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Durch ein Loch in der Decke schauen

Hauptstadt-Tratsch: Der Ex-Boulevard-Journalist Bernd Oertwig beschäftigt sich mit »Berliner Schicksalen«

Ein Berliner Heimat- und Friedhofsbuch (was durchaus zwei verschiedene Dinge sind), geschaffen von dem ehemaligen »B.Z.«- und »Bild«-Journalisten Bernd Oertwig. Da kann man drin blättern und dann klatschen und tratschen, auf die interessante Art. Es geht hier um »Berliner Schicksale« wie den sich in Abend- und Kneipengesellschaften monologisierend zu Tode trinkenden Malerfürsten George Grosz oder die von der Tuberkulose dahingeraffte Tänzerin Anita Berber, die »Göttin der Nacht« der 1920er Jahre. Oertwig berichtet von Ernst und Erich Loevy, dem Enkel von Samuel Abraham Loevy, der einmal die größte und bekannteste Bronzegießerei Berlins besaß. Sie fertigte 1916 den Schriftzug »Dem deutschen Volke« für das Reichstagsgebäude an. Unter den Nazis wurde die Firma zwangsverkauft und Ernst und Erich Loevy wurden umgebracht.

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Bernd Oertwig: Berühmte Tote leben ewig. Berliner Schicksale.
Verlag für Berlin- Brandenburg, 303 S., geb., 19,90 €.

Oertwig erzählt auch von Bruno Schmitz, dem Star-Architekten von Wilhelm II., der sich mit dem Pressechef des Auswärtigen Amtes, Otto Hermann, einen öffentlichen Verleumdungskrieg liefert, bei dem es um die Ehefrau Lucia Schmitz geht, die Hermann liebt - Bruno Schmitz lässt die beiden beobachten, zum Beispiel durch ein Loch in der Decke, das er in der Wohnung unter der von Hermann bohren ließ. Vor Gericht hilft ihm das wenig, und er stirbt enttäuscht und gestresst an einem Herzinfarkt.

Der betrunkene Ex-Box-Europameister Bubi Scholz hingegen erschießt 1984 seine Frau Helga durch die geschlossene Tür vom Klo, wohin sie sich nach einem Streit mit dem früher sehr erfolgreichen Berufsboxer geflüchtet hat. Sie stirbt durch einen einzigen Schuss, weil sie vor der Tür steht und nicht auf der Toilette sitzt, wie Scholz anscheinend angenommen hat. Er kommt dafür drei Jahre ins Gefängnis - und nie wieder raus aus seinen Depressionen.

Und dann gibt es noch diesen bizarren Selbstmord von Charlotte Stieglitz am Neujahrstag 1835: Sie bringt sich um, damit ihr erfolgloser Dichter-Ehemann Heinrich Stieglitz aus Verzweiflung Kunst schaffen möge, um endlich der große Schriftsteller zu werden, der er schon immer sein wollte. Doch er schafft es nicht, ihm fällt auch weiterhin nichts ein, außer einer »Poesie-Mischung aus Goethe, Orient, Patriotismus und Schwärmertum«, wie Oertwig seinen Stil beschreibt. In diesem Fall gilt der alte Spruch von Jürgen Wegmann, dem Ex-Mittelstürmer des FC Bayern: »Zuerst hatten wir kein Glück und dann kam auch noch Pech dazu.«

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