Werbung

Für die Trockenlegung des Phrasensumpfes

Jens Malte Fischer zeigt, warum und wie Karl Kraus zur Berühmtheit wurde

Es war »narrenhaft«, wie ein Augenzeuge später erzählte. Am Morgen des 1. April 1899 rieben sich die Wiener verwundert die Augen. Die Stadt war plötzlich in ein tiefes Rot getaucht. Überall, auf den Straßen und im Stadtpark, in Bahnen und Cafés lasen Leute in einem schmalen Heft, das anders war als alle Blätter, die man sonst haben konnte. Ein junger, in allen praktischen Fragen unerfahrener Mann hatte, beraten vom bewunderten Publizisten Maximilian Harden und vom Vater finanziell unterstützt, eine gesellschaftskritische Zeitschrift gegründet, die sich, als »Kampfruf« gedacht, die »Trockenlegung des weiten Phrasensumpfes« vornahm. Er nannte sie »Die Fackel«, und ihr politisches Programm umriss er im Vorspruch mit dem Satz: »… kein tönernes ›Was wir bringen‹, aber ein ehrliches ›Was wir umbringen‹ hat sie sich als Leitwort gewählt.«

• Buch im nd-Shop bestellen
Jens Malte Fischer: Karl Kraus. Der Widersprecher.
Paul Zsolnay Verlag, 1104 S., geb., 45 €.

Der junge Mann, Karl Kraus, 1874 in Böhmen geboren, Sohn eines jüdischen Kaufmanns und Papierfabrikanten, ehrgeizig und selbstbewusst, hatte seine ersten literarischen Versuche schon hinter sich, als er sich die eigene Tribüne schuf. Und es war, als habe Wien auf ihn gewartet. Die Auftaktnummer, im Nu vergriffen, musste umgehend nachgedruckt werden. »Die Fackel« wurde rasch zur Institution - und ihr Gründer, der seit 1911 alle Texte selber schrieb, zur Berühmtheit, abgöttisch geliebt, gefeiert, verklärt, bekämpft und einmal, gleich nach dem Start, auch überfallen.

Karl Kraus war die Ausnahme. Ein Dichter, den so nie wieder gab. Ein scharfzüngiger Einzelkämpfer gegen Gemeinheit, Trägheit, Willkür, Lüge und Kitsch. Ein Journalist, der auszog, die grassierende Unkultur zu bekämpfen, die Korruption, die amtlichen Lügen, die Schweinereien, die sich hinter glatten Politikersprüchen verbargen. Ein Satiriker und Neinsager, der unerschrocken die Missstände der Gesellschaft aufs Korn nahm, die Justiz, das Parteienleben, die Presse. Ein Pamphletist, der Nacht für Nacht auf dem Kampfplatz erschien, um seiner Zeit den Puls zu fühlen, gnadenlos, keck, mit Grazie und Witz. Erst als Hitler kam, zog er es vor, zu schweigen. »Die Fackel« erschien noch einmal im Februar 1936. Es war die 922. Ausgabe. Zur selben Zeit wurde Kraus in der Dunkelheit von einem Radfahrer umgefahren. Von dem Unfall hat sich der Herzkranke nicht mehr erholt. Er starb am 12. Juni 1936.

Wer wissen will, wer dieser Mann war (von dem Hans Mayer gesagt hat: »Wer Karl Kraus liest, der lebt immer im Heute«), der findet seit Langem reichlich Material: Auswahl-, Werk- und Briefausgaben, Kataloge, Untersuchungen, Dokumentationen in Wort und Bild, auch den Reprint der gesamten »Fackel« (das meiste ist Friedrich Pfäfflin und Christian Wagenknecht zu danken). Und nun kommt eine neue und opulente Biografie, die mit über 1000 Seiten dem Leser eine Menge Zeit abverlangt, ihm aber auch zum unschätzbaren Gewinn spürbaren Genuss verschafft. Hier schreibt einer, der von Kraus nicht loskommt. Jens Malte Fischer hat schon einmal, vor Jahrzehnten, eine biografische Studie vorgelegt, ist danach in Aufsätzen und Studien immer wieder auf Kraus zurückgekommen und fasst jetzt all sein Wissen in diesem Buch zusammen.

