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»Die Scham war bedrückend«

Sportmotorik-Dozent Christian Hartmann war dabei, als seine Gäste, Sportwissenschaftler aus Japan, wegen Corona-Angst aus der Leipziger Red Bull Arena verwiesen wurden

  • Von Ulrich Kroemer
  • Lesedauer: 5 Min.

Der Sportmotorik-Experte Dr. Christian Hartmann (67) ist an der Sportwissenschaftlichen Fakultät der Universität Leipzig seit 20 Jahren für einen Austausch mit japanischen Sportwissenschaftlern zuständig. Professoren, Trainer, Sporttherapeuten und Studenten bilden sich in den Fächern Sportmotorik/Trainingswissenschaft fort, die einst in Leipzig begründet und zum Teil Weltruhm erlangt haben.

Neben vielen Theorieveranstaltungen im Intensivkurs, Besuchen des Sportgymnasiums Leipzig, des Olympiastützpunktes und des Instituts für Angewandte Trainingswissenschaft gehören auch Hospitationen bei Trainingseinheiten und Spielen der Handballer des SC DHfK oder bei RB Leipzigs Fußballern dazu. Dabei kam es am Sonntag beim Spiel gegen Bayer Leverkusen zum Eklat, weil die japanische Reisegruppe aus der unbegründeten Angst heraus, sie könnten das Virus Sars-CoV-2 verbreiten, gar nicht erst ins Stadion gelangte, beziehungsweise die Arena 20 Minuten nach Spielbeginn verlassen musste.

Herr Hartmann, was geschah am Sonntag beim Spiel konkret?

Ich hatte Karten für 37 Gäste aus Japan und sechs Kollegen besorgt und war mit meinen Kollegen schon ein wenig früher im Stadion. Die Japaner trudelten nach und nach ein. 20 von ihnen hatten Platz genommen und ich wunderte mich, wo die übrigen blieben. Eine Studentin aus Jena, die ebenfalls an dem Kurs teilnimmt, berichtete mir dann, dass die übrigen 17 Kursteilnehmer am Einlass stünden und nicht eingelassen würden. Ich konnte mir das nicht erklären, weil es ja keine offiziellen Sanktionen wegen des Corona-Virus’ gab, sonst hätte man ja das Spiel absagen müssen. Da kam auch schon ein groß gewachsener Mensch vom Sicherheitsdienst und bat mich mitzukommen. Er war der Einsatzleiter der Security des Blocks, in dem wir saßen, und eröffnete mir, dass die Gruppe das Stadion verlassen müsse. Ich fragte ihn, wie er denn auf die Idee komme.

Und?

Er sagte: Sie wissen schon. Wir sind angehalten, wegen der Corona-Infektionsgefahr zu kontrollieren. Ich fragte ihn, wie er das anstellen wolle. Dann hätte man ja jeden kontrollieren müssen, ob er aus einer Corona-Krisenregion komme. Er antwortete nur, dass er die Anweisung habe, dass die Gruppe nicht an dem Spiel teilnehmen darf. Von wem genau, wollte er mir nicht sagen, das sei von der übergeordneten Leitung so festgelegt. Er habe sich noch einmal vergewissert und müsse mir das nicht weiter erklären.

Weshalb wurden 20 Besucher aus der japanischen Gruppe ins Stadion gelassen, 17 andere aber nicht?

Das habe ich den Mann auch gefragt. Der Sicherheitsmitarbeiter sagte mir, die 20 seien auch schon abgewiesen worden, aber über einen anderen Eingang ins Stadion gelangt.

Wie haben Sie reagiert?

Ich fragte ihn, ob das sein Ernst sei. Doch der Security-Mitarbeiter berief sich darauf, dass er lediglich Anweisungen umsetze. Da habe ich ihm gesagt: Wenn etwa ein Bus mit Italienern vorgefahren wäre, hätten Sie die wahrscheinlich nicht als aus einer Krisenregion stammend identifiziert. Er fragte dann, ob ich ihm Rassismus unterstellen wolle. Ich verneinte das, sagte ihm aber, er müsse sich bewusst sein, welche Kreise es ziehen kann, wenn er die Anweisung durchzieht. Da bedeutete er mir, dass ich das Stadion ebenso verlassen müsse. Er forderte mich auf, dafür zu sorgen, dass die Gruppe ohne großes Aufsehen das Stadion verlässt. Weil ein Student den Vorfall postete, kam es ja dann in Windeseile tatsächlich zu dem Aufschrei, den ich befürchtet hatte.

