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Schüler*innen müssen während der Coronakrise zu Hause lernen – doch nicht alle haben dabei die gleichen Möglichkeiten.
Schulschließungen

Ungleichheit kennt keine Auszeit

Benachteiligte Schüler leiden besonders unter den Schulschließungen

Von Mascha Malburg

Den Berliner Lehrer*innen blieb genau ein Tag, um ihre Schüler*innen auf drei Wochen selbstständiges Lernen vorzubereiten. Am vergangenen Freitag hatte der Senat mitgeteilt, dass die Schulen aufgrund der Corona-Pandemie bis nach den Osterferien schließen. Am Montag kamen die Schüler*innen dann ein letztes Mal in den Unterricht. »Wir haben das ganze Wochenende am Telefon gehangen und uns abgesprochen, wie wir das hinkriegen«, erzählt ein Lehrer, der an einer Kreuzberger Grundschule eine sechste Klasse unterrichtet. »Viele unserer Kinder haben keinen PC zu Hause und können auch noch nicht mit den entsprechenden Programmen umgehen. Wir mussten also alle Aufgaben ausdrucken.«

Provisorisch teilten er und seine Kolleginnen am Montag den Kindern Zettel mit ihren Telefonnummern aus, damit sie sich bei Schwierigkeiten melden können. Gemeinsam haben sie sich die Kindernachrichten angeschaut und darüber diskutiert, wo man sich in den nächsten Wochen über den aktuellen Stand der Pandemie informieren kann. »Wir haben dann auch noch mal die exponentiellen Funktionen wiederholt, um die Ausbreitungsgefahr des Virus zu veranschaulichen«, sagt der Mathelehrer lachend. Ein Stockwerk höher, in den Klassenstufen eins bis drei, wuschen sich dann alle Kinder gemeinsam die Hände. »Ihr müsst zweimal Happy-Birthday singen und ganz viel Schaum erzeugen«, erklärte eine Lehrerin. Auch sie hat den Kindern Arbeitsblätter mitgegeben, alle Bücher und Hefte wurden in den Ranzen mit nach Hause geschleppt.

Am Dienstagmorgen ist es still geworden in den Klassenzimmern. Die Pädagogen besprechen sich auf den Gängen, sortieren Lernkärtchen und tauschen die Kontaktdaten der Eltern aus. »Ich geh dann mal Zeugnisse vorschreiben«, seufzt ein junger Musiklehrer. Der Berliner Senat hat das gesamte Schulpersonal angehalten, weiter zu arbeiten. Sie sollen die Schüler mit Lehrmaterialien versorgen, die Wiederaufnahme des Schulbetriebes nach der Pandemie organisieren und eine Notbetreuung gewährleisten. Doch nur ein paar vereinzelte Eltern bringen ihre Kinder an diesem Vormittag vorbei. Sie müssen nachweisen, dass sie in »systemrelevanten« Berufen arbeiten und keine andere Möglichkeit haben, eine Betreuung zu organisieren.

»Wir wissen alle noch nicht, wie es in den nächsten Wochen weitergeht«, sagt eine Schulsozialarbeiterin. Auf der extra eingerichteten Lernplattform hätten sich bis jetzt nur drei Schülerinnen ihrer Klasse angemeldet, ausschließlich jene, die aus Akademikerfamilien kommen und zusätzliche Hilfe am wenigsten benötigten. »Wir können nur hoffen, dass alle Schüler zu Hause die nötige Disziplin entwickeln und die Ruhe finden, um sich an die Aufgaben zu setzen. Wir haben versucht, alles so zu gestalten, dass sie es auch ohne Hilfe schaffen.« Viele würden von ihren Großeltern betreut, die kein Deutsch sprechen. Andere bekämen hingegen einen Privatlehrer. »Die Schere zwischen unseren Schülern, die sich durch die unterschiedlichen sozioökonomischen Hintergründe ergibt, wird jetzt noch mal größer«, klagt ihr Kollege.

