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Neuer Zweck für bekannte Wirkstoffe

Es gibt viele Medikamente gegen Virenerkrankungen. Doch welche helfen auch gegen Covid-19?

  • Von Ulrike Henning
  • Lesedauer: 4 Min.

Bei der Suche nach Therapeutika gegen die neuartige Lungenerkrankung Covid-19 geht die Forschung nach einem Muster vor, das weniger innovativ als systematisch ist: Vorhandene Wirkstoffe und Wirkmechanismen werden daraufhin untersucht, ob sie auch bei dem Coronavirus Sars-Cov-2 anschlagen. Ziel ist es, die Vermehrung der Viren im Körper zu behindern und die Lunge vor einem Befall zu schützen. Es geht um antivirale Wirkstoffe sowie um Mittel, die das Immunsystem an überschießenden Reaktionen hindern, sowie um Medikamente für andere Lungenkrankheiten.

So wurde Remdesivir, ursprünglich zur Behandlung des Ebola-Fiebers entwickelt, seit Jahren in verschiedenen internationalen Studien zur Bekämpfung anderer Erreger getestet. Der Wirkstoff ist bisher weltweit noch nicht zugelassen, bei Tests an Ebola-Patienten erwies er sich zwar als sicher, aber nicht als wirksam. In Laborversuchen habe er sich dafür gegen Mers- und Sars-Erreger, also die zuvor bekannten Varianten des Coronavirus, wirksam gezeigt, wie der US-Hersteller Gilead mitteilte.

Der Wirkmechanismus ist gut belegt: Das Mittel hemmt die RNA-Polymerase - ein Enzym, das vorhanden sein muss, damit sich bestimmte Eiweiße bilden können. Auch das neue Coronavirus braucht dieses, um sich innerhalb der infizierten Zellen vermehren zu können. Bei Versuchen mit Rhesusaffen erwies sich, dass Remdesivir auch vorbeugende Wirkung besitzen könnte - die Tiere zeigten sich gegen eine Ansteckung mit dem Mers-Erreger geschützt.

Im Zusammenhang mit Sars-Cov-2 sind noch im Monat März Remdesivir-Tests mit fast 1000 Patienten in asiatischen und anderen Ländern geplant. Die Teilnehmer sind laut Gilead moderat bis schwer an Covid-19 erkrankt.

Auch drei deutsche Universitätskliniken - Düsseldorf, Hamburg und München-Schwabing - können »in ausgewählten Einzelfällen« antivirale Medikamente erproben, die für Coronapatienten bisher noch nicht zugelassen sind. Vom deutschen Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte wurden Remdesivir-Tests mit insgesamt 1000 unterschiedlich stark an Covid-19 Erkrankten genehmigt. Deutsche Forscher rechnen mit dem Beginn der Studien ab Anfang April. Ebenso starteten chinesische Forscher zwei klinische Studien mit dem Wirkstoff an einer Klinik in Peking. Untersucht werden dabei sowohl Patienten mit milder bis mittelschwerer Lungenentzündung als Folge der Coronainfektion als auch Kranke mit einer schweren Pneumonie. Insgesamt sind 760 Probanden einbezogen. Bis Anfang April sollen die Studien abgeschlossen sein.

Außerdem ist es möglich, dass für einzelne Patienten der Wirkstoff auch vor einer Zulassung direkt beim Hersteller beantragt werden, was dem Universitätsklinikum Düsseldorf bereits gelungen ist. Auch andere Krankenhäuser bemühen sich auf diesem Weg um das Mittel. Ein Härtefallprogramm hat Gilead für Deutschland noch nicht beantragt - dann würde das Medikament vor der Zulassung kostenlos zur Verfügung gestellt.

Weder über die tatsächliche Wirksamkeit noch über die Kosten für das Medikament lässt sich aktuell Zuverlässiges sagen. Jedoch stand Gilead schon in der Vergangenheit wegen seiner Preispolitik in der Kritik: Ein gut wirksames und günstig herstellbares Hepatitis-C-Mittel wurde 2014 für 60 000 Euro pro Patient auf den Markt gebracht.

Der RNA-Polymerase-Hemmer Favipiravir, entwickelt von der Pharmatochter des japanischen Unternehmens Fujifilm und ebenfalls bereits im Kampf gegen Ebola im Einsatz, erhielt übrigens bereits Mitte Februar in China für fünf Jahre eine Zulassung. Ebenfalls als Mittel gegen Covid-19 ist aktuell eine Kombination aus Lopinavir und Ritonavir im Gespräch. Das 2001 in der EU zugelassen Kombimittel kommt gegen HIV-Infektionen zum Einsatz. Neu untersucht werden aktuell auch das Malariamedikament Chloroquin (unter Laborbedingungen in Australien bereits erfolgreich), das Hepatitispräparat Ribavirin sowie ein Mittel gegen Multiple Sklerose. Im Deutschen Primatenzentrum in Göttingen wird zudem zu einem Enzym geforscht, das in Zellen vorhanden ist und vom Virus benötigt wird, um in diese hineinzugelangen.

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Ein Impfstoff gegen das neuartige Coronavirus wird ebenfalls mit großer Anstrengung gesucht, könnte nach Einschätzung vieler Experten aber frühestens in einem Jahr zur Verfügung stehen. Angesichts der großen Zahl der in Deutschland zu prüfenden Medikamente ist es angemessen, dass der Haushaltsausschuss des Bundestages vor kurzem 145 Millionen Euro für die Forschung zu Covid-19 freigab.

Relativierend muss gesagt werden: Die meisten Menschen, die sich bisher mit Sars-Cov-2 infizierten, erholten sich nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation auch ohne besondere Behandlung. Ein schwerer Krankheitsverlauf sei nur bei 15 von 100 Infizierten zu beobachten - das sind die bekannten Risikogruppen: Ältere Menschen und Menschen mit Vorerkrankungen.

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