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Pandemie verlängert Semesterferien

Die Maßnahmen gegen Covid-19 legen die Unis lahm - teilweise wird auch die Forschung ausgesetzt

  • Von Moritz Aschemeyer
  • Lesedauer: 4 Min.

»Für mich ist es fast ein Vorteil, dass die Bibliothek geschlossen ist«, meint Louis Miebs. Der Berliner Politikwissenschaftsstudent schreibt gerade an einer Hausarbeit. »Eigentlich hätte ich ein Buch zurückgeben müssen, jetzt kann ich es weiter benutzen.« Andere haben weniger Glück: Jurastudenten etwa, die auf Lehrbücher angewiesen sind. Aufgrund des Coronavirus geht seit dieser Woche auf den Campus in Deutschland fast nichts mehr. Die Universitätsbibliotheken sind vielerorts geschlossen, nur vereinzelt gibt es Notbetrieb.

Alle Bundesländer haben den Beginn des Sommersemesters verschoben, meist auf den 20. April, wie etwa Bayern, Baden-Württemberg, Berlin, Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern. In Thüringen und dem Saarland beginnt das nächste Semester nach aktuellem Stand erst am 4. Mai. In Sachsen gibt es hierzu keine einheitliche Regelung.

Der Präsenzlehrbetrieb wurde vorübergehend eingestellt, Veranstaltungen sind teilweise bis in den Sommer hinein abgesagt. Für das kommende Semester wird damit gerechnet, dass in der Lehre großflächig auf digitale Konzepte umgestellt werden muss. Anna Wunderlich, die Pressesprecherin der Hochschulgewerkschaft Unterbau an der Frankfurter Goethe-Universität, geht daher von Verzögerungen im Lehrbetrieb aus. »Manche Lehrformate wie Seminare oder Laborpraktika lassen sich nicht oder nur bedingt digital umsetzen. Und auch für Dozierende würde eine verordnete Umstellung auf eLearning-Programme eine deutlich größere Belastung in der Lehrvorbereitung bedeuten, die es zu bedenken gilt«, sagte sie dem »nd«.

Der Forschungsbetrieb läuft an den meisten Hochschulen bisher weiter, wenn auch in eingeschränkter Form. Auch in der Verwaltung wird zunehmend auf Homeoffice gesetzt. In Bayern werden zudem Verwaltungskräfte gesucht, die in den Gesundheitsbehörden aushelfen. Ministerpräsident Markus Söder (CSU) will so das medizinische Personal entlasten.

An der Helmut-Schmidt-Universität der Bundeswehr in Hamburg war vergangenen Donnerstag ein Covid-19-Fall gemeldet worden. Daraufhin wurde die Uni vollständig geschlossen, Lehre und Forschung wurden eingestellt. Im Laufe dieser Woche kam es bundesweit zu präventiven Vollschließungen, etwa in Ulm oder Siegen.

Auch bei Prüfungen kommt es derzeit zu Einschränkungen. Die TU Dortmund kündigte an, alle Prüfungen bis 19. April auszusetzen, entsprechende Regelungen wurden diese Woche von den Unis in Göttingen und Kassel beschlossen. An anderen Hochschulen bemüht man sich um digitale Alternativen. Die FU Berlin sieht Prüfungen nur in »begründeten Einzelfällen« vor. An der Braunschweiger TU fand noch am Montag eine Analysis-Klausur mit 120 Teilnehmern statt, nach Kritik wurde den Studierenden jedoch eine Absage ermöglicht.

Für Studierende einheitlicher sind die Regelungen zum Bafög. »Auch wenn Schulen und Hochschulen wegen der Covid-19-Pandemie geschlossen werden, erhalten Bafög-Geförderte ihre Ausbildungsförderung weiter«, teilte die CDU-Bildungsministerin Anja Karliczek vergangenen Freitag mit. Dasselbe gelte auch für Studienanfänger, die zum Sommersemester ein Studium beginnen. Das Ministerium für Bildung und Forschung habe hierzu einen entsprechenden Erlass herausgegeben.

Studierendenvertreter forderten Planungssicherheit bezüglich der Bafög-Zahlungen. »Im Berliner Bafög-Amt gibt es keine digitalen Akten. Dort kann nicht so schnell auf Homeoffice umgestellt werden«, gab Tilman Schneider, Referent für Öffentlichkeitsarbeit des AStA der FU Berlin, gegenüber »nd« zu Bedenken. Er befürchte Rückstau bei den Behörden. »Bei den zum Sommersemester bewilligten Bafög-Anträgen darf es nicht zu Verzögerungen kommen«, forderte Schneider. »Viele Studierende sind auf die Leistungen angewiesen, um ihre Miete zahlen zu können.« Auch sollte das Erbringen von Prüfungsleistungen in den kommenden Monaten freiwillig sein, um den Umständen gerecht zu werden. Der bundesweite Dachverband der verfassten Studierendenschaften fzs fordert für den Fall von ausfallenden Lehrveranstaltungen und Prüfungen eine Ausweitung der Regelstudienzeit. »Damit einhergehend muss dann natürlich auch das Bafög länger gezahlt und für Studis, die kein Bafög bekommen, etwa zinslose Kfw-Kredite zur Verfügung gestellt werden«, sagte Jacob Bühler, beim fzs zuständig für Sozialpolitik, in einer Mitteilung.

Doch nicht nur für Studierende entstehen durch die Coronakrise Probleme. Es sei wichtig, auch die Beschäftigten im Auge zu behalten, merkte Schneider an. »Die Beschäftigten des Studierendenwerks etwa brauchen Garantien. Hier darf es infolge von Umsatzeinbußen nicht zu betriebsbedingten Kündigungen kommen.«

Auch Anna Wunderlich verwies auf offene Fragen der Existenzsicherung von Beschäftigten an den Universitäten. Insbesondere für Lehrbeauftragte auf Honorarbasis und für Beschäftigte, die in fristgebundenen Drittmittelprojekten arbeiten, sei die Lage derzeit unklar. Außerdem betroffen seien Angestellte externer Dienstleister. »Die sozialen und ökonomischen Risiken dieser Gesundheitskrise können nicht von Menschen in ohnehin prekären Beschäftigungsverhältnissen getragen werden. Die DGB-Gewerkschaften sehen wir in der Pflicht, jetzt auch für Menschen in atypischen Arbeitsverhältnissen zu kämpfen«, sagte sie gegenüber »nd«. Als Hochschulgewerkschaft wolle man jetzt Druck auf die Universitätsleitung und auch auf den DGB ausüben, damit während dieser außergewöhnlichen Situation niemand vergessen werde.

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