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Lamine Sarr kämpft er in der »Gewerkschaft der Straßenhändler« für mehr Rechte für seine Branche und hat gemeinsam mit Kollegen eine eigene Marke gegründet: »Top Manta« – »Decken-Hitparade«. Im Interview erzählt er von den Schwierigkeiten, als Geflüchteter Geld zu verdienen, eine Arbeitserlaubnis zu bekommen und in der spanischen Gesellschaft anerkannt zu werden. Denn Schwarze würden vor allem akzeptiert, wenn es ihnen schlecht gehe. Das Interview wurde vor Beginn der Ausgangssperre in Spanien geführt.
Geflüchtete

»Als Weiße wären wir schon längst Millionäre«

Erst verkaufte Lamine Sarr auf den Straßen Barcelonas gefälschte Ware. Dann gründete der ehemals Geflüchtete eine kleine Genossenschaft mit eigenem Modelabel

Von Julia Macher

Ein Ladenlokal in Barcelonas Altstadtviertel Raval. Am Eingang surrt eine Nähmaschine, im Hinterzimmer zischen die Platten einer Siebdruckmaschine. Auf den Regalen stapeln sich bis zur Decke T-Shirts und Sweatshirts, auf allen prangt ein stilisiertes Boot und der Schriftzug »Top Manta«. Der Markenname ist Programm: Als »Decken-Hitparade« wird in Spanien umgangssprachlich der Straßenhandel mit imitierten Markenprodukten bezeichnet. Auch Lamine Sarr hat sich so jahrelang durchgeschlagen, immer auf der Flucht vor der Polizei. 2018 gründete er mit anderen senegalesischen Straßenhändlern eine Kooperative und verkauft unter dem Namen »Top Manta« ökologisch und ethisch fair produzierte Bekleidung.

Was Ihr Kollege an der Siebdruckmaschine macht, sieht aufwendig aus.
Das ist es auch! Wir sitzen gerade an einer Lieferung für eine senegalesische NGO. Das Motiv, das wir aufdrucken, der »Bus der Hoffnung«, hat sechs Farben. Jede muss einzeln aufgebracht werden und dann trocknen. Pro T-Shirt brauchen wir gut fünf Minuten. Davor müssen die Schablonen erstellt werden, für jedes Motiv mehrere neue. Aber es ist eine sehr schöne, befriedigende Arbeit. Man sieht das Ergebnis sofort und kann sich darüber freuen. Wenn ich an der Maschine sitze, kann ich manchmal gar nicht damit aufhören und vergesse alles um mich herum.

Sie haben 2017 die Kooperative mitgegründet. Wie laufen die Geschäfte?
Ganz gut, würde ich sagen. Zumindest, wenn ich das mit unseren Anfängen vergleiche. Zu Beginn hatten wir gerade mal zehn T-Shirts. Jetzt liegen ein paar hundert in den Schränken. Die Leute mögen unsere Marke und kommen gerne hierher, obwohl das Lokal in dieser dunklen Seitengasse wirklich nicht verkehrsgünstig liegt. Wir bauen gerade unseren Online-Shop aus - Schritt für Schritt werden wir dann hoffentlich weiterwachsen.

Das hört sich gut an.
Ja. (lacht) Denn wir haben tatsächlich bei Null angefangen. Die ersten T-Shirts haben wir finanziert, indem wir auf Straßenfesten Essen verkauft haben. Damals hatten wir Unterschlupf bei einer alternativen Buchhandlung gefunden und arbeiteten mit einer uralten, hölzernen Druckpresse, die uns jemand geschenkt hatte. Mit Hilfe einer digitalen Zeitschrift haben wir dann eine ziemlich erfolgreiche Crowdfunding-Kampagne gestartet und uns Schritt für Schritt eine professionelle Ausrüstung zugelegt, inklusive Leuchttisch, um vernünftig Siebdruckschablonen entwerfen zu können.

Können Sie denn inzwischen alle von der Arbeit leben?
So einigermaßen. Zur Zeit sind wir eine lose Gruppe von acht bis 15 Personen. Feste Monatsgehälter oder Verträge gibt es bei uns nicht, die meisten bezahlen wir als freie Mitarbeiter, stundenweise oder nach produzierter Stückzahl. Manche arbeiten daher weiter als Straßenhändler. Ich nicht, ich habe mit dem Projekt genug zu tun: Bis wir alle bürokratischen Hürden zur Kooperativengründung genommen haben, wird es noch dauern. Viele von uns haben keine Papiere. Auch das hat es so extrem schwierig gemacht.

Ohne Papiere keinen Job. Und ohne Arbeitsvertrag keine Aufenthaltsgenehmigung: So will es das spanische Ausländergesetz.
Genau. Das ist ein Teufelskreis, in dem alle von uns stecken oder gesteckt haben. Den wollen wir mit Top Manta durchbrechen - indem wir uns eine eigene wirtschaftliche Existenz verschaffen. Aber das ist nicht unser einziger Kampf.

Worum geht es noch?
Unsere Marke ist eine Initiative der »Gewerkschaft der Straßenhändler«, die wir 2015 gegründet haben. Damals kam ein Kollege im Ferienort Salou ums Leben.

