Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Verschwundene Gewissheiten, bestärkte Einsichten

Manfred Weißbecker offeriert Erkenntnisse, Einsichten und Erinnerungen, die für die heutige Auseinandersetzung mit rechts hilfreich sind

In einem Artikel für eine thüringische Zeitung schrieb Manfred Weißbecker 1977 hinsichtlich des Hypes um Hitler in der bundesdeutschen Presse, der Diktator und dessen Kumpane gehörten wohl in das Panoptikum der Geschichte, nicht jedoch in ein mediales Pantheon; die Massenmörder und Kriegsverbrecher hätten sich ein für alle Mal desavouiert. Nunmehr konstatiert der Faschismusforscher: »Von solcher Gewissheit darf sich heute niemand mehr leiten lassen. Die seit 1945 kontinuierlich vorhandenen und wirksamen rechten Ränder der bundesrepublikanischen Gesellschaft entfalten neue Zugkraft, erhalten auch aus der sogenannten Mitte der Gesellschaft beträchtlichen Zulauf und organisieren zunehmend Gewaltakte, auch Morde, die offiziell immer noch ›Einzeltätern‹ zugeschrieben werden.«

• Buch im nd-Shop bestellen
Manfred Weißbecker: Noch einmal über die Bücher gehen. Texte aus einem Historikerleben.
PapyRossa, 468 S., br., 32 €.

Der über drei Jahrzehnte an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena tätige Wissenschaftler erkennt in rechten Umtriebe und Tendenzen in Bundeswehr, Polizei, Verfassungsschutz, Verwaltung sowie an Universitäten und anderen Bildungseinrichtungen »jenen Eisberg, dessen bedrohliche Ausmaße sich erst unter der Oberfläche des Wassers zeigen«. Er warnt zudem davor, »auf ein vorgeblich demokratisches und angeblich nicht nationalsozialistisches Denken in der AfD zu vertrauen«. Vergleiche man Erscheinungen in den letzten Jahren der Weimarer Republik mit heutigen, seien trotz genereller Unterschiede viele Gemeinsamkeiten zu finden. »Leider.«

Mit einem Rückblick und Rückgriff auf seine wissenschaftlichen Arbeiten und die seiner Kollegen im Geiste hofft er einen Beitrag zur Aufklärung zu leisten. Denn dieser Historiker ist ein Zoon politikon, ein aufmerksamer, kritischer Zeitgenosse: »Mein Blick kommt nicht aus ohne den auf unsere Gegenwart, erst recht nicht ohne den auf neue Gefährdungen unserer Zukunft.« In der Tat ist sein Buch - das er in Anlehnung an eine Replik des westdeutschen Philosophen Jürgen Mittelstraß auf die »fehlgelaufene« Evaluierung ostdeutscher Wissenschaftler »Noch einmal über die Bücher gehen« titelte - eine wahre Fundgrube von Argumenten für die Auseinandersetzung mit rechten Populisten und Propagandisten.

Weißbecker wünscht sich in der heutigen Erinnerungskultur fest verankert auch die Vorgeschichte der NS-Verbrechen sowie die ungenutzten Möglichkeiten ihrer Verhinderung. Es sollte Allgemeingut sein, wie Faschismus möglich wurde, wie sich die Naziideologie schon lange vor 1933 entfalten durfte, wie und weshalb antidemokratische und terroristische Organisationen im parlamentarischen System geduldet worden sind, »wie weggeschaut und verharmlost wurde«. Dazu gehört das Wissen darum, dass die NSDAP zunächst von nationalkonservativen Kreisen als willkommener Juniorpartner gegen links gehätschelt wurde. Ein Schelm, wer da an heute denkt?

»Natürlich kann und wird es eine schlichte Wiederholung nicht geben«, weiß Weißbecker, »wohl aber lassen sich trotz aller zeitbedingten Unterschiede ... gewisse Übereinstimmungen, strukturelle Parallelen sowie neuerliche Notlagen erkennen«. Ähnlichkeiten sind beispielsweise erkennbar zwischen dem Vorstoß der Nazis einst vom äußersten rechten Rand der Gesellschaft in deren Mitte und der heutigen Offensive der neuen Rechten. Thüringen, wo die Nazis bereits 1930 in der Regierung saßen, biete »beherzigenswerte geschichtliche Erfahrungen«. Weshalb der Autor sich denn auch ausführlich mit der dortigen offensiven Kommunalpolitik der NSDAP (eifrig kopiert von NDP und AfD), dem »Gauleiter« Fritz Sauckel und der damaligen Kapitulation der bürgerlichen Parteien befasst.

