Eine fremde Stille

Statt neuer Beleidigungen zeigten Fußballfans im DFB-Pokal menschliches Feingefühl

  • Von Andreas Morbach
  • Lesedauer: 3 Min.

Mit großer Aufmerksamkeit hatte Peter Bosz den Ausführungen des Kollegen Urs Fischer gelauscht. Nun war er an der Reihe. An diesem Abend jedoch stellte Leverkusens Trainer sein Statement zu Bayers 3:1 im Pokalviertelfinale gegen Union Berlin hintan. »Ich fange heute anders an«, erklärte der Niederländer und sagte: »Ich möchte mich bei den Fans bedanken, wie sie das in der ersten Halbzeit gemacht haben.« Bosz’ Worte galten den Anhängern beider Klubs, die zwischen der 16. und 42. Minute wegen eines Notfalls auf der Tribüne zwar für eine beklemmende Stille im Stadion gesorgt hatten - damit aber zugleich eine Botschaft menschlicher Anteilnahme aussandten.

Ein Zuschauer hatte reanimiert werden müssen. Er wurde ins Krankenhaus gebracht, sein Zustand galt nach Spielende als stabil. Als der Notarzt in Block F1 eintraf, spendete das Publikum zunächst, der Situation angemessen, ruhigen Applaus. Danach lag für eine knappe halbe Stunde eine ungewöhnliche Ruhe über dem Stadion. Selbst das Führungstor der Gäste durch Marcus Ingvartsen bejubelten die Berliner Fans nur kurz.

Als die Sanitäter drei Minuten später in die Arena zurückkehrten, brandete ihnen - nun richtig laut - erneut Beifall entgegen. Der Mann war offensichtlich versorgt, und es konnte wieder wie üblich in allen Ecken geschrien, geklatscht, gefeiert werden. Leverkusen drehte in der zweiten Hälfte durch die Tore von Karim Bellarabi, Charles Aranguiz und Moussa Diaby die Partie und zog doch noch zum sechsten Mal ins Halbfinale des DFB-Pokals ein.

Auch für Unions Trainer Fischer standen danach die speziellen Ereignisse vor der Pause im Mittelpunkt. Dem ins Hospital transportierten Zuschauer schickte der Schweizer beste Genesungswünsche. Und zur gemeinsamen Schweigeaktion der Fans sagte er: »Damit haben sie gezeigt, dass es im Leben Wichtigeres gibt als Fußball - und dass die Gesundheit ein Gut ist, das höher steht.« Dem schloss sich Kollege Bosz umgehend an: »Das ist viel wichtiger als Fußball. Es fühlte sich aber auch fremd an, wenn man nicht weiß, warum es im Stadion so still ist.«

Den Grund erfuhren die Profis der Leverkusener erst nach Spielschluss. »Natürlich war es schwierig, in dem ruhigen Stadion Fußball zu spielen - wenn man nicht genau weiß, was passiert ist«, berichtete Innenverteidiger Sven Bender. Die gespenstisch anmutende Atmosphäre fand er aber auch sportlich passend »zu unserer alles andere als guten Leistung in der ersten Halbzeit«. In der Pause hatte die Mannschaft genug mit sich selbst zu tun. Sie diskutierte lieber über Taktik und Einstellung anstatt über das stille Stadion. Mit Erfolg: »In der zweiten Halbzeit haben wir unser wahres Gesicht gezeigt«, so Bender.

Der 30-Jährige vergaß dennoch nicht, den lange Zeit couragierten Auftritt der Berliner zu loben: »Man muss den Hut vor Union ziehen, sie stehen absolut verdient im Mittelfeld der Bundesliga.« Den Köpenickern war vor allem die gelb-rote Karte gegen Mittelfeldspieler Christopher Lenz (71.) zum Verhängnis geworden. Eine Minute danach traf Bellarabi zum Ausgleich. Zudem gestattete Unions Defensive dem 1,71 Meter großen Aranguiz bei einer Ecke noch einen Kopfballtreffer aus dem Stand. »Da musste mal das Kopfballungeheuer Charly herhalten«, scherzte Bender.

Überhaupt nicht lustig gemeint waren dagegen die Transparente, die Anhänger beider Klubs während des Pokalduells präsentierten. »Der DFB bricht sein Wort - schützt lieber seine Sponsoren statt Akteure im Fußballsport! - Torunarigha - Kwadwo«, nannte Bayers Gefolgschaft dabei die Namen der beiden Fußballer, die in deutschen Stadien zuletzt rassistisch beleidigt worden waren. Die Union-Fans monierten nach der Pause via Plakat und mit Blick auf die jüngsten Vorfälle um Hoffenheims Mäzen Dietmar Hopp und die Haltung des DFB überaus gewitzt: »Hopp, hopp, hopp, der Verband folgt im Galopp«. Auch das waren starke Botschaften.

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