Ich erinnere mich. Der Fall sorgte damals für Aufsehen: Der Senegalese Mor Sylla stürzte angeblich auf der Flucht vor der Polizei aus dem Fenster.
Mit auf dem Rücken gefesselten Händen! Das ist so gut wie unmöglich. Wir haben die Version der Polizei nicht geglaubt. Außerdem war das Unglück von Mor Sylla kein Einzelfall. Jedes Jahr im Sommer, wenn die Touristensaison beginnt, verstärkt die Polizei die Verfolgungsjagden auf uns Straßenhändler. Und jedes Jahr brechen Kollegen sich dabei Arme, Beine und manchmal auch das Genick. Und warum? Weil Polizei, Medien und Politiker sagen, wir seien »illegal« und würden Gesetze brechen.

Der Verkauf von Markenimitaten gilt in Spanien als Straftat, Straßenhandel ohne Genehmigung als Ordnungswidrigkeit.
Was sollen wir denn anderes tun, als auf der Straße etwas zu verkaufen? Man hat uns alle unsere Rechte genommen. Wir sind nicht kriminell, wir werden kriminalisiert! Um das zu erklären, haben wir die Gewerkschaft gegründet.

Die meisten Straßenhändler stammen wie Sie aus dem Senegal. Was hat Sie bewogen, nach Spanien zu kommen?
Ich hatte da einfach keine Zukunft. Keiner hat im Senegal eine Zukunft. Ich bin zur Schule gegangen, habe Geografie und Naturwissenschaften studiert, aber gewusst, dass ich davon niemals leben oder eine Familie ernähren kann. Also habe ich mich 2006 mit einem Flüchtlingsboot auf die Kanarischen Inseln aufgemacht. Das Rote Kreuz hat uns dann nach Málaga gebracht, von dort habe ich mich weiter nach Barcelona durchgeschlagen. 25 Jahre war ich damals alt. Ich hatte geglaubt, dass mit der Ankunft meine Probleme enden. Dabei fingen sie dann erst an: Mir war nicht klar, dass ich hier für alles offizielle Genehmigungen brauche und darauf, als »Illegaler« keine Ansprüche haben würde.

Wie haben Sie mit dem »Deckenhandel« angefangen?
Ich habe gesehen, dass andere Senegalesen das machen. Entweder von der Decke an Touristen verkaufen oder mit Drogen dealen und stehlen. Da man mich dazu erzogen hat, rechtschaffen zu sein, blieb nur ersteres. Zwölf Jahre habe ich das. Inzwischen habe ich eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung und wir haben mit der »Gewerkschaft der Straßenhändler« und »Top Manta« etwas wirklich Einzigartiges geschaffen.

Inwiefern?
Menschen, denen man alle Rechte genommen hat, die von der Polizei verfolgt und als »Illegale« bezeichnet werden, schließen sich zusammen, kämpfen gemeinsam gegen die Ungerechtigkeit, gründen eine Kooperative, erfinden eine eigene Modemarke und eröffnen einen Laden! Auf der ganzen Welt gibt es bisher kein vergleichbares Projekt! Wenn wir Weiße wären, hätten wir schon längst Preise bekommen, wären Millionäre mit einem riesigen Lokal und hätten weltweit Schule gemacht!

In spanischen und internationalen Medien hat Ihr Projekt großes Echo gefunden - und Ihr Lokal ist auch für viele Straßenhändler in Barcelona feste Anlaufstelle. Wie versuchen Sie denen zu helfen?
Oft klingeln hier Kollegen, teils ausgebildete Schneider, und fragen, ob sie hier arbeiten können. Leider müssen wir absagen: Unser Geschäftsvolumen ist noch nicht so groß, als dass wir sie einstellen könnten. Aber sie können Schulungen machen. Einen Teil unserer Sweatshirts nähen wir seit November selbst. Wenn wir einen Stofflieferanten gefunden haben, der ethisch und ökologisch korrekt gute Qualität fertigt, fangen wir mit der eigenen T-Shirt-Produktion an.

Spanien hat wegen der Coronakrise eine Ausgangssperre verhängt. Das muss für Ihre Kollegen existenzbedrohend sein.
Das ist es! Ihnen bricht jetzt alles weg, Ansprüche auf Arbeitslosengeld oder andere staatliche Unterstützung hat keiner. Und viele Suppenküchen haben zu. Wir haben eine Lebensmittelbank organisiert, sammeln Reis, Bohnen, Öl und Spenden und bringen es den Leuten, damit sie einigermaßen durch die nächste Zeit kommen.

Vom »illegalen Straßenhändler« zur Gründung einer Kooperative: Haben Sie den Eindruck, dass Ihre weißen Mitbürger*innen Ihnen jetzt anders begegnen?
Ich glaube, manchen haben wir mit unserem Projekt tatsächlich die Augen geöffnet: Sie haben gesehen, dass wir genauso viel können wie jeder andere auch. Aber nicht jeder behandelt uns respektvoller. Diese Gesellschaft ist rassistisch, und viele können es einfach nicht ertragen, dass Menschen mit meiner Hautfarbe aufsteigen. Sie sind neidisch und wollen uns leiden sehen. Uns Schwarze akzeptieren sie nur, wenn es uns schlecht geht. Es wäre schön, wenn Projekte wie unseres das ändern könnten - aber dazu muss es auf der anderen Seite auch die Bereitschaft dazu geben.