Die Alma mater Jenensis war zu DDR-Zeiten eine Hochburg der Parteienforschung. Einen Einblick in deren Erträge gibt eine vor einigen Jahren vom Kölner Verlag PapyRossa edierte CD mit dem »Lexikon der Parteiengeschichte 1789 bis 1945, Band I-IV«, herausgegeben von Dieter Fricke in Zusammenarbeit mit Weißbecker. Dieser erinnert nun in dem hier angezeigten Band daran, dass es DDR-Historikern vor allem darum ging, die Gegensätzlichkeit der realen Ziele bürgerlicher und kleinbürgerlicher Parteien und der oftmals davon abweichenden Interessen ihrer Mitglieder und Wähler aufzuzeigen: »Diskutiert wurde über das Verhältnis von Parteiführern und geführten Massen, über die Diskrepanz zwischen objektiven Gegebenheiten in kapitalistischen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnungen einerseits und deren subjektiv-individueller Erfassung andererseits.«

Der Autor widmet sich eingehend der demagogischen Selbstetikettierung der Hitler-Partei als »Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei«. Sie war weder national noch sozialistisch, die Interessen der Arbeiter waren ihr schnuppe: »Alles in ihrer Ideologie und Programmatik diente den Weltmachtambitionen deutscher Eliten und zielte im Kern auf neue Kriege.«

Weißbecker erörtert und wägt Faschismusforschung und Kritik in Ost und West. In der Bundesrepublik habe sich diese erst ab den 60er Jahren institutionalisiert respektive verwissenschaftlicht; der Münchener Historiker Martin Broszat sprach von einer »Historisierung«, gleichwohl politische und geistige Bedürfnisse den Anstoß gaben. In der alten Bundesrepublik überlagerte der ambivalente Begriff »Nationalsozialismus« das Wort vom Faschismus. Gemäß der Ausrede vieler Deutscher nach 1945, »Hitler war’s«, haben sich Historiografie und Publizistik im Westen auf den »Führer« fokussiert.

In der DDR wiederum galt dessen Faszination auf die Massen als ein Tabu, auch für die Wissenschaftler, die sich jedoch nicht sklavisch daran hielten. So erschien schon 1955 im Thüringer Greifenverlag von Dietrich Müller-Hegemann die Studie »Zur Psychologie der deutschen Faschisten«, die seinerzeit aber ignoriert wurde, nach Weißbecker völlig unverständlich. Ebenso wie die Nichtbeachtung der Arbeiten von Wilhelm Reich.

Den partei- und staatsoffiziellen Bann habe dann Kurt Pätzold 1980 gebrochen, mit einem Vortrag, in dem die faschistische Manipulation des Volkes als ein offenes »Forschungsproblem« benannt wurde. Der Referent zählte hierzu - neben einschüchterndem Terror und Anknüpfen an latenten Rassismus, Antisemitismus und Antimarxismus - auch »Bestechung« durch eine vermeintlich erfolgreiche Außenpolitik Hitlers bis 1939 sowie durch Karriereaussichten, die die Nazis den sogenannten kleinen Leuten vollmundig versprachen.

Dass Pätzold - dem der Autor ebenso wie anderen bereits verstorbenen Kollegen, darunter Wolfgang Ruge, Kurt Gossweiler und Dietrich Eichholtz, sein neues Buch widmet - zeitlebens an diesem Thema dranblieb, bezeugt der von Weißbecker 2017 aus dem Nachlass des Freundes veröffentlichte Band »Gefolgschaft hinterm Hakenkreuz« (Verlag am Park/Edition Ost). Weißbecker selbst hat schon 1966 »Zur Herausbildung des Führerkultes der NSDAP« auf einer Tagung der Deutschen Historiker-Gesellschaft sprechen wollen, durfte aber nicht; sein Referat wurde jedoch im Protokollband publiziert. Und seine 1995 mit Pätzold verfasste Hitler-Biografie stützte sich selbstredend auf jahrelange Vorarbeiten in der DDR.

Da hier nicht der Platz ist, auf all die Erinnerungen, Erkenntnisse und Einsichten in Weißbeckers neuem Buch einzugehen, sei historisch Interessierten wie auch politischen Aktivisten empfohlen: Selber lesen bildet, bereichert und bestärkt.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln