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Abweichen in der Ausweichstelle

»Nulluhrzug«, der erste Roman von Juri Buida, liegt nun auf Deutsch vor

  • Von Karlheinz Kasper
  • Lesedauer: 4 Min.

Der Fluss, am Ufer zwei zugige Baracken, auf fremdartigen Karten die mit einer Zahl markierte Bahnstation: Hierher werden sie kurz nach Kriegsende gebracht, um eine Brücke und weitere Baracken zu bauen, Gleise zu verlegen, eine Ausweichstelle für die neue Bahnlinie einzurichten. Sie sind Eisenbahner, Arbeiter für die Reparaturwerkstätten, das Sägewerk und die Schwellenimprägnierung, »zigmal überprüfte Leute«, dazu die Wachleute vom NKWD. Schließlich hat man ein Land erobert, Ostpreußen, die künftige Oblast Kaliningrad. Die Arbeit ist schwer, noch größer die Angst, »für Ungehorsam, für überflüssiges Geschwätz oder für einen Fluchtversuch« von den Aufpassern bestraft zu werden.

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Juri Buida: Nulluhrzug.
A. d. Russ. v. Ganna-Maria Braungardt. Mit einem Nachwort v. Julia Franck. Aufbau, 142 S., geb., 18 €.

Seit dem 1. Juni 1945 rast der rätselhafte Nulluhrzug jeden Tag um Mitternacht durch die kleine Station, »hundert Waggons mit fest verrammelten und verplombten Türen, zwei Lokomotiven vorn und zwei hinten«. Abfahrtsort unbekannt. Bestimmungsort geheim. Ladung ungewiss. Wer hier tätig ist, stellt keine Fragen: »Sollen die Bescheid wissen, die es angeht. Und geheim ist geheim, ist nicht unser Geheimnis.«

Zu den ersten Neusiedlern gehört Iwan Ardabjew, der Don Domino genannt wird, weil er die Spielsteine liebt und wie ein Spanier aussieht. Er ist die einzige Romangestalt, die eine Biografie hat. Iwan ist zehn, als sein Vater, ein Tschekist, sich und seine Frau erschießt, weil er als »Volksfeind« ins Lager soll. Für den Jungen wird das, was alle »Heimat« nennen, fremd: die Erzieherinnen im Kindergarten, die Lehrer, das heroische Geschichtsbild des Landes.

Im Krieg aber steuert Iwan furchtlos Lokomotiven an der Frontlinie entlang. Auf der Ausweichstelle 9 arbeitet er mit vollem Einsatz als Heizer, Lokführer und Streckenläufer. Was der rothaarige KGB-Oberst zu ihm sagt, empfindet Iwan als Trostlüge: Er trüge keine Verantwortung dafür, dass seine Eltern »Volksfeinde« sind, sei nur für die Heimat verantwortlich, die ihm vertraue. Iwan spürt, dass er nur ein Rädchen und Schräubchen in einem ferngelenkten Getriebe ist.

Frauen spielen in Iwans Leben eine große Rolle. Doch von den meisten, die er kennenlernt, fühlt er sich abgestoßen, weil sie nach Kohl und dem Parfüm »Rotes Moskau« riechen. Bei den »Streckenhuren«, die geheime NKWD-Dienstgrade haben und ihre Klienten ausspionieren, verströmt Iwan »die Wildheit und das Engagement eines Vergewaltigers«. Dabei sucht er in ihnen nur die einzige »richtige« Frau. Das ist die Jüdin Fira aus Saratow mit den vollen Hüften und dem betörenden Geruch. Doch die ist ihrem Mischa treu, auch als der spurlos verschwindet. Fira erhört Iwan erst, als er den Oberst tötet, weil der die Telegrafistin der Sabotage verdächtigt. Für einen kurzen Augenblick ist sie die Frau aller Frauen.

Danach wird sie zum Verhör geholt, von den Geheimdienstlern zu einer Fremden gemacht. Iwans Traumfrau verlässt den unglückseligen Ort. Später folgen ihr die übrigen Arbeiter, Angestellten, Wachleute und Streckenhuren. Nur Iwan, nach 40 Dienstjahren zum Chef der Ausweichstelle ernannt, bleibt zurück. Genauso der Nulluhrzug, der sich zu vervielfältigen scheint und ohne Iwan auskommt. Als sein Haus von den schweren Erschütterungen der Züge zusammenfällt, löst Iwan sich aus der Obrigkeitshörigkeit, lässt die Sklavenseele zurück und sprengt »die Station, die Linie, die Welt«.

»Nulluhrzug« (im Original von 1993 »Don Domino«) ist das erste größere Werk Juri Buidas, der 1954 in Snamensk, dem ehemals ostpreußischen Wehlau, geboren wurde und 1991/92 mit Erzählungen an die Öffentlichkeit trat, die er 1998 in dem mehrfach ausgezeichneten Prosaband »Die preußische Braut« bündelte. Seitdem gilt Buida als einer der profiliertesten Erzähler der russischen Gegenwartsliteratur. Die Kritiker vergleichen seine poetisch-groteske Schreibweise mit dem magischen Realismus der Südamerikaner Borges und Marquez oder bezeichnen ihn als »russischen Süskind«.

Er aber nennt Gogol, wenn man ihn nach seinem Vorbild fragt. Buida ist kein Mann der großen Worte, ihm genügen Andeutungen, die uns zwingen, zwischen den Zeilen zu lesen.

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