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Frauen in der Umweltbewegung

Dabei sein ist nicht alles

Frauen waren schon immer aktiv in der Umweltbewegung - in der Klimabewegung soll sich das endlich auch in den Strukturen widerspiegeln.

Von Haidy Damm

Klar, es gibt sie, wie in so vielen Bereichen: berühmte Frauen in der Umweltbewegung. Rachel Carson etwa, die 1962 mit ihrem Buch »Stummer Frühling« über die schwindende Artenvielfalt durch den Einsatz von Pestiziden für Furore sorgte und die Umweltbewegung weltweit inspirierte. Erna Kretschmann, die Erfinderin der DDR-Naturschutz-Eule. Die kenianische Friedensnobelpreisträgerin, Wangari Maathai, die jahrzehntelang gegen die Entwaldung in Kenia kämpfte. Die Trägerin des Deutschen Umweltpreises und langjährige Vorsitzende des Umweltverbandes BUND, Angelika Zahrnt, die als »Mutter der Nachhaltigkeit« gilt. Geht es um das Erzählmodell »Große Männer machen Geschichte«, lassen sich also durchaus Namen finden, die sich als weibliche Galionsfiguren eignen.

Dabei galt noch der Naturschutz des 19. und frühen 20. Jahrhunderts - trotz einiger Frauen*, die in der Öffentlichkeit standen - in Deutschland als Männerdomäne. Bei Naturwanderungen waren zwar viele Frauen* dabei, schreibt die Autorin Beate Ahr, aber in die öffentlichen Ämter schafften sie es aufgrund der patriarchalen Gesetze nicht. Bis heute sind es wohl eher die patriarchalen Gesetzmäßigkeiten, die Frauen* von Vorstandsposten fernhalten. So charakterisierte Hubert Weinzierl, langjähriger Vorsitzender des Bund Naturschutz in Bayern, die Umweltbewegung in einem Interview 2012 als »männlich und machtorientiert«. Aktuell sind bei den sieben großen Umweltverbänden alle Führungspositionen mit Männern besetzt, ihre Stellvertreter*innen sind in einigen Fällen Frauen*. Beim Naturschutzbund, der 1910 von Lina Hähnle gegründet wurde, gab es unter den Präsidenten des Verbandes seit 1945 keine einzige Frau.

Auf der Straße ergibt sich ein anderes Bild. Beim Ostertreffen der Gorlebenfrauen gegen Atomkraft trafen sich 1980 über 3000 Frauen* und zogen vor den Bohrturm. Und nach der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl 1986 waren laut Forschungen der Historikerin Astrid Mignon Kirchhof 37 Prozent der neuen Gruppen reine Mütterinitiativen. Frauen* sind auf Demonstrationen nicht selten in den ersten Reihen zu finden, bei Blockaden hängen sie genauso in den Bäumen oder sitzen vor Polizeiketten. Helga Stieglmeier, lange Jahre Sprecherin des Bündnisses »Aufgemuckt« gegen die dritte Startbahn am Flughafen München, erinnert sich: »Immer schon waren viele Frauen an der Basis dabei, haben Demonstrationen vorbereitet und im Hintergrund gearbeitet. Wenn es aber um die Frage ging, wer redet auf der Demo, dann waren die Männer präsent und die Frauen verschwunden.«

Hysterisch oder engagiert?

Den Umweltverbänden bescheinigt Stieglmeier noch immer »sehr aktive Männerseilschaften«. Es fehle nach wie vor am Bewusstsein, dass von Parität die gesamte Gesellschaft profitiere. »Eine Frau wird anders beurteilt, da wird geguckt, was hat sie an, lächelt sie und wenn sie leidenschaftlich für eine Sache eintritt, gilt sie schnell als hysterisch. Bei Männern heißt das ›engagiert‹«, sagt die Grünenpolitikerin dem »nd«. Ohne strukturelle Veränderungen wie eine Frauenquote werde sich das wohl nicht ändern - auch wenn sie in der jüngeren Bewegung ein neues Bewusstsein für Genderfragen wahrnimmt.

Im Fall der aktuellen Klimastreiks hat eine Untersuchung der TU Chemnitz ergeben, dass bis zu 70 Prozent der jüngeren Teilnehmenden weiblich waren. Nach Untersuchungen der Berliner Humboldt-Universität identifizierten sich im September 2019 beim Klimastreik 59 Prozent der Teilnehmer*innen als weiblich. Diese Tendenz finde sich in allen Altersgruppen: »Wenn wir die Länderergebnisse zusammenfassen, finden wir in jeder Altersgruppe weibliche Mehrheiten.«

Auffällig ist, dass es hier neben Greta Thunberg viele junge Frauen* gibt, die aktiv Sprecherinnenrollen übernehmen. Das Bündnis »Ende Gelände« hat dennoch in einer Medienanalyse festgestellt: Der männliche Sprecher wurde deutlich öfter zitiert, auch wenn der Redeanteil ursprünglich gleich groß war. Also entschied das Bündnis: Pressesprecherinnen werden jetzt erst mal nur Frauen*, 100 Prozent Frauenquote. »Wir sind nicht nur eine Bewegung, die sich das Ziel der Reduktion fossiler Energien zum Ziel gesetzt hat«, sagt Ronja Weil, eine Pressesprecherin von »Ende Gelände« dem »nd«. »Wir sind ebenso eine feministische Bewegung und setzen uns mit anderen Unterdrückungsmechanismen auseinander.« Feminismus sei sowohl das Ziel als auch der Weg zu einer neuen Gesellschaft.

Geht es um Umwelt und Natur, wird Frauen* sozialwissenschaftlich gerne eine größere Nähe zugeschrieben. »Nun könnte man sagen, Umwelt wird eben oft als Frauenthema gesehen, und das nicht nur, weil es da um Pflanzen und Tiere geht und Frauen das angeblich mögen, sondern auch, weil es ums Kümmern geht und Mädchen eher dazu erzogen werden, sich umsichtig zu verhalten«, schreibt die Kolumnistin Margarete Stokowski.

Tatsächlich belegen Genderstudien des Umweltbundesamtes von 2018, dass Frauen* eher zu einem bewussten Umgang mit der Umweltproblematik neigen. Laut der aktuellen Studie des Umweltbundesamtes zu »Umweltbewusstsein in Deutschland« sind Frauen beim Thema Umwelt in allen Altersbereichen überrepräsentiert. Die Zeitschrift »Spektrum Wissenschaft« fragte im vergangenen Jahr gar: »Ist öko zu unmännlich?« Die Marketing-Forscher Aaron Brough und James Wilkie sahen in einer Studie ihre These bestätigt, Umweltschutz sei für Männer zu feminin, also uncool. Sie schlagen Umweltorganisationen vor, mehr mit sogenannten männlichen Attributen - etwa heulende Wölfe - zu werben.