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»Glauben Sie an Geister«

Nach dem neuen Krimi von Xavier-Marie Bonnot wird man anders auf Höhlenmalereien schauen, fest versprochen

  • Von Irmtraud Gutschke
  • Lesedauer: 4 Min.

Es ist seit jeher das Markenzeichen von Xavier-Marie Bonnot gewesen: das Rätselhafte, ja Mystische, das wir bei all unserer Rationalität nicht ganz von der Hand weisen können. In seinem Roman »Die Melodie der Geister« war die Aufklärung ominöser Morde in Marseille von einem seltsamen Flötenton begleitet, und die Spur führte nach Papua-Neuguinea. »Im Sumpf der Camargue« wurde die provenzialische Sage von der Tarasque, einem schrecklichen Drachen, wiederbelebt, allerdings ging es dann doch um ganz heutige Dinge.

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Xavier-Marie Bonnot: Der erste Mensch.
A. d. Franz. v. Gerhard Meier. Unionsverlag, 352 S., br., 19 €.

In Bonnots neuem Roman, »Der erste Mensch«, wird der Ermittler Michel de Palma, genannt »der Baron«, sogar zum Höhlentaucher. Denn ein solcher ist ums Leben gekommen, weil er aus 38 Metern Tiefe fluchtartig nach oben kam. Wovor ist er geflohen? Was ist ihm widerfahren? Ist da »jemand oder etwas« daran schuld? Eine Frage, die es in sich hat.

Und hier eine andere: Ob sie an Geister glaube? Diese Frage von de Palma kann die Unterwasserarchäologin Pauline Barton nicht forsch verneinen. Als Wissenschaftlerin hat sie sich ja auch mit jenen magischen Praktiken unserer Vorfahren zu beschäftigen. De Palma stellt bald einen Zusammenhang her zwischen dem Dekompressionsunfall in der Unterwasserhöhle und mehreren Morden, die einem jungen Mann namens Thomas Autran zur Last gelegt werden. Der befindet sich in Sicherheitsverwahrung, wird aber im Laufe der Handlung fliehen. Seine Schwester Christine, die als Professorin für Paläontologie arbeitet, war damals mit angeklagt und wird nun von de Palma befragt. Natürlich ergeht sie sich in Rätseln.

Bei einem Krimi liest man im Allgemeinen atemlos auf eine Aufklärung der Geheimnisse hin. Bei Bonnot aber bedauert man mit jeder Seite, dass der Lesestoff schwindet. Das widerspricht eigentlich herkömmlicher Krimispannung. Man weiß: Um die Mysterien unserer Vorfahren zu entschlüsseln, braucht es mehr als dieses Buch. Und wie sieht es mit denen heutiger Menschenseelen aus?

Von Höhlenmalereien hat ja wohl jeder schon mal gehört. In 150 Höhlen in Frankreich - die berühmteste ist Lascaux - soll es Beispiele eiszeitlicher Kunst geben. Manch einer hat vielleicht das eine oder andere sogar zu Gesicht bekommen, aber nach der Lektüre dieses Romans wird man anders darauf schauen. Mit größerer Aufmerksamkeit, mit mehr Staunen und ohne die Anmaßung, dass wir unseren Vorfahren weit überlegen sind. Von ihrem Weltbild sind wir getrennt durch das unsrige. Ein zeitlicher, aber auch geistiger Graben ist zwischen uns. Mehrere Leute im Buch sind bemüht, diesen Graben irgendwie zu überwinden.

Eine wichtige Rolle spielt die Statuette eines Mannes mit Hirschkopf, die bei Ausgrabungen gefunden und dann offensichtlich gestohlen worden ist. Im Internet finden sich Abbildungen solcher Hirschkopfmenschen, verbunden mit der Mutmaßung, dass sie Schamanen darstellen. Da tut sich eine kleine Brücke auf zu verbreiteten Hoffnungen auf Wunderheilung heute. Und zur Psychoanalyse: »Mit dieser Figur, die halb Mensch, halb Tier ist, hat ein prähistorischer Künstler das Unbewusste dargestellt«, erklärt ein Professor für Urgeschichte im Roman, der offensichtlich mit jener Christine liiert war.

»Ob Psychoanalytiker, Psychiater oder Prähistoriker, letztlich treffen wir uns auf ein und demselben Terrain.« Schamanismus, Geistesverwirrung und künstlerischer Antrieb - in solche Zusammenhänge tauchen wir mit de Palma hinab, finden aber mit ihm auch immer wieder heraus. Im Auto sitzen wir neben ihm und lauschen Opernarien. Wie viele Kriminalisten mag es wohl geben, die sich dermaßen mit Komponisten, Dirigenten und Interpreten auskennen?

Der Mann lebt in der Musik - mehr als für den Polizeidienst. Für den hat er wohl eine besondere Begabung und kann sich doch nicht mit seiner Aufgabe abfinden, einfach nur Verbrecher in den Knast zu bringen. Das heißt, er geht nicht ganz in der Gegenwart auf, was seine praktisch veranlagte Frau nicht immer versteht.

»Wir haben die Mörder, die wir verdienen«, sagt er zu ihr. »In vielen Kulturen gibt es keine Mörder wie Autran, denn dort werden solche Menschen erkannt, bevor sie entgleiten. Sie sind dort Teil der Gesellschaft. Wir dagegen machen da keinerlei Fortschritte.« Und er fügt einen Spruch von Michel Foucault hinzu, den man sich durch den Kopf gehen lassen muss: »Der Weg vom Menschen zum wahren Menschen führt über den verrückten Menschen.« Das ist nicht nur ein Appell gegen Ausgrenzung, die alle beschädigt, sondern schließt auch die Erkenntnis ein, dass sich jedes System von Anschauungen aus der Distanz relativiert.

In welchem Mythos dieses Kind wohl leben würde, fragt sich der »Baron«, wenn er an seinen noch ungeborenen Enkel denkt. Inzwischen Hauptkommissar, steht er kurz vor seiner Pensionierung. Sein letzter Fall? Das wird Xavier-Marie Bonnot uns doch wohl nicht antun wollen.

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