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  • Pädagogenkongress in Berlin

Lernen in einer ungerechten Welt

Gewerkschafter diskutieren über Chancengleichheit in der Bildung / Bis zu 200 Millionen Kinder vom Menschenrecht auf Schulunterricht ausgeschlossen

  • Von Jürgen Amendt
  • Lesedauer: ca. 4.0 Min.

Seit Montag treffen sich Pädagogen aus aller Welt auf dem 5. Kongress der Bildungsinternationale in Berlin. Thema ist u.a. das Recht auf Bildung. Im Mittelpunkt stand dabei der Auftritt des UN-Menschenrechtsbeauftragten Vernor Muñoz, der auf dem Kongress einen Zwischenbericht über das UN-Millenniumsziel gab, nach dem bis 2015 weltweit allen Kindern eine gebührenfreie und gute Grundbildung garantiert werden soll.

Seit Montag hat es sich Vernor Muñoz wohl endgültig mit den konservativen Gralshütern des deutschen Bildungswesens verscherzt. Bevor er am Nachmittag zu seiner Rede über das Thema Bildungsgerechtigkeit ansetzte, dankte der Jurist aus Guatemala in UN-Diensten der mitveranstaltenden Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) überschwänglich für deren Hilfsbereitschaft und »nützliche Hinweise« bezüglich der sozialen Verhältnisse im deutschen Bildungssystem. Für einen Diplomaten war das eine ungewöhnlich klare Positionierung, gilt die GEW in der Frage der Schulstruktur etwa als eindeutige Befürworterin der Gemeinschaftsschule und damit Gegnerin des gegliederten, selektiven deutschen Schulsystems.
Aus seiner Sicht hatte der Präsident des deutschen Lehrerverbandes, Josef Kraus, also Recht, als er im Februar dieses Jahres die offizielle Veröffentlichung der Kritik Muñoz' am deutschen Bildungswesen als »anmaßend, einseitig und unausgewogen« kritisierte. Für den Chef einer Organisation, die vor allem die Interessen der Gymnasial- und Realschullehrer vertritt, deren Schulformen von der traditionellen deutschen Vierteilung des Schulsystems am ehesten profitieren, eine verständliche Reaktion.
Zu Deutschland äußerte sich der UN-Menschenrechtsinspektor im Laufe seines Vortrags nicht mehr, jedenfalls nicht direkt. Muñoz kritisierte aber einen »neoliberalen Ansatz« in der Politik, der zu einer »Kommerzialisierung der Bildung« führe. »Politisch Verantwortliche betrachten Bildung zunehmend nicht mehr als Recht, sondern als Dienstleistung«, kritisierte der UN-Menschenrechtsinspektor. Schädlich sei zudem, dass nach wie vor die Weltbank für die Länder der sogenannten Dritten Welt die Prioritäten in der Bildungsfinanzierung bestimme und nicht eine dafür kompetentere Organisation wie das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen UNICEF. 27 Länder würden deshalb das UN-Millenniumsziel, bis 2015 allen Kindern in der Welt eine gebührenfreie Grundbildung zu sichern, voraussichtlich nicht erreichen, weil in diesen Ländern nach wie Schulgeld bezahlt werden müsse.
Durch solche »politischen Fehlentscheidungen« werde der Zugang zur Bildung immer mehr zu einem Privileg von wenigen, kritisierte Muñoz, der die Zahl der Analphabeten weltweit auf 800 Millionen beziffert. Sheena Hanley, stellvertretende Generalsekretärin der EI, macht diese Ungleichverteilung der Bildungsprivilegien an Zahlen deutlich: In den Industriestaaten verfügten 60 Prozent der Menschen über einen Bildungsabschluss im tertiären Sektor, also über einen Hochschul- oder beruflich höher qualifizierten Berufsabschluss, heißt es in einer Studie der EI. In den Entwicklungsländern liege die Quote dagegen lediglich bei knapp einem Prozent.
Die Basis für diese Benachteiligung wird im Grundschulsystem gelegt. Mindestens 80 Millionen, anderen Schätzungen zufolge gar 200 Millionen Kinder sind derzeit vom Schulbesuch ausgeschlossen, wobei mehr Mädchen als Jungen davon betroffen sind. Sie leiden, so Muñoz, nicht nur unter der weit verbreiteten Kinderarbeit, sondern auch unter einem patriarchalen Rollenbild, das Frauen den Platz in der Küche zuweise.
Gegen Ende seines Vortrages sagte der UN-Menschenrechtsinspektor dann doch wieder etwas, was ganz direkt mit den Verhältnissen in Deutschland zu tun hat - auch wenn das wahrscheinlich von Vernor Muñoz so nicht beabsichtigt gewesen sein dürfte. Selbst der gesicherte Zugang zur Bildung für alle Kinder gewährleiste allein noch nicht das Menschenrecht auf Bildung, meinte der gelernte Philosoph aus Mittelamerika. Auch gebildete Menschen können zu Despoten und Gewalttätern werden, wenn sie in einem von autoritärer Gehorsamspflicht geprägten Schulsystem groß geworden seien. »Bildung ist kein Wettlauf«, sagte Muñoz. Der Erfolg des Einzelnen dürfe nicht auf dem Misserfolg anderer beruhen und der Humanismus bedürfe einer Gesellschaft der Differenz und verschiedenen Weltanschauungen.


