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Socialmedia Stars

Harte Arbeit

Natalie Wynn und ihr Youtube-Kanal «ContraPoints».

Von Johannes Simon

Es herrscht ein Religionskrieg in unserem Land, ein kultureller Krieg um die Seele Amerikas.« Das sagte der Proto-Trump Patrick Buchanan auf dem Parteitag der Republikaner 1992 in seiner berühmt gewordenen »Culture Wars«-Rede. Der »Kulturkampf« tobt noch heute in unseren polarisierten Gesellschaften, und seit einigen Jahren immer heftiger - ein diffuser Dauerkonflikt, bei dem niemand genau weiß, wo er anfängt und wo er endet, wo es immer um alles geht und um Nichtigkeiten - um übermalte Gedichte, Karnevalswitze und die Grundlagen des gesellschaftlichen Zusammenlebens.

Wenn man diesen »Krieg« schon führen muss, kann man sich dabei nur Kämpfer wünschen wie Natalie Wynn. Die 31-Jährige betreibt einen Youtubekanal namens »ContraPoints« mit fast einer Million Abonnenten. Dort schlüpft sie in verschiedene Rollen, wie etwa die der dekadenten Frau mit leichtem Alkoholproblem - und nimmt Argumente der Rechten auseinander, klärt über den Kapitalismus auf und setzt sich mit Debatten um die Rechte von Transpersonen auseinander.

Intellektuelle Tiefe

Eigentlich hatte Wynn damit begonnen, in Philosophie zu promovieren - in ihren Videos zeigt sie oft beachtliche intellektuelle Tiefe -, doch mit den an den Universitäten geführten Debatten konnte sie wenig anfangen: Man kreiste dort um sich selbst, blieb unter sich - während gleichzeitig im Internet eine Welle reaktionären Gedankenguts heranrollte. Um dem etwas entgegenzusetzen, schuf Natalie Wynn ihren eigenen Youtubekanal - im Jahr 2016, dem Urknall der neuesten Runde der US-amerikanischen »culture wars«.

Dass sie damit schnell ziemlich erfolgreich war, lag vor allem an ihrem Stil: Während die meisten politischen Youtuber einfach nur in die Kamera hineinmonologisieren, sind Wynns Videos aufwendig produziert. Mit pompös gestalteten Sets und ständig wechselnden Kostümen kultiviert sie eine sehr individuelle campy Drag-Ästhetik. Vor allem aber sind ihre Videos witzig, geistreich und gut geschrieben.

Ein zentraler Aspekt von »ContraPoints« ist die Auseinandersetzung mit rechten Ideologien. Eines der meistgeklickten Videos verhandelt den reaktionären Selbsthilfeguru und Psychologieprofessor Jordan Peterson, der sich in den letzten Jahren (unter anderem auf Youtube) eine Fangemeinde aufgebaut hat, die vor allem aus deprimierten jungen Männern zu bestehen scheint. Peterson selbst versteht sich als Kulturkämpfer gegen einen »postmodernen Marxismus«, der »den Westen« von innen zerstöre - mit Hilfe von Transgenderrechten. Wynn tritt dem ganzen mit angemessener Verachtung entgegen, nimmt Petersons Anhänger aber auch ernst genug, um ihre Ansichten fundiert zu widerlegen.

Gegen Wahn und Ideologien

In einem anderen Video diskutiert sie die Gedankenwelt der »incels« - das sind junge Männer, die eine ganze Weltsicht auf der Tatsache aufbauen, dass sie keine Partnerin finden. Schonungslos analysiert Wynn die extreme Misogynie und die wahnhaften Aspekte der »incel«-Ideologie. Doch zeigt sie dabei auch Empathie, spricht von ihren eigenen schmerzhaften Erfahrungen als Transfrau und diagnostiziert die klägliche Lage, in der sich viele dieser »Incels« befinden: Sie sind selbst Opfer des Patriarchats geworden. Es ist dieses besondere Talent der Youtuberin, nicht einfach progressive Lehrmeinungen zu dozieren, sondern einen Gegenstand in seiner ganzen Komplexität und auch Widersprüchlichkeit darzustellen.

