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Zu Ehren des gewaltigen Himmelslichtes

Rüdiger Fikentscher lädt ein zu Reisen im 19. Jahrhundert

  • Von Franziska Klein
  • Lesedauer: 4 Min.

»Auf hinaus in die weite Welt/ Drauf war mir ehedem der Sinn gestellt,/ Mehr als die Weisheit aller Weisen/ Galt nur reisen, reisen, reisen.« Mit diesem Zitat von Theodor Fontane eröffnet Rüdiger Fikentscher sein unterhaltsames wie informatives Buch. Bevor er allerdings zu seinem eigentlichen Thema kommt, blickt er zurück in die Geschichte.

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Rüdiger Fikentscher: Deutschland und anderswo. Reiserlebnisse im 19. Jahrhundert.
Mitteldeutscher Verlag, 280 S., geb., 24 €.

Für die Herrschenden im Mittelalter war das Reisen unverzichtbar, merkt der Autor an. Fränkische Könige fuhren recht unbequem noch in Ochsenkarren, spätere deutsche Könige und Kaiser ritten auf Pferderücken von Pfalz zu Pfalz. Friedrich I., genannt Barbarossa, brauchte für die 260 Kilometer lange Strecke von Frankfurt am Main bis Aachen, wo er am 8. März 1152 zum Oberhaupt des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation gekrönt wurde, zwei Tage. Er fuhr zunächst per Schiff, um dann auf einen Gaul umzusatteln. Für den Autor eine beachtliche Leistung, dass der Staufer 87 Kilometer pro Tag geschafft hat - eine Ausnahme, betrug doch die durchschnittliche Reisegeschwindigkeit damals 20 bis 35 Kilometer pro Tag.

»Für die mittellose Bevölkerung, sofern sie überhaupt Möglichkeit und Anlass zum Reisen hatte, war die Fußreise seit dem Altertum die einzige Form der Fortbewegung«, lesen wir hier und erfahren viel Interessantes über eine besondere Gruppe unter den Fußreisenden, nämlich über die zahlreichen Wallfahrer und Pilger.

Seit dem 14. Jahrhundert, so klärt Fikentscher weiter auf, wurden gefederte Pferdewagen gebaut, im 15. Jahrhundert dann die ersten Kutschen. Das Wort Kutsche stammt aus dem Ungarischen - »Kosci« meinte Fortbewegungsmittel, die ursprünglich aus Kosc kamen. Der Bau unterschiedlicher Kutschen war eine der entscheidenden Voraussetzungen für das sich entwickelnde Postwesen; die erste deutsche Postkutsche nahm 1623 zwischen Düsseldorf und Wesel ihren Betrieb auf.

Ab dem 18. Jahrhundert waren dann die sogenannten Kavaliersreisen, auch »Grand Tour« geheißen, ein Muss für junge adlige Herren. Die Zahl der überlieferten Reiseberichte ist immens. Nicht nur zum Vergnügen wie viele Blaublüter, sondern vor allem zwecks kulturellen Austausches und geistiger Anregung begab sich Friedrich Wilhelm von Erdmannsdorff auf Reisen: Das von ihm angelegte, in unserer Zeit von der UNESCO zum Weltkulturerbe erhobene Gartenreich von Dessau-Wörlitz ist beeinflusst von der Fantasie und Kreativität englischer Landschaftsgestalter.

Weltbekannt ist die »Italienische Reise« von Johann Wolfgang Goethe, die er 1786 startete. Am 11. September notierte er über seine Fahrt vom Brenner bis Verona: »Der Postillon schief ein, und die Pferde liefen den schnellsten Trab herunter, immer auf dem bekannten Wege fort.« Und am Tag danach: »Eine arme Frau rief mich an, ich möchte ihr Kind in den Wagen nehmen, weil ihm der heiße Boden die Füße verbrenne. Ich übte diese Mildtätigkeit zu Ehren des gewaltigen Himmelslichtes.«

Eine Revolution erfuhr das Reisen mit der der ersten Dampflok von James Stephenson 1825. Die erste mit Lokomotiven betriebene Eisenbahn in Deutschland, die »Ludwigsbahn«, nahm 1836 den Personenverkehr von Nürnberg nach Fürth auf, informiert Fikentscher. Der Autor berichtet akribisch über die Fortschritte im Ausbau des Eisenbahnnetzes und über stattlicher werdende Bahnhöfe, »Brückenköpfe des neuen Verkehrs«. Er zitiert aus Berichten von Reisenden und stellt Reiselektüre des 19. Jahrhunderts vor.

Der geografische Raum seiner spannenden Exkursion umfasst Deutschland und Österreich, Frankreich und England, mit Stippvisiten nach Übersee. Auf Reisen begaben sich nunmehr auch Bürgerliche, vom wohlhabenden Geschäftsmann bis hin zum Wissenschaftler. In Reiseberichten und Briefen an die Daheimgebliebenen werden auch politische Ereignisse reflektiert, beispielsweise der Deutsch-Französische Krieg von 1870/71.

Zu den von Fikentscher zitierten verwandtschaftlich verbandelten und irgendwie mit dem sächsischen Zwickau verbundenen Reisenden gehören zwei Frauen. Frida Schubert reiste 1909 mit ihrem Mann nach Ägypten und berichtete über die dort begonnenen Ausgrabungen. 1922 erschien von ihr ein kleines Büchlein, das ihr Mann löblicherweise Korrektur gelesen hat (für gewöhnlich verhält es sich bis heute vielfach eher umgekehrt). Frida Schubert schwärmt: »Was für wundervolle Bilder zogen da an uns vorüber! Gleich hinter Kairo sehen wir zum ersten Male die Pyramiden in ihrer überwältigenden Größe; wegen der jährlichen Nilüberschwemmungen sind breite Dämme aufgerichtet, die als Verkehrsstraße dienen und auf denen Eselreiter, schwarzverhüllte Frauen, Kamelkarawanen (...) daherziehen.«

Die aufmerksame Beobachterin merkt aber auch ein uns - exakter: Afrikaner - noch heute bedrängendes Problem an, das mit dem Klimawandel immer dramatischer wird: »Wo der Mensch nicht täglich den Kampf mit der Wüste aufnimmt, dringt sie vor und überschüttet das ihr mühsam abgerungene Fruchtland mit ihrem Sand.«

»Wenn jemand eine Reise tut, so kann er was erzählen«, heißt es in »Urians Reise um die Welt« von Matthias Claudius. Wer dieses Buch liest, kann hernach Freunden und Verwandten auch viel erzählen.

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