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Mit Egoismus gegen die Pandemie

Kurt Stenger über die Gründe dafür, dass es um die geforderte Solidarität nicht allzu gut bestellt ist

  • Von Kurt Stenger
  • Lesedauer: 4 Min.

»Da sind unsere Solidarität, unsere Vernunft, unser Herz füreinander schon auf eine Probe gestellt, von der ich mir wünsche, dass wir diese Probe auch bestehen.« Etwas verquast hat die Kanzlerin - wie auch zahllose weitere Spitzenpolitiker - die Bürger aufgefordert, sich mit solidarischem Verhalten gegen die Corona-Krise zu stemmen. Und tatsächlich: Viele erledigen für ihre älteren Nachbarn den Einkauf mit oder unterstützen sich bei der Betreuung der Kinder, die wegen den Schulschließungen bis auf weiteres zu Hause sind. Das ist natürlich eine sehr gute Entwicklung. Doch es lässt tief blicken, dass in den alten wie neuen Medien ein wahrer Hype darum entstanden ist. Dies ist eben etwas ganz Besonderes in einer extremen Ausnahmesituation und nicht das, was es eigentlich sein sollte: etwas völlig Selbstverständliches.

Dies ist natürlich auch kein Wunder. Jahrzehnte der neoliberalen Doktrin und Praxis haben bis in den Alltag hinein ihre tiefen Spuren hinterlassen. Man könnte auch von einer moralischen Pandemie sprechen, die mancherorts mehr, mancherorts weniger grassierte. Jeder muss für sich selbst sorgen, der Schutz Schwacher wird zurückgefahren und Egoismus letztlich belohnt. Gerade die Politik kann sich davon auch in der Coronakrise kaum lösen. Es wird zwar viel von Solidarität geredet, doch die Wirklichkeit ist eine andere. Als sich das Epizentrum der Corona-Ausbreitung vor einigen Wochen nach Europa verlegte, wurden die betroffenen Regionen eben nicht mit konzertierten EU-Hilfsaktionen überschüttet, sondern als Risikogebiete gebrandmarkt, gegen die man die Grenzen schließen muss. Nicht einmal das sofortige Aufkündigen des Fiskalpakts, um die dringend benötigten Finanzmittel lockerzumachen, wurde gewährt. Nicht auszudenken, sollte die Pandemie irgendwann die ärmsten Entwicklungsländer erfassen, deren Gesundheitssysteme überhaupt nicht mit der Situation klarkämen. Die Geberländer sind derzeit weitgehend mit sich selbst beschäftigt. Auch die Rückverlagerung von Produktion nach Europa, wie derzeit gefordert, würde vor allem den Globalen Süden treffen.

Wieder einmal macht jede der nationalen Regierungen in der EU ihr eigenes Ding, auch die deutsche. Man denke nur an das Exportverbot für medizinische Schutzausrüstung, die auch anderswo dringend gebraucht wird. Selbst in Sachen Hamsterkäufen geht die Regierung mit schlechtem Beispiel voran: Es wurden bereits mehrere Großaufträge für Beatmungsgeräte aufgegeben - die Unternehmen können bis auf weiteres niemand anderen beliefern. Wenn Regierungsvertreter jetzt die Bürger dazu aufrufen, Hamsterkäufe zu unterlassen, ist das eben wenig glaubwürdig. Was gleichzeitig aber nicht als Entschuldigung für das Verhalten vieler Bürger herhalten darf. Die in der Konsumgesellschaft völlig untypischen leeren Regale entwickeln ihre eigene psychologische Wirkung. Das gemeinsame Shoppingerlebnis mutiert zum Kampf um Alltagsprodukte, bei dem sich das Recht des Stärkeren durchsetzt. Die Parole lautet: »Hauptsache ich und die meinen sind versorgt.« Pech, wenn gerade Ältere und wenig Mobile kein Klopapier bekommen oder Eltern mit Kleinkindern vergeblich nach Babyfeuchttüchern suchen. Dies ist quasi im Kleinen die Extremform des Neoliberalismus, die sich im Aufstieg der AfD und dem brutalen Umgangston vieler User der sozialen Medien manifestiert.

Auch der individuelle Umgang mit Schutzmaßnahmen gegen das neuartige Virus ist oft von Egoismus statt von Solidarität geprägt. Alles dreht sich darum, sich selbst das Virus nicht einzufangen. Das ist natürlich verständlich, aus infektiologischer Sicht jedoch völlig unzureichend: Alles müsste sich darum drehen, das Virus nicht an andere weiterzugeben. Der berühmte Mundschutz, der gerade auch denen weggekauft wird, die ihn etwa in Krankenhäusern dringend brauchen, schützt nicht vor Ansteckung. Wenn, dann sollten ihn Infizierte tragen. Etwas, was für Japaner, hierzulande dafür früher immer belächelt, schon lange selbstverständlich ist.

Ob dies der Hauptgrund ist, warum Japan die Corona-Ausbreitung offenbar weitgehend im Griff hat, sei dahingestellt. Fakt aber ist, dass sich das Epizentrum der Pandemie schon vor ein, zwei Wochen von Ostasien nach Europa verlagert hat. Die erste gemeinsame Reaktion der egoistischen EU-Regierungen spricht Bände: Während Europäer mittlerweile die größte Gefahr für die anderen darstellen, werden die Außengrenzen für Einreisende geschlossen.

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