Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.

Die Auferstehung meines Nazi-Vaters

Niklas Frank lässt seiner Wut über menschenverachtendes Denken und Sprechen freien Lauf

Wir, die Deutschen, haben uns nach Kriegsende 1945 um das Große Erschrecken gedrückt. Mit allen Zellen unseres Hirns, mit allen Fasern unseres Herzens. Wir belegten unser Gewissen mit einem Erinnerungsverbot und töteten unser Mitgefühl. Wir blieben ein Volk ohne Moral. Dabei waren wir durch die von uns verübten oder feige geduldeten Verbrechen in der Zeit der nationalsozialistischen Diktatur zwischen 1933 und 1945 zu einem auserlesenen Volk geworden: Wir wissen, dass mangelnde Zivilcourage bis in die Gaskammern von Auschwitz führen kann. Vielleicht ist gerade deswegen Zivilcourage bei uns Deutschen verpönt. Weder in Familien durch beispielhaftes Verhalten der Eltern noch in den Schulen wird sie den Kindern und Jugendlichen nahegebracht. Wir haben auf Befehl der Sieger im Westen die beste Demokratie und im Osten die nachhaltigste Diktatur aufgebaut. Wir gehorchten zunächst beiden Systemen, bis das sozialistische unterging, jetzt dem übrig gebliebenen. Nie von Herzen. Deswegen brodelt es im Schatten des Grundgesetzes von 1949. Wir wollen zurück zur Diktatur, denn noch immer fühlen wir uns insgeheim als Herrenrasse der Welt überlegen.

Deutsche Politik musste immer aus brennender und schmerzender Erinnerung an unsere viehischen Verbrechen während Hitlers Herrschaft gestaltet werden. Doch wie triumphierte zum Beispiel der CDU/CSU-Fraktionsvorsitzende Volker Kauder lauthals, nachdem unter deutscher Führung das in die Pleite taumelnde Griechenland mit härtesten Sparmaßnahmen belegt wurde und jetzt in Europa wieder »deutsch gesprochen« werde! Als ich das hörte, kam bei mir wieder dieses Erschrecken: Was hat der Mann aus der Geschichte der zwölf Nazijahre gelernt? Offensichtlich nichts. Wer so einen Satz formuliert, zeigt, dass er nie Mitleid mit unseren unschuldigen Opfern in jener Zeit empfunden hat. Natürlich durfte er auch danach sein Amt behalten: Es störte niemanden aus den beiden christlichen Parteien so sehr, dass er oder sie Kauders Ausschluss verlangte oder selbst empört die Partei verließ. Sie sind alle ohne Mitleid.

»Richter sollten immer auch im Blick haben, dass ihre Entscheidungen dem Rechtsempfinden der Bevölkerung entsprechen«, sagte Herbert Reul, Innenminister von Nordrhein-Westfalen. Nein, nein, nicht am Stammtisch privat, wobei es auch dort eine unmögliche Äußerung gewesen wäre. Nein, er sagte das als Amtsträger. Was hat der Mann an Demokratie im Kopf? Was hat der Mann an persönlich gefühltem Erschrecken im Herzen aufbewahrt, nachdem er von den Urteilen der mitleidslosen Justiz der Nazidiktatur gehört und sicher auch gelesen hatte? So denken sonst nur Follower meines Vaters Hans Frank, Hitlers Generalgouverneur im besetzten Polen, der als Reichsrechtsführer dafür sorgte, dass die unabhängige Weimarer Justiz so umgebaut wurde, dass Adolf Hitler der oberste Richter und Ankläger in einer windigen Person wurde. Von da ab wurden Urteile immer nach seinem Willen »Im Namen des Volkes« gesprochen, obwohl damals die Richter nicht mehr unabhängig urteilten. Ist so Reuls Sehnsucht nach einer Volksjustiz? »Zum ersten Mal in der Geschichte des Rechts«, schmalzte mein Vater auf dem Reichsjustiztag in Leipzig 1934 dem in der ersten Reihe hockenden Führer ins Gesicht, »ist die Liebe zum Führer zu einem Rechtsbegriff geworden.« Diese Liebe kostete Millionen das Leben. Durch Urteile deutscher Gerichte. Und da sagt dieser Innenminister im Jahr 2018 so einen Satz? Auch Reul blieb im Amt. Keiner seiner Parteifreunde, schon gar nicht sein Ministerpräsident, forderte seinen Rücktritt oder warf ihn im Namen der Demokratie aus dem Amt. Er blieb, weil sie alle anscheinend wie er dachten, denken und fühlen. Wie nah ihnen doch die Denkweise Hitlers zu sein scheint, den mein Vater so zitierte: Einmal musste ich in Nürnberg aus seinem Munde hören: »Was wollen Sie? Was heißt Rechtsstaat? Fragen Sie das Volk, ob es mir zustimmt oder euch Juristen! Wollen wir es auf die Probe ankommen lassen? Treten wir da hinaus! Erst reden Sie vom Recht, dann rede ich von meiner Politik. Wer, glauben Sie, dass die Palme heimbringt?« Das grammatikalische Durcheinander des Relativsatzes hat mein Vater verursacht, typisch. Aber vielleicht winkte ja schon eine Ami-Wache vor der offenen Essensluke mit einer kleinen Schlinge. Wer die unserem demokratischen Rechtsstaat um den Hals schlingen will, hat im Amt eines Ministers nichts verloren.