In »Der Widersprecher« erzählt er die Lebensgeschichte von Kraus ohne jede akademische Attitüde, das alles sorgfältig eingebettet in die Zeitereignisse, berichtet von den legendären Kraus-Auftritten als Vorleser, von der Arbeit an der »Fackel«, den Frauen, die seinen Weg kreuzten (in einem großen Kapitel natürlich auch von der Liebe zu Sidonie Nadherny von Borutin), widmet umfangreiche Passagen den Vertrauten, Freunden und Gegnern, dem Verhältnis zu Freud und Österreichs Schriftstellern jener Jahre, zum Judentum, zur Sozialdemokratie, zur Musik, nicht zuletzt zum Theater, das den jungen Mann so beeindruckt hat, dass er ursprünglich Schauspieler werden wollte. Beschrieben wird etwa die Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung in der Wiener Lothringer Straße 6 mit den unzähligen Bildern an den Wänden, die äußere Erscheinung des »Fackel«-Herausgebers, seine Art, mit anderen Menschen umzugehen, seine Lektüre, die Triumphe, Enttäuschungen und Schmähungen, die abendlichen Stunden und Gespräche im Kaffeehaus, denen nach Mitternacht das eigentliche Leben folgte, die Arbeit am häuslichen Schreibtisch.

Karl Kraus, sagt Elias Canetti, war »das unvergleichlich Lebendigste, was Wien damals zu bieten hatte«, und Fischer bekräftigt die Aussage mit fantastischer Detailkenntnis. Ein vollkommen unabhängiger Geist war da am Werk, einer, der ohne jede Rücksichtnahme arbeiten konnte, der sich auch später, dank der üppigen väterlichen Erbschaft, um den Erhalt des Blattes nicht sorgen musste. Immer wieder wies er zornig seine Welt in die Schranken (nicht zufällig heißt eines seiner Bücher »Weltgericht«): im Gedicht, im Pamphlet, im Zitat, in der beißenden Satire oder im Mammutwerk »Die letzten Tage der Menschheit«, dieser 800-seitigen fulminanten Abrechnung mit dem Ersten Weltkrieg.

Fischer nennt das Stück »etwas weltliterarisch Einzigartiges«. Über 200 Szenen gibt es in dem riesigen Tableau, bezogen aus dem Tollhaus des Krieges, wo die Militärs das Sagen haben, die Chauvinisten, die Demagogen, die Henker, die Opfer und wo der gewaltige Totentanz die geschundene Welt in den Abgrund reißt. Kraus musterte die Zeitungen Wort für Wort, die Berichte des Kriegspressequartiers, die Tagesbefehle und Anordnungen, Briefe und Traueranzeigen, die Gespräche auf den Straßen und in den Kneipen, er achtete auf jeden Zungenschlag und holte, was da geschrieben, gesprochen, gehetzt, gelogen, umgedeutet wurde, mit sicherem und ordnendem Griff auf die Bühne seines »Marstheaters«, dieser riesigen »Anstrengung eines verzweifelten Zeitbeobachters«, wie Jens Malte Fischer schreibt.

Seine Biografie, die diesen staunenswerten Autor in unsere Mitte holt, ist eine großartige Werbung für Kraus. Sie wurde nicht auf den Knien der Anbetung geschrieben, sagt Fischer zum Schluss, er habe sie aber, um mit Kraus zu sprechen, »mit vorzüglicher Hochachtung« konzipiert und verfasst. Wer sich von ihrem Umfang nicht abschrecken lässt, wird ihm dankend zustimmen.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln