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Ich toleriere auch die Soldaten

Die besten Witze schreibt immer noch das Leben - Thomas Freitag lässt das seine Revue passieren

  • Lesedauer: 7 Min.

Otto lag im Straßengraben. Ein klobiger Kerl mit einem sogenannten Moschtmeckel, wie der Schwabe sagen würde. Das bedeutete, er hatte einen bemerkenswert großen Kopf. Die Wangenknochen waren stark hervorgehoben. An seinem faltigen unrasierten Gesicht hatte er sich beim Aufprall in dem Graben Schürfwunden zugezogen. Er blutete unter der fleischigen Nase und sabberte leicht aus dem offenen Mund. Der rechte Ärmel seiner Jacke war verdreckt und sein Hosenschlitz offen. Darunter war es nass. Wahrscheinlich musste er dringend pinkeln und ist dabei in den Graben gestürzt. Mein Gott, dachte ich, wie bekomme ich diesen Brocken da bloß wieder raus? Der ist doch sauschwer. Ich schüttelte leicht an seiner Schulter.

»Hey«, sagte ich, »ich muss Sie ins Heim zurückbringen.« Er grunzte nur etwas Unverständliches und machte mit der Hand eine abweisende Geste. Seine Alkoholfahne war beträchtlich.

Ich rüttelte erneut an ihm. »Sie müssen aufstehen«, sagte ich, jetzt etwas bestimmter. »Sie können hier doch nicht übernachten.«

Meine Worte schienen ihn in keiner Weise zu beeindrucken. Ich versuchte, ihm vorsichtig von hinten unter die Schulter zu greifen, um ihn eventuell hochstemmen zu können. Er schlug nach mir und gab irgendwelche Laute von sich, die mir bedeuteten, dass ich die Finger von ihm lassen sollte.

»Scheiße«, dachte ich, »wie krieg ich den Kerl jetzt ins Auto?«

Ich war Anfang zwanzig und hatte nicht nur Skrupel, sondern auch keinerlei Erfahrung, mit einem mir fremden Mann körperlich umzugehen, der mein Großvater hätte sein können. Es war mein erster Tag im Altersheim. Ich hatte meinen Wehrdienst verweigert und mich bei diesem Heim schon im Vorfeld beworben, um die Ernsthaftigkeit meiner Verweigerung zu unterstreichen. Ich wollte kein Drückeberger sein, aber Dienst an der Waffe? Nein!

Als ich meine Verhandlung beim Kreiswehrersatzamt in Ludwigsburg hatte, stand es schlecht um meine Chancen, anerkannt zu werden. Es waren zu viele geworden, die damals Ende der 60er Jahre verweigerten, und man hatte die Daumenschrauben angezogen. Vier Stunden musste ich vor dem Gremium Rede und Antwort stehen. Ich hatte mir sogar einen Sekundanten mitgenommen, Ansgar Liebhardt, den Vikar unserer Gemeinde, einen ziemlich progressiven Mann. Seine bloße Anwesenheit sollte meine Überzeugungskraft stärken, denn für mich ging es damals um viel. Musste man nicht nach dieser unfassbaren Katastrophe, in die uns das Hitlerregime gestürzt hatte, ein Zeichen setzen? Und war ich nicht auch gläubiger Katholik? Du sollst nicht töten! So war es nur konsequent für mich, den Dienst an der Waffe zu verweigern.

Die Verhandlung lief zunächst ganz günstig für mich, denn reden konnte ich ja. Ich fand meine Argumente auch gut, aber konnte ich den Prüfungsausschuss, der mir da auf einem Podium gegenübersaß, auch überzeugen?

Die Herren waren alle so zwischen 50 und 60 Jahre alt. In dieser Situation verkörperten sie für mich damals die Staatsgewalt. Einer der Herren, er saß links außen auf dem Podium, las während der Verhandlung stoisch eine Zeitung. Jedenfalls verbarg er sich dahinter. Etwa nach einer Stunde der Kontroverse ließ er seine Zeitung sinken und fragte mich, ob ich die Bundeswehr akzeptieren würde. Diese Frage schien mir gefährlich, denn sie konnte mich bei einer Bejahung in die Enge führen. Eine Verneinung konnte das Tribunal wiederum gegen mich aufbringen.

Meine inneren Alarmglocken signalisierten mir deshalb, die Frage zu ignorieren, und der Fragesteller versteckte sich zu meiner Verblüffung erneut hinter seiner Zeitung. Nach einer weiteren Stunde der Anhörung, der ich mit aller Kraft den Charakter eines lauteren Gedankenaustauschs mit der Obrigkeit geben wollte, ließ besagter Herr abermals die Zeitung sinken und stellte die gleiche Frage: »Akzeptieren Sie die Bundeswehr?« Renitent ignorierte ich seinen Einwurf und fuhr gegenüber den drei anderen Fragestellern mit meinen Argumenten fort, die den Linksaußen offensichtlich nicht zu interessieren schienen, weshalb er sich wieder hinter seiner Zeitung verschanzte.

