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Halbtrocken, süffig. Und Salzgurken

Wolfram Adolphi zeichnet Lebenswege nach 1945 nach

  • Lesedauer: 8 Min.

Auch in den Zeiten, da Sankt Petersburg Leningrad hieß, leuchteten die Türme. Machten die Weißen Nächte, dass das Strahlen der Kuppeln von Admiralität und Peter und Paul, wie sie golden in den Himmel ragten, sich steigerte in ein verschwenderisches, süchtig machendes Gleißen. Von dem auch Hermann Hartenstein den Blick nicht wenden konnte.

Obwohl er mit Wiktor Melichow in Streit geraten war. Oder vielmehr: weil er mit ihm in Streit geraten war. Da war es gut, den Blick auf ein Ziel in der Ferne richten zu können.

Und nicht in den Augen des anderen gefangen zu sein. Bei diesem Streit. Der ein Streit zur Unzeit war. Hartenstein, einundsechzig Jahre alt, Professor für chemische Verfahrenstechnik an der Technischen Hochschule im Chemiezentrum der DDR, grämte sich. Feiern wollten sie, der Leningrader Professorenkollege und er. In dieser Juninacht des Jahres neunzehnhundertdreiundsechzig. In diesem Gleißen, das die Newa gleißnerisch spiegelte. Schampanskoje hatte Melichow mitgebracht in seiner abgegriffenen Aktentasche. Sowjetskoje Schampanskoje. Halbtrocken, süffig. Und ein Glas mit Salzgurken dazu. Und eines mit Pilzen. Und ein Päckchen deftigen Specks. Und Knoblauch. Und schwarzes Brot. Und eine Flasche Wodka. Und eine Tüte mit wobla, dem Dörrfisch, dem unnachahmlichen. Und ein blitzweißes Tuch, um alles darauf ausbreiten zu können für das Gelage, das sie sich gönnen wollten auf der Ufermauer des breit und weit zwischen den Palästen und Kirchen zur Ostsee - dem Baltischen Meer - hinströmenden Flusses. Über dem sich im Nordwesten am gelb und orange und purpurfarben flammenden Horizont das Schauspiel des Sonnenuntergangs vollzog. Des mittsommerlichen, der nicht in Dunkelheit mündete, sondern schon die schimmernde Verheißung des Wiederaufgangs in sich trug.

Oh, dieser Norden, dachte Hartenstein. Diese ans Baltikum erinnernde, die Bilder der in Riga und Mitau, Libau und Hasenpoth verbrachten Kindheit und Jugend wieder lebendig werden lassende Weite. Diese betörende Helle. Diese Grenzenlosigkeit. Und nun dieser Streit. Bei dem es - Hartenstein fluchte still vor sich hin - um die Maßeinheiten ging. Die Maßeinheiten! Hartenstein hatte gedacht, die Frage sei längst vom Tisch. Denn wie oft schon hatten sie darüber gesprochen. Eigentlich von Anfang an. Schon damals, vor fünf Jahren, als er, Hartenstein, das Melichow-Buch, das hoch geschätzt war mit seinen Übungsaufgaben zur chemischen Verfahrenstechnik, für die DDR-Hochschulen entdeckt hatte. Sofort hatte er damals eine Übersetzung aus dem Russischen angeregt und ebenso entschlossen sich selbst an deren Herausgabe gemacht. Als alles fertig war, war Melichow in die DDR gekommen. Sie hatten das Werk gemeinsam vorgestellt, in schönem Übereinklang den Erfolg gefeiert und schon im selben Moment gewusst, dass es dabei nicht bleiben konnte. Bei künftigen Auflagen würden alle Maßeinheiten, wie sie in den Übungsaufgaben vorkamen, auf das MKS-System umgestellt werden müssen. Das System, bei dem sich alles auf die drei Grundeinheiten - Meter, Kilogramm und Sekunde - bezog.

Ein hartes Stück Arbeit. Zeitraubend und nervtötend. Aber - Hartenstein war sich ganz sicher - unabdingbar. Was Melichow anders sah. Weshalb die zweite Auflage, deren Erscheinen sie jetzt, am Newa-Ufer, begießen wollten, den Fehler der ersten weiterschleppte. Hartenstein konnte seinen Groll nur mühsam unterdrücken. »Wir wollten umstellen, lieber Wiktor Konstantinowitsch, darin waren wir uns doch einig, oder nicht?« Hartenstein schaute Melichow noch immer nicht an, sondern hielt den Blick weiter auf die Kuppeln und den Sonnenuntergang gerichtet. Es fiel ihm schwer, diplomatisch zu bleiben. »Aber ja, gewiss«, sagte Melichow, und fuhr fort, die mitgebrachten Köstlichkeiten auf dem Tuch, das er über den Mauersims gebreitet hatte, zu arrangieren. »Aber Sie haben es nicht gemacht!« Hartenstein blickte weiter stur in die Ferne. »Wir wollten das Kilopond raus haben aus den Aufgaben. Aber sie lassen es immer noch gelten. Als Maßeinheit für die Kraft im technischen System. Wo es nichts mehr zu suchen hat. Wir waren uns doch einig. Anstelle des Kilopond muss das Newton her. Das Kilogramm als Maßeinheit für die Masse und das Newton als Maßeinheit für die Kraft. Das war doch ausgemacht!« »Aber ja, gewiss.« Melichow, den Speck mit einem scharfen Taschenmesser in mundgerechte Scheiben schneidend, machte nicht den Eindruck, als sei er aus der Ruhe zu bringen. »Wir müssen konsequent sein mit dem Newton. Es geht nicht anders.« Hartenstein nahm einen neuen Anlauf. »Hat man Ihnen schon gesagt, dass die erste Auflage des Buches nicht nur in der DDR, sondern auch in Westdeutschland und in der Schweiz und in Österreich verkauft worden ist? Das ist großartig! Das kommt nicht alle Tage vor! Und das ist ein Erfolg vor allem für Sie, lieber Wiktor Konstantinowitsch, vor allem für Sie!« Jetzt endlich hörte er auf, in die Ferne zu schauen, und wandte sich Melichow zu. »Aber gerade deshalb, wegen dieses Erfolges auch im Westen, hätten wir das jetzt durchziehen müssen mit der Umstellung.«

Melichow ging ungerührt dazu über, sich nach dem Speck nun dem Dörrfisch zu widmen und ein paar gut mundende Rückenstücke von der Mittelgräte zu trennen.