Bildungsinternationale
Die Bildungsinternationale - Education International (EI) wurde 1993 in Stockholm gegründet. Ihr gehören weltweit 30 Millionen Mitglieder in über 160 Ländern an. Derzeitiger Präsident der EI ist der Südafrikaner Thulas Nxesi.
Da in den meisten Ländern der Begriff Lehrer weiter gefasst ist als in Deutschland, vertritt die EI die Interessen aller Pädagogen und Beschäftigten des Bildungsbereichs von Kleinkinderziehung bis zum Hochschulbereich.
Weltweit sind 383 Organisationen in der EI zusammengeschlossen. In Deutschland gehören ihr die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), der Verband Bildung und Erziehung (VBE) sowie der Bundesverband der Lehrerinnen und Lehrer an beruflichen Schulen (BLBS) an.
Der EI-Kongress findet alle drei Jahre statt und ist das oberste Beschlussgremium der BI. In Berlin diskutieren noch bis zum Donnerstag mehr als 1600 Pädagogen u.a. über das Recht auf Bildung, gewerkschaftliche Organisation und Fragen der sozialen Gerechtigkeit.
Heute Abend vergibt die EI ihre beiden Preise: den Albert Shanker Bildungspreis sowie den Mary Hatwood Futrell Menschenrechtspreis (siehe linke Spalte). Der Albert Shanker Education Award 2007 wird an Ernestine Akouavi Akakpo épouse Gbofu für deren Engagement für die frühkindliche Bildung und Erziehung in ihrem Heimatland Togo verliehen.
ND


Der 45-jährige Jurist und Philosoph Vernor Muñoz Villalobos
ist seit 2004 UN-Berichterstatter für das Recht auf Bildung. In dieser Funktion besuchte er im Februar 2006 auch Deutschland und legte im März 2007 einen Bericht darüber vor, indem er die frühzeitige Aufteilung der Schüler auf die verschiedenen Schulformen und sowie die Diskriminierung von Kindern mit Behinderungen und Migrationshintergrund sowie die großen Unterschiede zwischen den Bundesländern kritisierte. Der Bericht führte in Deutschland zu einer kontroversen politischen Diskussion über die Zukunft des gegliederten Schulsystems.
Das Thema spielte zum Kongressauftakt erneut eine Rolle. Der amtierende Präsident der Kultusministerkonferenz, Berlins Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD), bezeichnete in seiner Rede vor den Delegierten des Lehrerkongresses die Schulstrukturfrage als nachrangig. Wichtiger seien Verbesserungen der ...

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