In absurder Weise diente allerdings Reuls Mahnung an die Richter dem Berliner Landgericht als Befehl. Es erklärte per Urteil als von der im Grundgesetz gedeckten Meinungsfreiheit, dass Hetzer im Netz die Grünen-Politikerin Renate Künast unter anderem eine »alte perverse Drecksau« und ein »Stück Scheiße« nennen dürfen. Dieses inzwischen teilweise revidierte Urteil verschlug mir den Atem: Immerhin ist der heiligste Satz im Grundgesetz »Die Würde des Menschen ist unantastbar«! Wie können diese Richter so urteilen? Ich glaub, ich muss noch einmal die Ahnenliste unserer Familie durchforsten, es muss sich ja bei der ganzen Richterbankbesatzung um Verwandte meines Vaters handeln!

Mein erstes Großes Erschrecken passierte im Herbst 1945. Erstmals sah ich in einer Zeitung Fotos von KZ-Leichen, auch Leichen in meinem damaligen Kindesalter. Und immer stand unter diesen Fotos »Polen«. Das gehörte doch uns Franks, hatte ich bis Kriegsende als selbstverständlich angenommen. Auch mein ältester Bruder war beim Anblick dieser Fotos durcheinander, ging zu unserer Mutter und sagte: »Mutti, wenn diese Fotos stimmen, hat Vati keine Chance in Nürnberg.« Denn dort wurde der Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess vorbereitet. Aus diesem ersten sozusagen Grundschrecken entwickelte sich mein Leben. Es wurde das typische eines arg gemischten Charakters. Doch diese Fotos haben sich mir eingebrannt und ließen mich alles neu Erschreckende damit in Zusammenhang bringen: Alle Deutschen kennen diese oder ähnliche Fotos. Mein Bruder Michael auch, doch der machte es sich leichter: »Wer war zuerst in Auschwitz?« »Die Russen haben es bei Kriegsende befreit.« »Na also: Alles Propaganda!« Meine älteste Schwester Sigrid wusste auch genau Bescheid, schon bevor sie nach dem Krieg diese Fotos sah. Im Frühjahr 1945, vor Kriegsende, schrieb sie an unsere Mutter einen Brief aus einem Lazarett, in dem sie schilderte, dass die verwundeten deutschen Soldaten furchtbare Angst vor einer Niederlage hatten, »nach dem, was wir den Juden angetan haben«. Sie schrieb das nicht aufgeregt wie »Stell Dir vor, was die behaupten…«, sondern nur so, dass sowohl sie selbst als auch die Adressatin genau wusste, worum es ging. Dennoch antwortete sie mir Jahrzehnte später in einem Telefongespräch auf meine Frage, was sie denn gerade macht: »Wir rechnen gerade aus, wie lange jeder Jude brennen konnte, um sechs Millionen davon einzuäschern. Nämlich nur 6,8 Sekunden.« (Die Zahl erinnere ich nicht mehr genau, nur dass es Sekunden waren). Logische Erkenntnis meiner Schwester: »Also stimmt alles nicht und ist reine Lüge.« Die meisten Deutschen erkennen zwar die Fotos an, doch sich ihnen öffnen, sich hineindenken in unsere Opfer, will kaum einer.

Ganz wenige der heute noch Lebenden waren direkt verstrickt in die deutschen Verbrechen zwischen 1933 und 1945. Schon bei seinem Eröffnungsplädoyer sagte der US-Chefankläger Jackson, dass nicht das deutsche Volk angeklagt wird, sondern die Verantwortlichen. Ich hätte hinzugefügt: Schuld ist immer etwas Persönliches. Es gibt keine Kollektivschuld. Jeder muss einzeln zur Rechenschaft gezogen werden. Doch uns Unschuldigen sollte eines gemeinsam sein: Wir müssten aus diesen Fotos ein so Großes Erschrecken erlebt haben, dass wir nie wieder Parteien wählen, die zu ähnlichen Taten aufstacheln oder sie selbst vorbereiten, die denen unserer Vorfahren im Dritten Reich ähneln oder gleichen. Das aber ist unterblieben. Weckducken, Verschweigen, Verschwiemeln heißt das Panier seit Kriegsende.

Wer Deutschland liebt, muss sich unseren Verbrechen stellen und sie anerkennen. Das bringt Schmerz. Doch der hindert einen nicht, ein wunderbar erfülltes Leben mit allen Verdiensthöhen und Scheidungstiefen, mit irrwitziger Untreue und herrlich gelungenen Partys, mit geisttötender Maloche und widerwärtigen Krankheiten zu erleben. Unseren Opfern haben wir diese Möglichkeiten genommen. Als meine Frau vor über zwei Jahren vorübergehend schwer an Krebs erkrankt war, im Hospital um ihr Leben kämpfte, saß ich nachts allein vor unserem Haus auf der Gartenbank und weinte rauchend wie der Klischee-Schlosshund. Da entstieg meinem Hirn plötzlich das Wort »Auschwitz«. Wie ein Mantra wiederholte ich es, und es breitete sich Trost aus in mir durch den Vergleich: Wir durften so alt werden und selbst so einen Scheiß-Krebs erleben! Das ist doch nichts gegen das, was wir unseren unschuldigen Opfern angetan haben! Sie hatten keine Chance, ein langes Leben mit allem Auf und Ab zu erleben. Also nimm Dich nicht so wichtig! …

Niklas Frank: Auf in die Diktatur!
Die Auferstehung meines Nazi-Vaters in der deutschen Politik. Ein Wutanfall, J.W.H. Dietz Verlag, 120 S., kt., 12,00 €

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung