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Am Anfang steht die Einsicht

Die DFL sucht nach Auswegen aus der Coronakrise, der Fußball aber braucht eine internationale Lösung

  • Von Frank Hellmann, Frankfurt am Main
  • Lesedauer: 4 Min.
Wenn Fußballer »wie Affen im Zirkus« behandelt werden: Unions Torwart Rafal Gikiewicz hatte am deutlichsten und treffendsten Kritik am Vorgehen der Fußballfunktionäre geäußert.
Wenn Fußballer »wie Affen im Zirkus« behandelt werden: Unions Torwart Rafal Gikiewicz hatte am deutlichsten und treffendsten Kritik am Vorgehen der Fußballfunktionäre geäußert.

Nachdem das Coronavirus fast weltweit den Sport infiziert hat, sucht nun auch die Deutsche Fußball Liga (DFL) in einer außerordentlichen Mitgliederversammlung nach Lösungen, sich einer Ansteckung insofern zu widersetzen, dass Pleiten einzelner Vereine folgen. Vor »existenzbedrohenden Konsequenzen«, hat die DFL gewarnt, sollte die Saison vorzeitig beendet werden. »Für einige könnte es ganz knallhart um eine Insolvenzvermeidungsstrategie gehen«, bestätigte Hans-Joachim Watzke, Geschäftsführer von Borussia Dortmund. Ohne Übertreibung handelt es sich bei der Zusammenkunft der 36 Profiklubs am Montag im Konferenzcenter des Sheraton Airport Hotels am Frankfurter Flughafen um die wichtigste Krisensitzung seit Gründung der Bundesliga.

Sicher ist, dass die Vereine der Empfehlung des DFL-Präsidiums folgen werden, den Spielbetrieb bis zum 2. April auszusetzen. Dieses Zeitfenster ist angesichts der dramatischen Entwicklungen - auch mit den ersten Coronafällen bei den Zweitligisten Hannover 96, 1. FC Nürnberg und Holstein Kiel sowie des ersten erkrankten Erstligaspielers, Luca Kilian vom SC Paderborn - allerdings jetzt schon viel zu kurz. Paderborns Manager Martin Przondziono plädiert zwar nicht für einen sofortigen Abbruch, »aber ich bin sicher, dass wir in zwei Wochen noch nicht wieder über Fußball reden werden. Wir stehen erst am Anfang.« Dafür spricht auch, dass in Berlin nach neuesten Senatsbeschlüssen bis 19. April nicht gespielt werden darf. Weitere Bundesländer dürften folgen.

Natürlich macht das Virus auch nicht vor dem lange Zeit gegen alle Stresssymptome resistenten Profifußball halt, der erst kürzlich im DFL-Wirtschaftsreport den nächsten Umsatzrekord von fast 4,8 Milliarden Euro vermeldete. Im Falle einer vorzeitigen Absage der Bundesligasaison droht angeblich ein wirtschaftlicher Schaden von rund 750 Millionen Euro, wenn die letzten 82 Partien - neun Spieltage plus das Nachholspiel Werder Bremen gegen Eintracht Frankfurt - nicht zur Austragung kommen. Eine einzelne Erstligapartie generiert für alle Erlösbereiche umgerechnet die unglaubliche Summe von 80 Millionen Euro, wie viele Manager bestätigen. Das Gros kommt vom Fernsehen - für entgangene TV-Einnahmen besteht aber kein Versicherungsschutz.

Auf der Mitgliederversammlung wird es also um Fragen gehen, die vor wenigen Wochen noch undenkbar schienen. Wie würde mit einer abgebrochenen Saison verfahren? Die aktuelle Tabelle nach 25 Spieltagen kann nicht zählen, »dafür gibt es in der Spielordnung keine Bestimmung«, bestätigte der zuständige DFL-Direktor Ansgar Schwenken. Es kursieren bereits Szenarien von der kompletten Annullierung der Saison bis hin zur Aufstockung auf 20 oder 22 Vereine, denn die Absteiger hätten berechtigte Argumente, sich juristisch einzuklagen. Gemeinsame Beschlüsse drohen zur Zerreißprobe zu werden.

Zuerst aber müsste kollektiv die Einsicht reifen, dass der Ball auch in den kommenden Wochen kaum rollen kann. Geisterspiele sind kein Heilmittel, wenn die Protagonisten vom Virus befallen sind und Spieler oder ganze Teams in Quarantäne müssen. Gleichwohl wird sich die Liga vermutlich am Montag noch an den Strohhalm klammern, die Saison irgendwie bis zum 30. Juni fortzusetzen, denn so lange laufen die Verträge der Spieler. Danach wird es schwierig bis unmöglich. Doch selbst dieser Notfallplan könnte nur greifen, wenn der europäische Verband Uefa endlich Überfälliges beschließt: die Europapokal- und Länderspiele und vor allem die Europameisterschaft absagen, die am 12. Juni in Rom beginnen sollte. Dass im am stärksten von der Pandemie befallenen Land das paneuropäische Turnier eröffnet wird, scheint ausgeschlossen.

Allerdings verwundert beim Realitätsverlust internationaler Spitzenfunktionäre kaum mehr, dass sie den Tatsachen immer noch nicht ins Auge sehen. Solange auf dieser Ebene keine Entscheidungen getroffen werden, bleibt den nationalen Ligen aber kaum etwas anderes übrig, als wie die DFL zu beteuern: »Ziel ist es weiterhin, die Saison bis zum Sommer zu Ende zu spielen.« Sportliche Gründe sind dabei vorgeschoben, wie Karl-Heinz Rummenigge, Boss des FC Bayern, verraten hat: »Am Ende des Tages geht es um die Finanzen.«

Die Verunsicherung, sagen langjährige Mitarbeiter aus der Frankfurter DFL-Zentrale, sei zuletzt mit Händen zu greifen gewesen, weil die Nachrichtenlage sich stündlich veränderte und verschlimmerte. Dass die DFL am Freitag bis fast zwei Stunden vor Anpfiff der nächsten Geisterspiele in der zweiten Liga wartete, ehe - analog zu Italien, Spanien, Frankreich und England - der komplette Spielbetrieb abgesagt wurde, hat teilweise für erhebliche Verstimmung gesorgt. Aussagen wie die von Union Berlins Torwart Rafael Gikiewicz (»Fußballer werden in dieser Situation wie Affen im Zirkus behandelt«) gingen in den sozialen Netzwerken viral.

Inzwischen machen ganz andere Bilder die Runde: Spieler, die vom Vereinsgelände Bälle, Hanteln, Matten oder Faszienrolle nach Hause tragen. Während in Dortmund oder Mönchengladbach zunächst weitertrainiert wurde, dürften die meisten Klubs zu jener Regelung übergehen, die Eintracht Frankfurt am Wochenende verkündet hat: Die Spieler bekommen individuelle Trainingspläne ausgehändigt und halten sich im Austausch mit dem Trainerteam selbst fit. Spielern und Betreuern ist auferlegt worden, nicht zu reisen und sich in den eigenen Räumlichkeiten aufzuhalten. »Die Jungs sollen möglichst auf soziale Kontakte abseits der eigenen Familie verzichten«, sagte Frankfurts Sportvorstand Fredi Bobic. Der SC Paderborn will laut Manager Przondziono am Montag seinen Profis noch die Spinning-Bikes nach Hause liefern. Auch Fußballer arbeiten also erst mal im Home Office.

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