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Molekül? Moloch? Monokel? Mein Onkel?

Jenny Jägerfeld lässt ihre Heldin selbst im größten Kummer etwas Komisches entdecken

Sasha Rein ist gerade erst zwölf Jahre alt geworden, weiß aber definitiv schon, was sie nach der Schule für einen Beruf ergreifen möchte: Stand-up-Komikerin wird sie werden. Das flüstert sie ihrer besten Freundin Metti Sköld im Geografieunterricht zu. Ich habe wichtigere Dinge, über die ich nachdenken muss, als irgendwelche albernen Erdkrusten, sagt sie, während ihre Lehrerin Cecilia einige Parameter des Heimatplaneten abfragt. Wie wäre es jetzt mit einem Glas Saft und einem Erdkrustenbrot, haha?

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Jenny Jägerfeld: Comedy Queen.
A. d. Schwed. v. Birgitta Kicherer. Urachhaus, 247 S., geb., 17 €.

Sasha sieht förmlich vor sich, wie alle in der Klasse vor Lachen über ihre Witze explodieren. Sie fallen vom Stuhl, Cecilia auch. Sie können nicht mehr reden, sie wälzen sich auf dem Boden und brüllen hysterisch. Das ist natürlich ein Traum. Sasha ist sich vollkommen darüber im Klaren: So weit ist es noch lange nicht. Um dahin zu kommen, muss sie hart und gezielt arbeiten und erst einmal die Frage beantworten, was eigentlich komisch ist.

Autorin Jenny Jägerfeld hat mit ihrem vor Witz nur so sprühenden Roman allerdings mehr im Sinn, als nur das Leben einer Zwölfjährigen zu erzählen, die es auf die Bühne schaffen will. Sie nähert sich auf elegante Art einem Tabuthema - denn Sashas geliebte Mama hat sich vor wenigen Monaten das Leben genommen. Sie war depressiv - und nun müssen Sasha und ihr Vater Abbe zusehen, wie sie mit diesem Verlust weiterleben können. Während der Vater viel weint, hat sich das Mädchen geschworen, genau das nicht zu tun. Jedes Mal, wenn sie spürt, wie die Augen langsam feucht werden und überzulaufen drohen, schmeißt sie sich flach auf den Boden und versucht krampfhaft, das Wasser in die Augen zurücklaufen zu lassen.

Um keinen Preis der Welt weinen, ist Sashas wichtigste Maxime. Dies gehört ebenso zu ihrem 7-Punkte-Plan wie nicht mehr besonders viel nachzudenken, keine Bücher mehr zu lesen, statt schwarzer Sachen nur bunte Outfits zu tragen und niemals zu versuchen, sich um ein lebendes Wesen zu sorgen. Schließlich waren das alles Dinge, die ihrer Mutter anscheinend zum Verhängnis geworden waren, oder? Bis jetzt ist sich Sasha da ganz sicher. Das wird ihr jedenfalls nicht passieren.

Wer nun glaubt, die in Stockholm lebende Psychologin und Journalistin Jägerfeld hat sich all die Traumata von der Seele geschrieben, die sie ihn ihrem Berufsleben im Umgang mit dem schwer zu verstehenden Thema Suizid kennengelernt hat, der irrt. Schwermut kommt gar nicht erst auf, denn die Möchtegern-Komödiantin ist tatsächlich ein ulkiges Talent.

Immerzu muss man schmunzeln, wenn sie Mitschüler, Lehrer und Freunde beschreibt, erst recht aber bei den lustigen Wortspielen. Heißt diese komische Brille für Einäugige nun Molekül oder Moloch oder Monokel oder mein Onkel? Dann die Geschichte mit den Aborigines. Sasha verwechselt sie doch tatsächlich mit den Auberginen. Die seien dafür berühmt, den Bumerang erfunden zu haben, erklärt sie im Unterricht. Großes Gelächter bei den Mitschülern, besonders bei der verhassten Tyra. »Hahaha! Aha! Und die Möhren?«, ruft diese. »Was haben die erfunden? Die Panflöte, oder was?«

Der Autorin gelingt es, ihrer Protagonistin mit jedem Schritt zur erfolgreichen Spaßmacherin ein Stückchen ihrer Verzweiflung und ihres Kummers über den Tod der Mutter zu nehmen. Die Lebensfreude gewinnt, und Tränen rinnen am Ende höchstens noch vor lauter Lachen.

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