Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Empörend, beschämend, ermutigend

Betrogen von der »Wende« - Die Erinnerungen des Historikers Siegfried Prokop gleichen jenen vieler Ostdeutscher

Er hat sich selbst sowie seiner Lesergemeinschaft mit diesem neuen Buch zu seinem 80. Geburtstag jüngst ein beeindruckendes Geschenk bereitet. Es enthält Tagesnotizen der Jahre 1983 bis 2003, verknüpft mit einer biografischen Rückschau. Hier wird nicht der Versuch unternommen, das eigene Leben in den großen Strom der Geschichte einzupassen, was einem Historiker auch angemessen wäre. Es wird anschaulich und überzeugend berichtet, welche Erlebnisse und Begegnungen den heute 80-Jährigen prägten und sich ihm besonders eingeprägt haben. Das Geschilderte unterscheidet sich in Vielem von dem, was bestimmte Politologen, Soziologen und Historiker meinen, als Wesen des DDR-Alltags herausgefunden zu haben.

Stationen der Vita von Prokop sind die Kindheit in Böhmen bis zur Aussiedlung im August 1946, das Heranwachsen in der neuen Heimat Mecklenburg, sein Studium und sein wissenschaftliches Wirken in Berlin, einschließlich eines Studienaufenthalts in Leningrad. Beiläufig erfahren wir, dass sich Prokop eigentlich eine Laufbahn als Naturwissenschaftler, als Physiker, erträumt hatte. Gut, dass es anders gekommen ist, als von ihm angedacht.

Mit seinen wachsenden Forschungsfeldern und seinem politischen Engagement verdichten sich naturgemäß die Bezüge zur »großen Politik« und die Berichte über seine persönlichen Kontakte gen Osten wie nach Westen, insbesondere über seine Forschungs- und Lehrtätigkeit in Frankreich und Kanada. So liegt hier zugleich ein bilanzierender Beitrag zur Entwicklung der zeitgeschichtlichen Disziplin der DDR-Historiographie vor. Auch wenn der Autor nur solche Geschehnisse aufgreift, in die er persönlich involviert war. Das leitet hinüber in die »Wende«-Erfahrungen des Autors.

Besonders aufschlussreich sind die Ausführungen über seine Aktivitäten in der Gesellschaft zum Schutz von Bürgerrecht und Menschenwürde, in der von Wolfgang Harich gegründeten Alternativen Enquetekommission Deutsche Zeitgeschichte sowie im Ostdeutschen Kuratorium von Verbänden. Ehemalige westdeutsche Evaluierer dürften (sollten) die kritischen und dennoch sachlichen Bemerkungen über die willkürliche Entlassungen an der Humboldt-Universität sowie die vom Autor dagegen angestrengten Prozesse beschämen.

Den Hauptteil der Publikation bilden die genannten »Tagesnotizen«. Hier mischen sich Persönliches, Familiäres, Berufliches und Politisches. Aufgeschrieben wurde, was Prokop aus der unmittelbaren Situation heraus so wichtig erschien, dass er es schriftlich auch für die Nachwelt festhalten wollte. Als roter Faden zieht sich durch diese Notizen der Niedergang der DDR und die verfehlte demütigende Anschlusspolitik mit ihren Folgen und Gegenreaktionen.

Manche Lücken lassen dann doch erstaunen. So findet sich - um nur ein Beispiel zu nennen - im Eintrag vom 9. November 1989 kein Bezug zur Maueröffnung. Was sich im Einzelnen entdecken lässt, wird von den jeweiligen Interessen der Leser abhängen. Im Ganzen wird hier ein realistisches Zeitkolorit geboten. Es ist nicht materieller Absturz - die Familie Prokop konnte ihren Wohlstand nach der Vereinigung durchaus mehren -, sondern die persönlichen und den Ostdeutschen insgesamt angetanen Benachteiligungen und Diskriminierungen, die den Autor empören. Insofern reiht sich diese Publikation in die beträchtliche Zahl kritischer Auseinandersetzungen mit den Siegern im Kalten Krieg und den enttäuschten Erwartungen der Verfechter eines demokratischen Aufbruchs ein. Prokop hat das Geschehen nicht nur registriert, sondern seinerzeit mit seinen Mitteln auch unentwegt gegen Willkür und Unrecht angekämpft. Ermutigung für heute.

Die nur sparsam kommentierten »Tagesnotizen« setzen beim Leser eine gehörige Portion Sachkenntnis voraus. Angesichts der enormen Menge erwähnter Personen wäre ein Personenregister hilfreich gewesen. Der Autor erweist sich als ein sehr auskunftsfähiger Chronist der Jahre des großen Umbruchs. Dass hier subjektive Sichtweisen vorgetragen werden, versteht sich von selbst, aber es werden auch viele kaum oder wenig bekannte bzw. in Vergessenheit geratene Tatsachen vermittelt.

Mit der Fülle seiner Informationen und Impressionen bietet dieses Buch einen Einblick in ein Wissenschaftlerleben, dass in seiner Produktivität, seiner Energie, seinem Engagement wie auch in den bleibenden Erträgen seiner Studien so leicht nicht zu überbieten ist. Empfehlung: Selbst lesen.

Siegfried Prokop: Betrogen von der »Wende«. Mein Leben in Böhmen, der SBZ/DDR und im Beitrittsgebiet. Tagesnotizen von 1983 bis 2003. Verlag am Park/Edition Ost, 618 S., br., 22 €.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln