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Präparat eines Lungenflügels, durch die Spanische Grippe geschädigt.
Spanische Grippe

Philadelphia mahnt

Was von der Spanischen Grippe heute noch zu lernen ist.

Von Ulrike Henning

Die Spanische Grippe forderte zwischen 1918 und 1923 mindestens 20 Millionen Todesopfer weltweit, über 700 Millionen Menschen erkrankten. Ihren Ausgang nahm die Pandemie vermutlich im US-Bundesstaat Kansas, auch wenn ihr Name sich immer noch auf die Erstmeldung aus Spanien bezieht, möglicherweise vom Februar 1918, aus dem Badeort San Sebastián an der Nordküste Spaniens.

Der tatsächliche Ausgangspunkt war ein anderer, nämlich die Region Haskell County in Kansas. Dort hatte ein Landarzt zu Jahresbeginn zahlreiche Patienten mit überaus heftigen Grippesymptomen behandelt. Er stellte einen rasend schnellen und mitunter tödlich endenden Krankheitsverlauf fest. Mindestens drei Personen aus dem Gebiet wurden Ende Februar in das US-Army-Ausbildungslager Funston eingezogen. Dort erkrankte ein Koch am 4. März an der Grippe, drei Wochen später waren in dem Camp 1100 Schwerkranke und 38 Todesfälle zu beklagen. Die Soldaten nannten die Erkrankung auch »knock-me-down fever« (dt. etwa Wirf-mich-um Fieber).

Infektionsherd Krieg

Die Atemwegserkrankung breitete sich von dort im ganzen mittleren Westen und in den südöstlichen Staaten der USA aus. Anfangs gab es nur wenige Komplikationen in Form von Lungenentzündungen und kaum Todesfälle. Bis Mai 1918 stieg die Sterberate jedoch ungewöhnlich stark an. In der Literatur finden sich viele Berichte darüber, wie die Ansteckungswelle um den Globus lief, unter anderem über Militärtransporte und -häfen, wie die kriegsführenden Mächte die Krankheit zunächst verheimlichten oder zu ignorieren versuchten.

Die schnelle Verschlechterung des Zustandes der Erkrankten war ein typisches Kennzeichen der Spanischen Grippe. Mitunter vergingen von den ersten Symptomen bis zum Tod nur wenige Tage oder Stunden. Trotz der hohen Opferzahl weltweit konnten Mediziner und Wissenschaftler jahrelang nicht verstehen, wodurch das Geschehen ausgelöst wurde. Der Pfeiffer-Bazillus, ein Bakterium, das bei vielen Erkrankten nachgewiesen worden war, erwies sich als Irrweg. Auch das Fehlen von Antibiotika und die allgemein schlechteren Lebensbedingungen konnten die ungewöhnlich hohe Sterblichkeit im Nachhinein nicht erklären. 1933, bei der Beschäftigung mit der jährlich bei Hausschweinen auftretenden Grippe, wurde zunächst erkannt, dass der Auslöser ein Virus war.

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Noch einmal Jahrzehnte später gelang es, das Virus komplett zu rekonstruieren. Eine Kombination von mehreren Faktoren - darunter das Oberflächenprotein Hämagglutinin auf dem Virus, aber auch eine spezifische Reaktion des Immunsystems des Erkrankten - machten den Erreger besonders gefährlich. Angesichts der heute vermuteten Herkunft der Spanischen Grippe direkt aus Vögeln sehen Virologen immer noch das Risiko, dass mit relativ wenigen Mutationsschritten das sogenannte Vogelgrippevirus H5N1 noch einmal den gleichen Weg nehmen könnte.

Was die Spanische Grippe auch für das heutige Geschehen rund um das neuartige Coronavirus interessant macht, sind die gesundheitspolitischen Maßnahmen, die zum Beispiel in den USA angewandt wurden, um die Ansteckungswelle einzudämmen. Diese Interventionen werden heute ebenfalls genutzt, manches ist auch bei anderen ansteckenden Krankheiten zur Norm geworden, etwa die Pflicht der Ärzte, jeden Fall zu melden.

In den USA wurden 1918 Isolierungsmaßnahmen angeordnet: Quarantäne für Haushalte mit Erkrankten, Schließungen von Schulen, Kirchen, Theatern und Tanzetablissements. Untersagt wurden private Beerdigungen und öffentliche Zusammenkünfte. 2007 veröffentlichte die Fachzeitschrift »Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America« (PNAS) eine Studie zum Zusammenhang dieser Maßnahmen mit der Intensität der Epidemie 1918. Die Autoren hatten bemerkt, dass der potenzielle Nutzen der »nicht pharmazeutischen Maßnahmen« zwar von mathematischen Modellen unterstützt wird, jedoch noch nicht systematisch untersucht war.

Quarantäne wirkt

Anhand von Daten zu 19 verschiedenen Arten gesundheitspolitischer Interventionen in 17 US-Städten prüften die Forscher die Hypothese, dass die frühe Anwendung von mehreren Maßnahmen mit einer reduzierten Krankheitsübertragung zusammenfällt. Das ließ sich nachweisen: Städte, die das öffentliche Leben schon früh herunterregelten, hatten um die Hälfte niedrigere Spitzenwerte bei den Todesfällen im Vergleich mit Städten, die das nicht taten. Auch hatten erstere weniger steile Kurven bei der Zahl der Ansteckungen. Aus dem PNAS-Papier wird aktuell besonders oft der Vergleich der Städte Philadelphia und St. Louis erwähnt. In Philadelphia ging man zunächst lax mit der Krankheit um und veranstaltete sogar noch eine Straßenparade. Am 18. September 1918 startete das Gesundheitsamt eine Kampagne gegen öffentliches Husten, Spucken und Niesen, drei Tage später wurde Influenza zur meldepflichtigen Krankheit erklärt. Am 1. Oktober wurden dem Gesundheitsamt 635 Grippefälle gemeldet, was aus heutiger Sicht stark untertrieben scheint. Die Ärzte waren mit der Versorgung der Erkrankten schon überfordert und meldeten nicht mehr. Am 3. Oktober schloss die Stadt Kirchen, Schulen, Theater, Billardsäle und ähnliches. Dafür war es offenbar zu spät: Nach einem Monat waren in der Stadt fast 11 000 Menschen gestorben.

In St. Louis hatte man Philadelphia als mahnendes Beispiel vor Augen. Am 5. Oktober traten in der Stadt im Bundesstaat Missouri erste Fälle auf - und schon zum 7. Oktober setzte man die Quarantäne um. Die Unterschiede in den Todesfallzahlen waren frappierend. Auf 100 000 Köpfe erreichten sie in Philadelphia in der Spitze 257 pro Woche, in St. Louis nur 31.

Die PNAS-Ergebnisse waren nicht unerwartet, auch angesichts der Tatsache, dass 1918 nur wenige Städte die Maßnahmen länger als sechs Wochen aufrecht erhielten. Zudem konnten die Wissenschaftler erkennen, dass keine der Maßnahmen allein zu einem leichteren Verlauf der Epidemie im Jahr 1918 und danach führte.

Die hier angerissenen Forschungsfelder zeigen, dass Pandemien durchaus einer »Nachbearbeitung« bedürfen. Rigorose Eingriffe in das Leben der Bevölkerung, die Aussetzung von Grundrechten, wollen wohl begründet sein. Regierungshandeln hierzulande mangelt es häufig an Evaluation, also einer wissenschaftlichen Begleitung und Auswertung. Ohne eine derartige Transparenz ist das Vertrauen in die Demokratien nicht zu retten.