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Frauen arbeiten 77 Tage im Jahr umsonst

Die Lohnlücke zwischen den Geschlechtern liegt in Deutschland immer noch weit über dem EU-Durchschnitt

  • Von Inga Dreyer
  • Lesedauer: 4 Min.

Ganz neu fühlt sich das Jahr 2020 nicht mehr an, 77 Tage sind schon vergangen. Dieser Dienstag markiert den diesjährigen Equal Pay Day, der den Lohnunterschied zwischen Männern und Frauen deutlich machen soll. In Deutschland beträgt dieser laut Statistischem Bundesamt 20 Prozent. Aufs Jahr gerechnet bedeutet das: Bis zum 17. März hätten die Frauen unentgeltlich gearbeitet. Denn erst jetzt haben sie im Schnitt so viel Lohn erhalten wie die Männer in den zwölf Monaten des vergangenen Jahres.

Die Idee, mit einem Aktionstag für gleiche Bezahlung zu werben, geht auf eine Bewegung der Business and Professional Women (BPW) in den USA zurück. 1988 verwiesen sie mit ihrer Red Purse Campaign auf die roten Zahlen in den Geldbörsen von Frauen. Der deutsche Ableger des Vereins, das Berufsnetzwerk Business and Professional Women (BPW) Germany, griff den Gedanken 2007 auf und initiierte ein Aktionsbündnis.

Die Lücke zwischen den Löhnen von Männern und Frauen, der sogenannte Gender-Pay-Gap, schrumpft in Deutschland nur langsam. Im EU-Durchschnitt verdienen Frauen 16 Prozent weniger als Männer. Neben Estland und der Tschechischen Republik ist die Lohnlücke zwischen den Geschlechtern im europäischen Vergleich in Deutschland am größten.

Die Lücke von 21 Prozent in der Bundesrepublik entspricht dem sogenannten unbereinigten Lohnunterschied. Um den zu berechnen, werden Löhne von Männern und Frauen unabhängig von Faktoren wie Beruf oder Arbeitserfahrung miteinander verglichen.

Der »bereinigte« Entgeltabstand wird hingegen errechnet, indem Männer und Frauen mit ähnlichen Qualifikationen, Jobs und Erwerbsverläufen verglichen werden. Er fällt geringer aus, beträgt aber immer noch 15 Prozent, wie das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), die Forschungseinrichtung der Bundesagentur für Arbeit, in einem 2019 veröffentlichten Bericht feststellt.

Der unbereinigte Lohnunterschied lässt sich auf verschiedene Faktoren zurückführen: Frauen arbeiten häufiger in Teilzeit und in Branchen, in den geringere Löhne gezahlt werden. Sie sind häufiger für die Kindererziehung zuständig, was zu Unterbrechungen im Erwerbsleben führt. Dadurch ergeben sich geringere Fortbildungs- und Aufstiegsmöglichkeiten. Männer arbeiten eher in technischen und verarbeitenden Bereichen und in großen Betrieben, in denen die Karrieremöglichkeiten und Verdienstperspektiven besser sind.

Die aktuellen Zahlen des Statistischen Bundesamts Equal Pay Day zeigten: Innerhalb Deutschlands ist der Gender Pay Gap unterschiedlich ausgeprägt. In Ostdeutschland ist er erheblich kleiner. Dort verdienen Frauen 6,2 Prozent weniger als Männer, im Westen 23,4 Prozent.

Im Bodenseekreis ist die unbereinigte Lohnlücke am größten. Dort verdienen Männer im Schnitt 41,4 Prozent mehr als Frauen. In einigen Städten und Kreisen - wie Cottbus und Frankfurt (Oder) - verdienen Frauen jedoch sogar mehr als Männer. 4,3 Prozent verdienen Cottbuser Frauen mehr als Männer. Das heißt jedoch nicht, dass sie besonders viel verdienen. Denn generell ist das Lohnniveau im Osten niedriger als im Westen. Zum Vergleich: Während Männer im Bodenseekreis im Schnitt 143 Euro am Tag verdienen, sind es in Cottbus nur 85 Euro.

Wie groß der Gender Pay Gap ist, liegt auch daran, welche betrieblichen Strukturen in einer Region vorherrschen. »In Brandenburg gibt es nicht so viele hochbezahlte Industriearbeitsplätze, die oft von Männern besetzt werden«, erklärt Nina Lepsius, Pressesprecherin des Bezirks Berlin-Brandenburg im Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB).

Frauen arbeiten im Bodenseekreis wie in Cottbus häufig in Dienstleistungs- und Gesundheitsberufen. Für Cottbus unterstreicht der IAB-Bericht die Bedeutung der Verwaltungsberufe. Ein Fünftel der Frauen arbeitet dort im öffentlichen Dienst - ein Bereich, der vor allem Frauen in Ostdeutschland die Chance angemessener Verdienstmöglichkeiten bietet.

Dass der Gender Pay Gap im Osten generell kleiner ist, liege auch daran, dass dort weniger Frauen länger zu Hause bleiben oder in Teilzeit arbeiten, sagt Nina Lepsius. Die Berufstätigkeit von Frauen ist im Osten immer noch stärker verankert. Ein Blick auf die bereinigte Lohnlücke zeigt jedoch, dass auch im Osten keine Gleichheit herrscht. In vergleichbaren Positionen verdienen Männer auch in Cottbus 7,8 Prozent mehr als Frauen. Für gleiche Arbeit bekommen sie überall in Deutschland mehr.

Um das zu ändern, sei unter anderem der Ausbau von Ganztagsbetreuung in Kindertageseinrichtung und Grundschulen nötig, um Erwerbsunterbrechungen zu vermeiden, stellen die Autorinnen des IAB-Berichts fest.

Ein Faktor ist auch das Wissen darum, wie viel die eigene Arbeit wert ist - und der Mut, dafür einzutreten. Nach dem 2017 in Kraft getretenen Entgelttransparenzgesetz existiert ein Auskunftsanspruch darüber, wie hoch Gehälter in einem Unternehmen sind - allerdings nur in Firmen mit mehr als 200 Beschäftigten. Hilfe bei der Durchsetzung des Anspruchs bietet beispielsweise ein Leitfaden auf der Webseite der Business and Professional Women. Nicht umsonst steht der Equal Pay Day dieses Jahr unter dem Motto »Auf Augenhöhe verhandeln - Wir sind bereit.«

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