nicht wahrgenommen? Zwingt das alles nicht die Linke zu einer Analyse oder zumindest Wahrnehmung der Proteste - auch wenn die Anzahl der Demonstrierenden nicht so hoch ist wie in anderen Ländern?

Zeitungen und Zeitschriften können sich kein weltweites Korrespondent*innen-Netz leisten. Wenn aus Sub-Sahara-Afrika berichtet wird, dann überwiegend aus Südafrika oder Nairobi, der Hauptstadt Kenias. Und natürlich steht die Aufmerksamkeit der Leser*innen im Vordergrund. Wenige Wochen können Proteste die Menschen fesseln, danach setzt die Ermüdung ein.

Diese Nichtberücksichtigung hat Tradition. Soziale Proteste in Afrika werden nämlich selten als emanzipatorische Prozesse gesehen. Weder in den Medien noch in der Wissenschaft oder unter Linken wird viel darüber diskutiert. Damit wird das (post-)koloniale Bild einer Nicht- oder einseitigen Betrachtung reproduziert. Gerade aktuell, in Zeiten, in denen unter anderem Unternehmer das neoliberal geprägte Narrativ des »Chancenkontinents« mantraartig benutzen, um für Investitionen zu werben, gilt es, anders über Afrika zu sprechen - und vor allem nicht das Bild des lethargischen und apolitischen Kontinents zu verfestigen.

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