Incels | ContraPoints

Oft schlüpft Wynn in verschiedene Rollen, die politische Archetypen repräsentieren - ein Stilmittel, mit dem sich besonders gut Ambivalenzen inszenieren lassen. Etwa als sie diskutiert, ob es Sinn ergibt, »Nazis eine reinzuhauen«, also mit Gewalt gegen Faschisten vorzugehen. Sie lässt auch den Zweifel zu, dass politische Gewalt nicht immer der ideale Weg ist, mit dem Aufstieg Donald Trumps umzugehen. Sie schafft einen schwierigen Drahtseilakt: Einerseits sind ihre Videos Propaganda im besten Sinne, andererseits respektiert sie ihr Publikum und setzt sich fundiert mit komplexen Argumenten auseinander. Auch Linke nimmt Wynn immer wieder aufs Korn, besonders deren narzisstischen Unwillen, ein breites Publikum anzusprechen.

Nichtbinäre Menschen wahrnehmen

In einem Interview beschwerte Wynn sich über die Tendenz vieler Linker, Teile der Bevölkerung im Vorhinein abzuschreiben, weil sich diese noch nicht auf dem neuesten Stand der progressiven Bewegung befinden. Stattdessen müsse man anerkennen, dass man in vielen Bereichen erst ganz am Anfang des Kampfes stehe. »Wenn es zum Beispiel um die Belange von nichtbinären Menschen geht [Menschen, die ihre geschlechtliche Identität jenseits der binären Geschlechterordnung verorten, Anm. d. A.], wissen die meisten noch nicht einmal, was das ist. Die harte Arbeit liegt noch vor uns, und dazu gehört auch, effektiv kommunizieren zu können.«

Dieser Pragmatismus, diese Ambivalenz und Offenheit, die man keineswegs mit läppischer Kompromissbereitschaft verwechseln sollte, kommt nicht bei allen gut an. Anfang Januar brachte »ContraPoints« ein Video heraus, das davon handelt, wie sie selbst von linken Onlineaktivisten attackiert wird. Das Video verweist schon im Titel auf ein - unter Linken zumindest - brisantes Thema: die »Cancel Culture«. Gemeint ist damit, dass berühmte Menschen, die sich eines moralischen Fehltrittes schuldig machen, aus der Öffentlichkeit gefegt werden und manchmal ihre Karriere verlieren. Natalie Wynn weiß, dass sie sich dabei auf vermintes Gelände begibt.

In der Debatte um »Cancel Culture« gäbe es zwei klassische Positionen, sagt sie am Anfang ihres Videos: ältere, männliche Comedians, die sich über die hypersensible »Generation Snowflake« aufregen, und linksliberale Autoren, die schlicht behaupteten, es gäbe gar keine »Cancel Culture« - es würden nur einige mächtige Menschen endlich für ihre Taten verantwortlich gemacht. Doch für Wynn stimmt beides nicht: Das Versprechen sei gewesen, dass es den Machtlosen und Marginalisierten endlich die Möglichkeit geben würde, sich zu wehren. Aber so wie die Guillotine zuerst als Symbol gerechter Gewalt galt, habe sich die »Cancel Culture« verselbstständigt. Das Ergebnis sei Selbstjustiz, die auf Schwarz-Weiß-Denken basiert: Menschen würden in Gut und Böse eingeteilt, und wer sich eine Transgression zuschulden kommen lasse, werde zu den Bösen gezählt. Die Diskussion ist vertrackt; die Herausforderung besteht darin, dass sich scheinbar widersprechende Dinge wahr sind. »ContraPoints« wirkt da mediativ.

Natalie Wynn steht für eine Linke, die radikale Kritik übt und verbreitet, nicht weil man sich moralisch über andere erheben möchte, sondern weil es aufregend und befreiend ist; die in der globalen Populärkultur ganz selbstverständlich zu Hause ist und trotzdem intellektuell anspruchsvoll bleibt; und die einen empathischen Blick auf die Menschen wirft - und wer völlig unproblematisch ist, werfe den ersten Stein.

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