»Beim nächsten Mal werden wir das machen, ganz gewiss.« Er lächelte unter seiner weißen Schirmmütze hervor. »Wsjo budjet.« »Wsjo budjet, wsjo budjet«, echote Hartenstein. »Aber wann, Wiktor Konstantinowitsch? Wann?« Er schaute - nun mit dem Ausdruck wachsender Verzweiflung - wieder in Richtung Nordwesten. »Nun ja«, sagte Melichow und füllte den Schampanskoje in zwei geschliffene schmale Bechergläser, »jedenfalls nicht, bevor wir hier ordentlich gefeiert haben.« Er stieß Hartenstein kumpelhaft in die Seite. »Kommen Sie, seien Sie nicht beleidigt! So einen Sonnenuntergang kriegen Sie nie wieder in Ihrem Leben!«

»Also gut«, sagte Hartenstein und griff sich eines der beiden Gläser, »auf unser Buch!«

»Auf unser Buch«, sagte auch Melichow, »und darauf, dass wir gesund bleiben, um die Maßeinheit Newton endlich zu ihrem Recht kommen zu lassen!«

Sie leerten die Sektgläser, Melichow verstaute sie in der Tasche und stellte statt ihrer nun zwei Gläser für den Wodka auf den Sims. Er füllte sie, ohne erst eine Pause entstehen zu lassen, und legte neben jedes ein Stück Brot, ein Stück Speck und eine von den Gurken.

»Und nun auf unsere Freundschaft!« Hartenstein wusste, dass er jetzt mithalten musste, stieß mit Melichow an, stürzte wie dieser den Schnaps in einem Zug hinunter und schob gleich darauf die Zuspeise in den Mund. Melichow schaute ihm anerkennend zu, füllte die Gläser ein zweites Mal, und zum Brot gab es jetzt ein Stück vom Dörrfisch und einen sauer eingelegten Pilz. »Und auf die Wissenschaft!« »Gut, auf die Wissenschaft!« Hartenstein ließ sich nicht lumpen. »Na, sehen Sie«, sagte Melichow, »jetzt ist dem Wodka genüge getan und unserer Freundschaft auch und der Wissenschaft sowieso, und wir haben den wunderbaren Sonnenuntergang, und nun können Sie, wenn Sie unbedingt wollen, noch ein bisschen weiter streiten.«

»Das will ich nicht«, sagte Hartenstein, »ich will einfach nur Klarheit.«

»Die will ich auch«, sagte Melichow, »aber sie jetzt schon herbeizuführen - das wäre zu radikal gewesen.«

Er forderte Hartenstein auf, beim Speck und bei den Gurken und Pilzen noch einmal zuzugreifen, und fuhr fort: »Und das sage ich nicht, weil wir zu faul wären, die Umrechnung vorzunehmen, sondern weil diejenigen, die unsere Bücher benutzen, langsam an die Änderungen herangeführt werden müssen. Verstehen Sie? Langsam!«

»Ach was«, sagte Hartenstein unwillig. »Für die Studenten ist es doch einerlei. Sie sind jung, und sie können von Anfang an mit Newton anstelle von Kilopond umgehen.«

»Mit den Studenten mögen Sie Recht haben. Aber Sie vergessen die Praktiker! Vergessen die Leute in den Betrieben. Die ihre Fabriken modernisieren wollen, neue Verfahren entwickeln, vorhandene Anlagen zu verbessern versuchen. Denen gehen die geläufigen Zahlenwerte verloren. Die müssen nicht nur ihr Rechnen, sondern ihr ganzes Denken umstellen, und das geht nicht von heute auf morgen. Im Hörsaal, ja, da lässt sich das schön erklären: Ein Körper der Masse von 1 Kilogramm erfährt auf Meereshöhe eine Gewichtskraft von 9,81 Newton. Na wunderbar. Aber die Ingenieure im Betrieb - die müssen sich das hart erarbeiten. Also brauchen wir eine Übergangszeit, einen Kompromiss.«

»Kompromiss, Kompromiss.« Hartenstein schüttelte den Kopf. »Das neue Einheitensystem ist schon neunzehnhundertvierundfünfzig international beschlossen worden. Bei uns in der DDR gibt es einen Ministerratsbeschluss von neunzehnhundertachtundfünfzig, und der verpflichtet uns, die Dinge in die neue Form zu bringen.«

»Ja, ja«, sagte Melichow, »die deutschen Musterschüler. Immer rasch bei der Hand, immer konsequent, immer prinzipienfest. Es gibt einen Beschluss, also: schnell, schnell!« Nun war er es, der den Blick abwandte und über den Fluss auf die gleißenden Türme schaute, und nachdem er bis dahin ruhig und beherrscht gesprochen hatte, wurde sein Ton plötzlich schneidig und hart. »Oder sollte ich sogar sagen: zack, zack?«

Wolfram Adolphi:
Hartenstein Bände 1-3.
Nora Verlagsgemeinschaft

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