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Am Ende zu spät und völlig am Ende

Die viel zu zögerliche Absage der Fußball-Bundesliga offenbart noch einmal, wie kaputt dieser Profisport ist

  • Von Stephan Fischer
  • Lesedauer: 4 Min.
Fußball und Corona: Am Ende zu spät und völlig am Ende

Der Profifußball ist am Ende. Nicht, weil sich am späten Freitagnachmittag mit der Absage des Spieltags bei der Vereinigung der Profiklubs dann doch noch die Erkenntnis durchsetzte, dass die Vereine der ersten und zweiten Fußball-Bundesliga nicht in einem Corona-freien Paralleluniversum kicken. Den Offenbarungseid hatte, es hätte nicht passender kommen können, Karl-Heinz Rummenigge geliefert. Der hatte zuvor noch begründet, warum die deutschen Profiligen – anders als alle anderen in Europa – noch weiterspielen müssen, egal, ob ohne Zuschauer, unabhängig davon, dass Schulen und Kitas schließen, dass das gesamte öffentliche Leben radikal runtergefahren wird und wohl werden muss: Auf das Unverständnis an der geplanten Austragung von Fernsehspielen verwies er auf eine nahezu schon existenzielle Bedeutung für einige Profiklubs wegen TV-Geldern hin. »Wenn diese Zahlung ausbleiben würde, wäre zu erwarten, dass zumindest viele kleine und mittlere Vereine finanzielle Probleme kriegen würden«. Und die nächste Zahlung könnte ausbleiben, wenn das Fernsehen am Wochenende nichts zu senden hätte. Leider, leider, die Sachzwänge … Nach dieser Logik müssten dann eben Mannschaften durchs Land reisen, Polizei vor den Stadien arbeiten, weil die Fans eben nicht zuhause bleiben – siehe Mönchengladbach und Paris am vergangenen Donnerstag.

Es ist schwer vorstellbar, dass Rummenigge zu dieser Zeit nicht von Infizierten in den Kadern von Hannover 96 und beim 1. FC Nürnberg wusste. Oder von der Absage des Spiels in Bremen, weil die dortigen Behörden eben trotz Geisterspiel mit Fans vor den Stadiontoren rechnen mussten. Es ist auch schwer vorstellbar, dass Rummenigge nichts von den Absagen der höchsten Ligen in Italien, Spanien, und England mitbekommen hat, sowie den massenhaften Absagen in anderen Sportarten. Es drängt sich eher der Verdacht auf, dass der Hype um den Fußball in den letzten Jahrzehnten bei den Protagonisten zur Hybris geführt hat. Kein Wunder, dem Profifußball wurde vor allem in diesem Land so ziemlich jede Sauerei gestattet. Egal ob gekauftes Sommermärchen, Verbindungen ins Arbeiter- und Uhrenparadies Katar, Dopingvorwürfe, die »kreative Ausgestaltung« von Regeln, was das Aufkommen von Konstrukten wie der TSG Hoffenheim oder RB Leipzig ermöglicht, deren Protagonisten sich bei Protesten nicht zu schade sind, sich mit Nazi-Opfern zu vergleichen.

Solcherlei Generalkritik gab es schon oft, auch aus den Vereinen und Fanszenen selbst. Aber nach dieser Woche sollte sich jeder Stadiongänger, jeder Fernsehfan und auch jedes Vereinsmitglied sehr ernsthaft hinterfragen, welches System er oder sie damit am Laufen hält. Auch in Vereinen, die sich als »anders« definieren und damit doch nur zur Diversität in der Angebotspalette beitragen. Ich glaube und weiß, dass Menschen in Gemeinschaft und gerade auch in Fußballvereinen extrem viel Positives bewirken können. Aber muss man sich dafür gleichzeitig in ein Universum namens Profifußball begeben, das im Vergleich zum Fußball als Spiel etwa so hässlich wirkt wie eine Schwalbe Neymars zu einem Pass von Johann Cruyff? Und ja, der hat auch schon jeden Gulden mitgenommen. Wie lange kann man sich dabei selbst sagen, dass es trotzdem noch schön ist, obwohl es früher viel besser war und immer schlimmer wird? Dass da irgendwo noch ein guter Kern ist, den man eben wegen der vielen Werbung, wegen des vielen Geldes und den lächerlichen bis schmerzhaften Schikanen und Repressionen und der viel zu lauten Beschallung im Stadion nur eben nicht mehr fühlt, aber irgendwo dort muss er doch noch sein? Vielleicht ist es Sentimentalität und Stadionbier, dass diesen Glauben befeuert.

Die Schmerzgrenze ist bei jedem Menschen individuell. Corona wird in dieser Gesellschaft einiges umwälzen und auch sichtbar machen. Der Kern des Profifußballs wurde sichtbar in den Worten von Rummenigge, der aber nicht für sich allein spricht. Mehr als dieser nackte Kern ist da wahrscheinlich wirklich nicht – ein Universum, das sich selbst als das wichtigste Nebenuniversum der Welt begreift. Und dabei wie ein Fußball nur um sich selber kreist, egal, ob jemand zuguckt oder nicht. Hauptsache bezahlt.

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