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ADN hört alles, ADN sieht alles, berichtet nur nicht über alles

Ein kritischer Rückblick des DDR-Korrespondenten Gerhard Feldbauer auf seine Jahre in Italien

  • Von Siegfried Prokop
  • Lesedauer: 3 Min.

Von 1973 bis 1979 war Gerhard Feldbauer als Korrespondent des Allgemeinen Deutschen Nachrichtendienstes (ADN) der DDR in Rom tätig. Zusammen mit seiner Frau Irene wurde er Zeitzeuge dramatischer Ereignisse, die Auswirkungen bis in die Gegenwart zeitigen. Dazu zählten die »anni di piombo«, die sogenannten bleiernen Jahre, mit der von der CIA und ihren italienischen Partnern organisierten »Spannungsstrategie«, die Tausende von Anschlägen, Hunderte Tote und noch mehr Verletzte zu verantworten hatte.

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Gerhard Feldbauer: Umbruchsjahre in Italien. Als Auslandskorrespondent in Rom. Papyrossa, 158 S., br., 15 €.

Feldbauer geht auf zwei faschistische Putschversuche ein, deren innere Triebkraft die bereits 1946 mithilfe der USA als Nachfolger der Partei Mussolinis gegründete Movimento Sociale Italiano (MSI) war, umgeben von einem breiten Netz zahlreicher Terrorbanden. Die Italienische Kommunistische Partei (IKP) mit ihrer starken Verwurzelung in der antifaschistischen Bewegung, der Resistenza, bildete den Gegenpol. Mit über zwei Millionen Mitgliedern und rund 34 Prozent der Wählerstimmen bei den Parlamentswahlen 1976 war sie die stärkste kommunistische Partei der kapitalistischen Industriestaaten.

Feldbauer, der gute Kontakte zu führenden Persönlichkeiten der IKP hatte und viele Quellen auswertete, stellt auch mit Blick auf die Situation der DDR 1989/90 bisherige Erkenntnisse auf den Prüfstand.

IKP-Generalsekretär Enrico Berlinguer und der linksliberale Vorsitzende der Christdemokraten und mehrmalige Ministerpräsident Aldo Moro entschlossen sich 1978 zu einem »Historischen Kompromiss«. Moro fiel jedoch einem von der CIA zur Verhinderung einer Regierungsbeteiligung der IKP inszenierten Mordkomplott zum Opfer. Dafür ließen sich die von Geheimdienstagenten unterwanderten linksextremen Roten Brigaden als Werkzeug einspannen. Auf dem IKP-Parteitag 1979 erklärte Berlinguer, dass der Historische Kompromiss gescheitert war.

Luigi Longo, Generalsekretär der IKP von 1964 bis 1972, hatte zum Compromesso storico eine sehr kritische Haltung bezogen. Er wandte sich gegen das Aufgeben von Klassenpositionen durch die Partei und gegen die absurde Bewertung der Nato als »Schutzschild« eines italienischen Weges zum Sozialismus. Die radikale Linke, die in Italien zahlreiche Anhänger hatte, lehnte den Compromesso storico als Verrat an den revolutionären Zielen der kommunistischen Bewegung gänzlich ab.

Feldbauer kommt zu dem Schluss, dass trotz der Niederlage des Historischen Kompromisses, trotz des Verschwindens des Eurokommunismus von der politischen Bühne »der Sozialdemokratismus an Boden« gewann und so »zum Verschwinden der Partei« führte.

Feldbauer plaudert unbefangen über den Journalistenalltag. Nicht alle Informationen gelangten an die Öffentlichkeit; das geschah zum Beispiel nicht, wenn sich Berlinguer wieder einmal kritisch zu Moskau geäußert hatte. Solche Informationen gingen in ein gesondertes Bulletin des ADN ein - mit dem Vermerk: »Nicht zur Veröffentlichung bestimmt«. In der Agentur selbst kursierte der alles sagende selbstkritische Spruch: »ADN hört alles, ADN sieht alles. ADN berichtet nur nicht über alles.«

Überraschend anerkennende Worte findet Feldbauer zu Joachim Herrmann, der nach dem tragischen Tod von Werner Lamberz 1978 dessen Nachfolger als Verantwortlicher für Agitation und Propaganda im SED-Zentralkomitee wurde. Klaus Gysi, von 1973 bis 1978 DDR-Botschafter in Rom, wird als faszinierende, in Italien hochgeachtete Persönlichkeit geschildert.

Dass dessen Sohn Gregor im Januar 1990 nach Rom eilte, um bei Achille Occhetto, dem letzten IKP-Generalsekretär, dessen Erfahrungen während der Umwandlung der IKP in eine sozialdemokratische Linkspartei zu studieren, wird kritisch vermerkt. Jedoch hätte hier ergänzt werden müssen, dass der deutschen Partei mit der Transformation der SED zur PDS in einem langen und schwierigen Prozess ein fester Platz im Parteiensystem der Bundesrepublik gesichert werden konnte.

Wie es dazu kam, dass zu einer Reihe westdeutscher Kollegen sachliche Kontakte entstanden, wird dem Leser selbstredend nicht vorenthalten.

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