Auf welcher Grundlage handelte der Sicherheitsdienst? Japan gehörte doch nicht zur gefährdeten Region.

Es ist mir nicht bekannt, ob Ausweise oder Ticket- beziehungsweise Platznummern kontrolliert wurden. Herr Mintzlaff (Geschäftsführer bei RB Leipzig, Anm. d. Red.) betonte bei seiner Entschuldigung, dass die Ordner die Handlungsempfehlung des Robert-Koch-Institutes möglicherweise etwas zu ernst genommen hätten und ein Fehler unterlaufen sei.

Wie haben die Japaner reagiert?

Sie sind zunächst ganz ruhig aufgestanden, ihnen war ja klar, worum es geht, und haben das Stadion ohne Murren verlassen. Am nächsten Morgen hielt dann ein Teil der Gruppe, 15 Studentinnen der MUKOGAWA-Frauen-Universität, eine Krisensitzung mit ihrem betreuenden Professor ab. Sie seien geschockt aufgrund des Vorfalls, hieß es, und haben darüber abgestimmt, ob sie sofort oder früher abreisen oder bis zum Schluss bleiben. Sie haben sich dann zunächst dafür entschieden, der Theorie-Veranstaltungen wegen noch bis zum Donnerstag zu bleiben und dann vier Tage früher abzureisen. Inzwischen haben sie das revidiert und bleiben doch die komplette Zeit.

Empfanden die Betroffenen den Stadionverweis als diskriminierend?

Nein, sie haben akzeptiert, dass das aus Angst vor dem Corona-Virus geschah. Sie haben zu keiner Zeit angedeutet, dass sie sich rassistisch behandelt fühlten. Aber diese Scham, dass sie vor Tausenden von Fans mitten im Spiel aufstehen mussten und weggeführt wurden, empfanden sie als sehr bedrückend.

War das Corona-Virus bei der Reise zuvor ein Thema gewesen?

Ich hatte mich beim Gesundheitsamt informiert, das mir antwortete, dass die Veranstaltung wie geplant stattfinden könne, da Japan keine Krisenregion sei. Inzwischen müssen Japaner bei der Einreise wohl ein Gesundheitszeugnis vorweisen, aber das war vergangene Woche noch nicht der Fall. Weil ich mich absichern wollte, habe ich sicherheitshalber von allen Teilnehmern eine Übersicht anfertigen lassen, in der sie angeben mussten, aus welcher Region sie stammen, in welcher Region sie zudem in den vergangenen 14 Tagen vor der Einreise nach Deutschland gewesen sind und ob sie Symptome einer Krankheit bemerkt haben. Mehr konnte ich nicht tun.

Haben die RB-Manager bei dem Entschuldigungstreffen am Montagabend Konsequenzen angekündigt?

Nein. Und ich will auch nicht, dass der Sicherheitsdienst am Ende als Alleinverantwortlicher für die entstandene Situation dargestellt wird. Es ging dem Klub eher darum auszudrücken, dass im Umgang mit dem Virus alle verunsichert sind, es allen Verantwortlichen unendlich leidtut und dass sie alles tun wollen, um den Schaden wieder gut zu machen. Da die Reisegruppe beim nächsten Heimspiel nicht mehr in Deutschland ist, hat uns RB einen Bus besorgt und wir fahren nun am Samstag nach Wolfsburg zum Auswärtsspiel. Auch am Dienstag waren RB-Vertreter noch einmal eine Stunde lang im Seminar und haben sich vor allen Teilnehmern entschuldigt und jedem Kursteilnehmer ein RB-T-Shirt überreicht.

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