Werbung

Offener Brief an Putin

Wissenschaftler beklagen Klerikalisierung

  • Von Irina Wolkowa, Moskau
  • Lesedauer: 2 Min.
Prominente Mitglieder der Russischen Akademie der Wissenschaften - darunter zwei Nobelpreisträger - haben sich in einem Offenen Brief an Präsident Wladimir Putin gegen die Klerikalisierung der russischen Gesellschaft gewandt.
Seit Sonntag steht der Brief im Internet, zu Wochenbeginn wurde er von mehreren Tageszeitungen abgedruckt. Seine Autoren kritisieren den wachsenden Einfluss der russisch-orthodoxen Kirche »in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens«. Die Kirche, heißt es in dem Schreiben, »versucht mit allen Mitteln den religiösen Glauben zu stärken und ihn der Gesellschaft zum Schaden der echten Wissenschaft« aufzuzwingen. Die Kritik richtet sich vor allem gegen Forderungen des Klerus, im Biologieunterricht Darwins Evolutionstheorie und den christlichen Schöpfungsmythos als gleichwertig zu behandeln. Einer Fünfzehnjährigen, die eben diese Gleichbehandlung in einem Verfahren gegen das Bildungsministerium einklagen wollte, war Patriarch Alexi II. persönlich beigesprungen: Wenn jemand meint, er stamme vom Affen ab, habe er noch lange nicht das Recht, diese Meinung anderen aufzunötigen. Vor dem »Affenprozess« war seine Heiligkeit schon mit der Einführung des Pflichtfachs »Grundlagen der orthodoxen Kultur« angeeckt. Atheisten, Muslime und Juden, die es zusammen auf über 60 Prozent der russischen Bevölkerung bringen, liefen Sturm gegen die »Zwangsbekehrung«. Religion als Ersatz für eine nationale Idee, nach der das postkommunistische Russland bis heute vergeblich sucht, sei stets gefährlich und für einen multikonfessionellen Vielvölkerstaat Sprengstoff, warnen die zehn Unterzeichner des Briefes. Der Erznationalist Dmitri Rogosin aber sprach gerade den Nobelpreisträgern unter den Autoren jegliche Kompetenz ab: Der eine - der Physiker Shores Alfjorow - sei als bekennendes Mitglied und Duma-Abgeordneter der Kommunistischen Partei dem Atheismus der Sowjet-Ära verhaftet, und sein Kollege Witali Ginsburg sei gar Jude und daher unfähig, Christentum auch nur zu begreifen, sagte Rogosin dem Rundfunksender »Echo Moskwy«. Rogosin, einst Mitbegründer und Fraktionsvorsitzender des Wahlblocks »Rodina« (Heimat), hat inzwischen eine neue Partei »Großes Russland« ins Leben gerufen, der manche Meinungsforscher bei den Duma-Wahlen im Dezember bis zu 25 Prozent der Stimmen zutrauen - wenn sie denn die Registrierungshürde schaffte. Ihr stehen auch mehrere klerikal-faschistoide Vereinigungen wie die »Orthodoxe Sammlungsbewegung« nahe, die Ginsburg und dessen Mitstreiter wegen Beleidigung der Kirche vor Gericht zerren will. Wladimir Putin, den Akademiker wie Kirchenväter zum Schiedsrichter für ihren Streit bestellen wollen, schweigt bisher. Auch weil er es angesichts nahender Wahlen mit niemandem verderben will.

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!

9 Ausgaben für nur 9 €

Jetzt nd.DieWoche testen!

9 Samstage die Wochenendzeitung bequem frei Haus.

Hier bestellen