Irgendwann, meine Verhandlung dauerte jetzt schon etwa dreieinhalb Stunden, platzte dem Zeitungsleser im Vierergremium des Kreiswehrersatzamts ganz offensichtlich der Kragen. Er ließ sein Blatt entnervt fallen und schrie mich an: »Ich frage Sie jetzt schon zum dritten Mal, ob Sie die Bundeswehr akzeptieren, und Sie denken überhaupt nicht daran, mir zu antworten. Eine Frechheit!« Sein talgiges Gesicht hatte sich rot gefärbt und war schon dabei, in ein Violett überzugehen. »Akzeptieren Sie die Bundeswehr?«

Das war jetzt die Steilvorlage. Hatte ich bis dahin versucht, mit viel Charme, betont sachlich meinen Argumenten Raum zu geben, musste ich nun den Hebel umlegen. Ich sah ihn ob seines Gekeifes irritiert an, machte eine Pause und sagte ganz ruhig, aber leicht empört: »Ja, wenn Sie mich so fragen, natürlich akzeptiere ich die Bundeswehr. Ich toleriere auch den Soldaten. Aber …« Und dann fing ich an, all das zu wiederholen, was ich schon in den verflossenen drei Stunden von mir gegeben hatte, und quatschte das vor mir sitzende Überprüfungskomitee letztendlich tot.

Ich weiß nicht, ob mein damaliges Verhalten etwas mit Taktik zu tun hatte oder rein instinktiv war. Jedenfalls hatte ich gewonnen. Wurde anerkannter Kriegsdienstverweigerer, was in diesen Zeiten nicht einfach war und mir den Respekt derer einbrachte, die vor solchen Kommissionen gescheitert waren.

Als Otto im Straßengraben einzuschlafen drohte, was ich seinen Schnarchgeräuschen entnahm, überwand ich mich schließlich und packte ihn kurzerhand, trotz lautem Gezeter, unter die Arme und hievte den schwergewichtigen stinkenden Mann auf die Beine. Stützte ihn, damit er nicht gleich wieder umfiel, schob ihn langsam aus dem Graben und verfrachtete ihn schlussendlich zu den beiden anderen Suffköppen, die ich zuvor schon mit dem VW-Bus des Altersheims eingesammelt hatte. Das alles dauerte mindestens eine halbe Stunde. Um von den Ausdünstungen der alten Männer halbwegs nüchtern zu bleiben, öffnete ich vorsorglich die Fenster des Busses, setzte mich völlig erschöpft ans Steuer und fuhr die Straße hinauf zum Heim.

Dieses lag auf einer Anhöhe und sah von Weitem fast wie ein altes Schloss aus. Erst von Nahem konnte man erkennen, dass das wuchtige Gebäude mehr einer alten Schule oder einer Behörde glich, wie man sie Anfang des 19. Jahrhunderts gebaut hatte. Und obwohl das Haus von einer Stiftung der Baden-Württembergischen Königin Olga errichtet wurde, die sich 1864 mit ihren »Häusern der Barmherzigkeit« für alte, behinderte und pflegebedürftige Menschen hervortat, hatte das Anwesen für mich doch eher etwas von einer Anstalt, in der Zucht und Ordnung ihr Zuhause haben und Pietismus das Regiment führt.

So hatte ich es auch an jenem Sonntagvormittag empfunden, als ich dort eintraf, um mich beim Heimleiter, dem Hausvater, wie man ihn nannte, vorzustellen. Ein freundlicher Herr um die sechzig, der zugleich auch Pastor dieser diakonischen Einrichtung war.

Er führte mich durch sein Reich, in dem ich nun meinen Zivildienst beginnen sollte. Das Heim beherbergte alte und kranke Menschen, getrennt nach Männern und Frauen. In Zwei-, Drei- und Vierbettzimmern. Manche der Insassen waren für ein Altersheim eigentlich noch viel zu jung, aber sie waren pflegebedürftig, hatten keine Angehörigen mehr, oder diese waren mit ihnen überfordert - wie auch die Krankenhäuser, die sie dann eben in so eine Einrichtung der »Barmherzigkeit« abschoben.

Alles hier hatte etwas Karges, Armseliges. Das Heim, seine Bewohner, die Zimmer, besonders die auf den Pflegestationen, lediglich ausgestattet mit einem Bett und einem Nachtschränkchen mit den letzten Habseligkeiten der Kranken. Es roch nach einer Mischung aus Bohnerwachs, Putzmitteln, Medikamenten und Urin. Ein süßlicher Geruch, an den ich mich alsbald gewöhnen sollte. […]

Da ich zu diesem Zeitpunkt schon eine Lehre zum Bankkaufmann absolviert hatte, gedachte der Hausvater mich auch für Büroarbeiten einzusetzen. Ich sollte also künftig, nach der Arbeit auf der Pflegestation, in seinem Büro arbeiten und, weil ich bereits einen Führerschein besaß, auch noch als Fahrer fungieren. Heimbewohner zum Arzt bringen, Erledigungen bei der Bank und bei den Behörden tätigen, Medikamente aus Apotheken abholen und so weiter. Eben alles, was so anfiel.

»Wenn Sie Ihr Zimmer bezogen haben«, sagte er zu mir, »dann können Sie sich ja schon mal nützlich machen. Nehmen Sie den Bus und sammeln Sie die Männer ein, die heute ins Dorf gegangen sind. Manche schaffen es dann nicht mehr den Berg hoch, weil sie zu viel getrunken haben. Am Samstag bekommen die nämlich ihr Taschengeld, und die Schlawiner haben nichts Besseres zu tun, als es gleich in Alkohol umzusetzen.« Dabei hatte er ein süffisantes Lächeln aufgesetzt, das mir verriet, dass er seine Pappenheimer kannte …

Thomas Freitag:
Hinter uns die Zukunft. Mehr als eine Autobiografie
Westend, 304 S., geb., 24,00 €

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