Im Werkraum, der zurzeit für die Willkommensklasse genutzt wird, tippt eine junge Lehrerin besorgt auf ihrem Handy. »Meine Schüler sind schon gestern nicht mehr gekommen«, erzählt sie. Unter den Geflüchteten herrsche Panik und Unsicherheit, die auch auf die Kinder abfärbe. »Corona wurde gemacht, damit die Muslime nicht nach Europa kommen!«, habe ein Junge ihr am Freitag ganz aufgeregt erzählt. Sie versucht nun mit den Eltern in Kontakt zu bleiben. »Sie verstehen die Nachrichten auf Deutsch kaum, sie verlieren die Jobs, in denen sie häufig illegal arbeiten und können nicht auf Unterstützungszentren im Kiez zurückgreifen, weil sie geschlossen haben«, erklärt sie.

Bis zum Schluss hat die Lehrerin versucht, mit Gesang und Spielen einen angstfreien Klassenraum zu schaffen. »Diese Kinder haben in ihrem Leben schon zu viel Chaos erlebt«, sagt sie. Am Freitag hat sie allen ein Heft mit Bildern und Vokabeln mitgegeben, mit dem sie gemeinsam mit der Familie Deutsch lernen können. In der letzten Stunde hat sie ihnen versprochen, dass sie sich bald wiedersehen. Große Sorgen bereitet ihr eine mögliche Ausgangssperre. An den Wänden des Klassenraums hängen Bilder, auf denen die geflüchteten Kinder ihr Traumzuhause gezeichnet haben, mit Schaukelstuhl, Badewanne und einem eigenen Spielzimmer. »Das ist natürlich nicht die Realität.«, sagt die Lehrerin. »Viele der Kinder leben in Heimen oder mit der ganzen Familie in einem Zimmer bei Verwandten - Was machen die, wenn die nicht mehr rausdürfen?«

Nicht nur die Schulen, auch Bildungseinrichtungen, Bibliotheken und Jugendzentren sind seit vergangener Woche geschlossen. »Wir sind ja eigentlich dafür da, die fehlende Unterstützung zu Hause zu kompensieren«, erklärt Ali Gashi, der das kostenlose Nachhilfeprojekt »Schüler helfen Schülern« im Medienhof-Wedding leitet. Jeden Freitagnachmittag bieten er und andere junge Menschen aus dem Kiez, die den Bildungsaufstieg geschafft haben, Hilfe bei den Hausaufgaben für Grundschüler*innen an. Jetzt ist der Raum im Weddinger Hinterhof geschlossen, in einer Whatsapp-Gruppe bieten er und seine Mitstreiter*innen stattdessen Hilfe per Chat und Telefon an.

In diesen Zeiten falle besonders auf, wie essenziell Rückzugsräume für seine Schüler seien, sagt Gashi. »Die Kinder haben zu Hause noch mehr Dinge um die Ohren als sonst. Die Eltern wissen nicht, wie man das Kurzarbeitergeld beantragt oder kommen von der Supermarktkasse gestresst nach Hause. Dazwischen streiten die Kinder um den einen PC, können nicht auf den Spielplatz, ins Schwimmbad oder eben zu uns.« Er befürchtet, dass gerade die Kinder aus bildungsfernen Familien jetzt zurückfallen. »Für viele sind die Schulen und die Nachhilfe ja der einzige Ort, wo sie mit gewissen Themen und Fragestellungen konfrontiert werden. Zuhause fehlen die Impulse.«

Auch für die Oberschüler*innen aus benachteiligten Familien wachsen mit den Schließungen von Bildungseinrichtungen die Hürden. So musste das Angebot »Sprint« (Sprach- und Integrationsmittlung), das in den Räumen des Medienhofs Schüler*innen auf Klausuren, Prüfungen für des mittleren Schulabschluss und das Abitur vorbereitet, schließen. Zwar hätten die Älteren fast alle ein Smartphone und Zugriff auf verschiedene Lernplattformen, aber nur die wenigsten könnten damit auch arbeiten, erzählt Herbert Weber, der seit 15 Jahren die Weddinger Bildungseinrichtung leitet. »Die Umstellung auf digitale Lernangebote scheitert teilweise an der mangelnden Medienkompetenz vieler Jugendlicher, die es nicht gewohnt sind, über Drop-Box oder Webinare zu kommunizieren oder schlicht keine Computer oder Scan-Geräte zu Hause haben«, sagt Weber. »Jetzt ist es zu spät, sie zu erreichen und einzuweisen in die Medienhandhabung. Die mangelhafte Digitalisierung der Schulen rächt sich an den sowie schon benachteiligten Schülerinnen und Schülern jetzt ganz besonders.«