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Befreite Blicke

Christoph Ruf über das Ende des Maskenspiels im Fußball und ein Stück Restwürde einer gelangweilten Gesellschaft

  • Von Christoph Ruf
  • Lesedauer: 4 Min.
Dirk Zingler, Präsident des 1. FC Union Berlin
Dirk Zingler, Präsident des 1. FC Union Berlin

In den vergangenen Tagen sind die Vertreter des offiziellen Fußballs in der Presse zum Teil sehr harsch angegangen worden. Zum Beispiel Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge, dessen gesamtes Statement in Sachen Coronavirus dabei eigentlich gar nicht so undifferenziert war – zumindest wenn man es mit anderen Rummenigge-Einlassungen der letzten Monate vergleicht. Denn der Vorstandschef des Münchner Klubs hat mitten im Sermon aus Versehen die Wahrheit gesagt, als er zu bedenken gab, dass der heutige Fußball in seinem Innersten ein Milliardengeschäft sei, das immer weiter geschmiert werden muss. Spieltag für Spieltag.

Noch entlarvender waren allerdings die Aussagen von Dirk Zingler. Der Präsident des 1. FC Union wollte das Spiel gegen die Bayern, das unter anderen Umständen am vergangenen Sonnabend in der Alten Försterei stattgefunden hätte, noch Mitte der Woche vor Zuschauern abhalten und die gegenläufige Empfehlung von Gesundheitsminister Jens Spahn in einer Rotzigkeit beantwortete, die tief blicken lässt. Wer die Analogie zum Arbeitsleben (»Herr Spahn hat auch nicht empfohlen, dass BMW in Berlin die Produktion einstellt«) und zur Fahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln zieht, hat ebenso die Maske fallen lassen wie Leipzigs Trainer Julian Nagelsmann, der sich Sorgen um die Chancengleichheit machte, sollte das Spiel in der Champions League gegen Tottenham am vergangenen Dienstag (!) nicht mit Zuschauern ausgetragen werden. Schließlich habe das Hinspiel in London auch vor Publikum stattgefunden. Red Bull mag allerdings kaum jemand, während es offenbar einen weitgehenden, vor einigen Jahren geschlossenen deutschlandweiten Konsens gibt, dass man Union Berlin sympathisch finden muss. Ob der Beschluss auch für alle seine Funktionäre zu gelten hat, wird noch zu klären sein. Ich hatte da schon länger meine Zweifel.

Was mir allerdings an diesem Sonntagmorgen mehr zu denken gibt als ein mögliches Urteil über einzelne Funktionäre im deutschen Fußball, ist meine Selbstwahrnehmung. Denn offen gestanden hat es auch bei mir in den zurückliegenden Tagen viel zu lange gedauert, bis Verstand und Urschlamm in ein halbwegs gesundes Verhältnis zueinander rückten. Bis ich wirklich erfasst hatte, dass sich jeder Gedanke an Fußball für die kommenden Wochen und Monate erledigt haben würde, sind auch bei mir einige Tage zu viel ins Land gezogen. Noch länger hat es gedauert, bis ich so wirklich begriffen hatte, dass der Shutdown für so gut wie alles gilt, was mit öffentlichem und damit bei einem Journalisten auch mit beruflichem Leben zu tun hat. Gott sei Dank hat mich in dieser Zeit niemand öffentlich nach einer Prognose in Sachen Bundesligafußball gefragt. Möglicherweise wäre mein innerer Nagelsmann zum Vorschein gekommen.

Bleibt der Blick auf die lieben Mitmenschen und leer geräumte Regale, die intime Einblicke in die Lebenswelt im eigenen Viertel ermöglichen. Über den Fetischcharakter von Klopapier wird noch zu forschen sein, angesichts der Thunfisch-Dosen-Türme in den Einkaufswagen werden weder der Beutefisch noch Kollege Delfin ein Virus brauchen, um dahingerafft zu werden. Und offenbar gibt es auch noch Menschen, die wissen, was man mit Mehl und Zucker anfangen kann. Die Dosen-Ravioli-Vorräte sind merkwürdigerweise noch nicht erschöpft. Manchen Hamstern scheint das Bedürfnis, ein wenig Würde zu bewahren, also noch nicht vollständig abhanden gekommen zu sein.

Auch unsere Vorratskammer ist halbwegs passabel gefüllt – bis der Blick auf die Ladenhüter aus irgendwelchen Urlauben frei ist, dauert es noch. Klopapier ist auch noch da. Und einen Tag, bevor die Stadtbibliothek schloss, habe ich sie noch um ein paar Bücher erleichtert. Aus seligen Schulzeiten stehen zudem noch Camus’ »Pest« und Pagnols »Pestiférés« im Regal. An beide Bücher musste ich in den letzten Tagen öfter denken als an Julian Nagelsmann. Das ist ein gutes Zeichen.

Und so wie die fiebrig-flimmernde Hitze im algerischen Oran der »Pest« den Blick aufs Wesentliche freigibt, ist es auch im Shutdown-Modus des 21. Jahrhunderts, der sich schon dadurch auszeichnet, dass man nicht mehr von Termin zu Termin und von goldenen Kälbern zu Potemkinschen Dörfern rennt. Es gibt wahrlich so einiges, das eine saturierte, in ihrem Inneren zutiefst gelangweilte Gesellschaft ins Groteske überhöht, um nicht an sich selbst zu verzweifeln. An erster Stelle wäre der Fußball zu nennen.

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