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Es murmelt und wispert

Irina Liebmann erkundet die Große Hamburger Straße in Berlin

  • Von Monika Melchert
  • Lesedauer: 4 Min.

Die Große Hamburger Straße ist in unser Gedächtnis eingegangen als der Ort der Deportationen jüdischer Bürger. Das muss man immer mitdenken, wenn der Name dieser Berliner Straße fällt. Die Schriftstellerin Irina Liebmann ist eine hellwache Zeitzeugin, die den sichtbaren und unsichtbaren Spuren auf den Grund gehen will, immer tiefer hinein in die Zeit. Sie erzählt Geschichten, wahre Geschichten von Leuten, die hier gelebt haben vor Jahren, Jahrzehnten oder Jahrhunderten.

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Irina Liebmann: Die Große Hamburger Straße. Mit 8 Fotografien von Irina Liebmann.
Schöffling & Co., 240 S., geb., 22 €.

Mitten im alten Berlin liegt die Große Hamburger Straße, die »heimliche Hauptstraße der ganzen verkommenen Gegend«. Eine Straße, die den Krieg überlebt hat, »etwas, wohin du womöglich gehörst«. In der Nähe des Hackeschen Marktes gelegen, eingerahmt von Oranienburger- und Sophienstraße, verkörperte sie einst das Emporwachsen Berlins zur prosperierenden Reichshauptstadt, mit Wohnungen, Fabrikhöfen, Wirtshäusern. Das katholische Krankenhaus St. Hedwig findet sich hier, die evangelische Sophienkirche, der ehemalige jüdische Friedhof - das Zusammenspiel der Konfessionen und sozialen Schichten.

Treppauf, treppab steigt die Autorin in den Häusern, befragt die Bewohner, recherchiert im Kirchenbüro der Sophiengemeinde, schaut in alte Stadtpläne und Adressbücher des 19. Jahrhunderts. Will die Geheimnisse der Häuser entdecken. Irina Liebmann ist eine wunderbare, suggestive Erzählerin. Sie sieht mehr, weil sie sich vorstellen kann, wie darin gelebt wurde. Sieht auch die Häuser, die längst nicht mehr stehen: das Wirtshaus »Zum Hamburger Wappen«, den Fechtboden der Studentenvereinigung, die Kaffeerösterei, Berlins einst größtes Spielwarenkaufhaus Keilich.

Ihre Recherchen begann sie 1983. Jetzt hat sie ihre alten Aufzeichnungen hervorgeholt, Tagebuchseiten mit den Schicksalen von Menschen und Gebäuden. Das jüdische Waisenhaus, das jüdische Krankenhaus, das jüdische Altersheim - es war seit dem 18. Jahrhundert »eine ganz und gar jüdische Ecke«. Den Antisemitismus, begreift sie, hat es immer schon gegeben. Gerade von hier aus haben die Nationalsozialisten dann die Transporte in die Vernichtungslager organisiert. Das Verschwinden einer ganzen Kultur.

Je weiter sie eindringt in die Geschichte, desto mehr Stimmen werden hörbar. Sie murmeln und wispern in der Straße. Es ist eine tiefe Poesie in diesen Schilderungen, als ginge man selber mit Liebmann auf Entdeckungstour. Dazu stehen die Bilder der Autorin: Schwarz-Weiß-Fotos, die die alten, heruntergekommenen, narbengesichtigen Fassaden zeigen. Aber was hinter den Fassaden aufscheint, ist lebendig, bunt, quirlig. Für sie ist es schön, weil sie die Menschen lieben kann. Mit diesem Buch fasst der Schöffling-Verlag Irina Liebmanns Arbeiten über die Mitte Berlins zu einer Trilogie zusammen.

Virtuos spielt sie mit der Sprache, dem Rhythmus, jongliert sie mit den Worten und hinterfragt sie zugleich. Es entsteht ein Sog, dem man folgen muss, ein ästhetisches Vergnügen. Ganz besonders ist es das Haus Nummer eins, von dem sie nie loskommt: »Das Haus Nummer eins steht im Regen, im Schnee, ein Eckhaus, ein Dreckhaus, wer kommt aus der Tür? Ist einer noch drinnen, ist einer noch hier?«

Wissen will sie: Wie ist das alles gekommen? Sie erlebt die Geschichte ihrer Stadt Berlin. Ist selber im Text immer anwesend, spricht auch uns an, zieht uns mit; »lieber Leser dort in der Zukunft«, sagt sie, »verzweifeln Sie nicht. Sie haben ein Buch!« Am Anfang ihrer Schriftstellerlaufbahn hat ihre Neugier sie schon einmal zu solchen Begegnungen geführt. Mit ihrem Erstling, »Berliner Mietshaus« (1982), hat sie den Ton angeschlagen: Immer wieder schaut sie hinter die Gemäuer, um die Menschen zu erkennen, die darin leben. Auch heute verfolgt sie ihr Ziel: So viel wie möglich davon aufzunehmen, einzusaugen - um daraus etwas Neues hervorzubringen: Kunst.

Nie verschwunden ist zu allen Zeiten das Café in der Großen Hamburger Straße: Treffpunkt, Mittelpunkt, Ruhepunkt. Da tauscht sie sich mit den Freunden aus: Eva, die weggegangen war nach Westberlin und wiedergekommen ist, denn jeder, der hier einmal lebte, will zurück. Oder Manne, der Tischler, der seinen Schnitt gemacht hat und geblieben ist. Typisch ostdeutsche Biografien.

Im Epilog wird von einer alten Frau erzählt, die 1945 als ganz junges Mädchen über Trümmer durch Berlin läuft und in der Großen Hamburger Straße auf einen Laden voller Bilder stößt. Dort findet sie ein Gemälde, das für sie alles aufwiegt an Schrecken. Mit dieser Ermutigung haben sie damals begonnen, etwas aufzubauen. Doch heute sei das alles zerstört. »Vergessen ist auch ein Verrat«, heißt es da. Dieses Buch hilft, nichts zu vergessen.

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