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»Für uns ist die Natur sehr wichtig«

Indigene kämpfen im brasilianischen São Paulo gegen die Pläne eines Baukonzerns

  • Von Niklas Franzen, São Paulo
  • Lesedauer: 4 Min.

Am Ende flossen sogar Tränen: Am Dienstagnachmittag entschieden indigene Aktivist*innen, die Besetzung eines Waldstückes im Norden der brasilianischen 20-Millionen-Stadt São Paulo aufzugeben. Seit Ende Januar hatten sie das Gelände besetzt gehalten, um den Bau von Apartments zu verhindern. Nun stand die Räumung bevor.

In den frühen Morgenstunden hatten Indigene und Unterstützer*innen eine Zufahrtsstraße zu dem Gelände blockiert. Viele Indigene trugen traditionellen Federschmuck, Pfeil und Bogen, hatten Gesicht und Körper mit roter Farbe bemalt. Auf der anderen Seite baute sich eine schwer bewaffnete Spezialeinheit der Militärpolizei auf. Abgeordnete und Anwälte in Anzügen verhandelten mit der Polizei. Die Situation war angespannt, viele rechneten mit einer gewaltsamen Auseinandersetzung.

Im Norden São Paulos befinden sich zahlreiche Gemeinden des Guarani-Stammes. Der Pico do Jaraguá, der höchste Punkt São Paulos und heilige Stätte für die Indigenen, ragt am Horizont in die Höhe. »Wir waren hier, bevor es die Stadt gab«, sagt Jaciara Pará Mirim gegenüber »nd« und zieht an einer langen Pfeife. Die 41-jährige Aktivistin mit den Federohrringen und dem bunten Kleid lebt in der angrenzenden Gemeinde. »Für uns ist die Natur sehr wichtig, deshalb kämpfen wir für dieses Gebiet.«

Das Gelände befindet sich zwischen der indigenen Gemeinde Tekoa Pyau und einem Naturschutzgebiet. Der Baukonzern Tenda will dort elf Apartmenttürme für mehr als 3000 Menschen bauen. Das Waldstück ist eines der letzten Gebiete des Atlantischen Regenwaldes in São Paulo. Ende Januar ließ das Bauunternehmen ohne vorherige Ankündigung mehr als 500 Bäume fällen. Im Nachhinein stufte die Justiz dies als illegal ein.

Das besetzte Gelände gibt ein trauriges Bild ab: Es ist fast komplett gerodet, an mehreren Stellen türmen sich Baumstümpfe. Zahlreiche Aktivist*innen haben sich rund um ein kleines Haus mit Wellblechdach versammelt, ein Topf dampft über einem Feuer. Auf einem Schild heißt es: »Seit 520 Jahren im Widerstand.«

Nachdem die Bäume gefällt waren, besetzten Indigene der angrenzenden Gemeinde das Gelände und pflanzten dort mehr als 800 Baumsetzlinge. Die Guarani, die sich selbst als »Wächter des Regenwaldes« bezeichnen, wollen dort einen Naturpark und ein Denkmal für ihre Kultur errichten. »Wir sind hier, um die Natur und unsere Kultur zu schützen«, sagt die Aktivistin Pará Mirim. »In São Paulo gibt es schon genug Gebäude.«

Der Baukonzern beruft sich darauf, von Stadtverwaltung und Justiz grünes Licht bekommen zu haben. Die Guarani hatten vergeblich gehofft, Druck auf Bürgermeister Bruno Covas, von der Mitte-Rechts-Partei PSDB auszuüben, damit dieser in letzter Minute den Räumungsbefehl zurücknimmt.

In São Paulo, der größten Stadt Lateinamerikas, werden angesichts des chronischen Wohnungsmangels häufig leerstehende Häuser und Freiflächen besetzt. Obwohl dies dank der progressiven Verfassung von 1988 faktisch legal ist, kommt es häufig zu gewaltsamen Räumungen. Die Verbindungen zwischen Immobilienkapital, Politik und Justiz sind ein offenes Geheimnis. In den letzten Jahren sorgten vor allem die Auseinandersetzungen rund um den Augusta-Park für Aufsehen. Auf einer der letzten Grünflächen in der Innenstadt wollte ein Immobilienkonzern Luxusapartments bauen. Anwohner*innen, soziale Bewegungen und Umweltschützer*innen besetzten daraufhin das Gebiet. Letztlich erklärte sich der Konzern bereit, einen Teil des Gebietes als öffentlichen Park zu erhalten. In vielen anderen Fällen, vor allem am Stadtrand, setzten sich aber Immobilienkonzerne durch.

Kommandant Bento von der Militärpolizei zeigte sich am Dienstagnachmittag zufrieden: »Wir sind froh, dass wir keine Gewalt anwenden mussten«, sagte er dem »nd«. Juliana Cardoso, Stadträtin von der Arbeiterpartei (PT) und selbst indigen, kritisierte hingegen, der Baukonzern und die Stadtverwaltung wollten »einen Konflikt provozieren, um die Räumung mit Bildern der Gewalt zu rechtfertigen«. Laut Cardoso hätte es ein Blutvergießen geben können, deshalb sei die Entscheidung richtig gewesen, die Besetzung zu beenden. Cardoso und Kolleg*innen wollen nun versuchen, auf Bundesebene Druck auszuüben, um das Gebiet als Naturschutzgebiet zu klassifizieren und die geplanten Bauarbeiten doch noch zu stoppen.

Nach der Beendigung der Besetzung begannen die Guarani damit, ein Protestzelt am Eingang des Geländes aufzuschlagen. Ein junger Mann mit einem um die Schulter gehängten Federkranz rief der Menge zu: »Wir bleiben hier und kämpfen weiter.«

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