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Corona und Ökonomie

Plötzlich zählt die Arbeit

Das Gehalt ist normalerweise entscheidend für die gesellschaftliche Anerkennung eines Berufs. Derzeit ist das anders

Von Stephan Kaufmann und Eva Roth

In Reden von Politikern und Managern ist viel über die Ursachen wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit zu hören. Da werden Globalisierung und der freie Markt aufgeführt, niedrige Steuern und Löhne, wagemutige Unternehmer, Innovationsfreude und Risikokapital. Die aktuelle Coronakrise - die genauer betrachtet eine Infrastrukturkrise ist - führt der Welt jedoch vor Augen, was tatsächlich die Quelle des globalen Reichtums ist: die Arbeit.

Die Ausbreitung des Virus in China führte schon vor Wochen zu Produktionsstopps in Fabriken. Menschen gingen nicht zur Arbeit, was die globalen Lieferketten unterbrach und an den Wertpapiermärkten zu Kursstürzen führte. Nun hat das Virus Europa erfasst, und die daraus folgende Wirtschaftskrise wird laut Experten wohl schlimmer als die von 2009. Der Grund ist schlicht: Es wird weniger gearbeitet als damals. Denn die Menschen sind krank oder müssen geschützt werden.

Die Krisenbekämpfungsmaßnahmen führen zur Frage, welche Arbeiten unbedingt erledigt werden müssen, welche Arbeitnehmer also Pause machen und welche nicht ausfallen dürfen. Als derart »systemrelevant« eingestuft werden derzeit Beschäftigte in Krankenhäusern, an Supermarktkassen, in Lagern oder im Transportgewerbe. Sie erhalten nun viel öffentliche Anerkennung. Sogar die sonst Arbeitnehmerinteressen kritisch gegenüberstehende Denkfabrik INSM twittert: »Unser besonderer Dank gilt all jenen, die rund um die Uhr für unser Gemeinwohl im Einsatz sind!« Zu den Gemeinten gehören auch jene, die weniger sichtbar sind - die auf den Feldern arbeiten, die die Lebensmittel verpacken, die dafür sorgen, dass aus den Leitungen Strom und Wasser kommt.

Maßgeblich für gesellschaftliche Anerkennung ist derzeit also nicht, wie sonst üblich, wie viel jemand verdient. Sondern was er oder sie eigentlich tut. Nicht das Geld zählt, sondern die konkrete Arbeit. Gleichzeitig fällt der Öffentlichkeit etwas auf, was immer schon Fakt ist: »Systemrelevante« Tätigkeiten werden mäßig bis schlecht bezahlt. Zurecht wird daher ihre Neubewertung gefordert. Doch Bewertung heißt Vergleich. Und konkrete Tätigkeiten kann man nicht vergleichen. Wie will man bestimmen, wer nützlicher ist, ein Krankenpfleger oder eine Installateurin? Wer hat mehr verdient, ein Müllwerker oder eine Erntehelferin? Solange man konkrete Tätigkeiten in quantitative Lohnhöhen übersetzen will, kommt man aus diesem Widerspruch nicht heraus.

In der kapitalistischen Realität finden derartige Vergleiche auch nie statt. So wenig wie der Marktpreis einer Ware ihre Nützlichkeit widerspiegelt, so wenig bezahlt der Lohn die konkrete Arbeitsleistung, auch wenn das immer wieder angenommen wird. Selbstverständlich sollte in der Pflege, an der Kasse und vielen anderen Orten mehr verdient werden. Doch ist der Arbeitsmarkt im herrschenden Wirtschaftssystem keine Institution zur Bewertung der Sinnhaftigkeit oder Notwendigkeit von Tätigkeiten. Sondern er ist ein Machtkampf zwischen jenen, die ihre Arbeitskraft verkaufen müssen und jenen, die sie kaufen, meistens zu dem Zweck, mit relativ niedrigen Lohnkosten einen Gewinn zu machen.

Gerecht sind die Ergebnisse dieses Machtkampfes nicht. Aber Realität. Die allerdings nicht so bleiben muss. »Never waste a good crisis«, hieß es in der großen Finanzkrise: Krisen sind immer eine Gelegenheit zu prüfen, was wichtig ist.

Hier sind einige Beispiele für Tätigkeiten, die unverzichtbar sind.

Das Heranschaffen der Waren: Damit man sich die Hände waschen und Spaghetti kochen kann, müssen Seifen und Nudeln von der Fabrik in den Laden geschafft, ausgepackt und in die Regale einsortiert werden. Vor vielen Jahren haben Einzelhandelsunternehmen damit begonnen, andere Firmen mit dem Einräumen von Waren in die Regale zu beauftragen, um die Kosten zu verringern. Die externen Beschäftigten bekamen oft extrem wenig Geld, häufig waren es nur um die sechs Euro pro Stunde. Das hat kaum jemanden interessiert - schließlich waren die Supermarktregale immer voll. Inzwischen ist sichtbar, dass sie sich nicht automatisch füllen. Viele Regaleinräumer verdienen dabei immer noch sehr wenig, immerhin haben sie inzwischen Anspruch auf den Mindestlohn. Einige Supermärkte haben diese Arbeit nicht ausgelagert, und manche Beschäftigte werden nach Tarif bezahlt, in Berlin und Brandenburg haben sie dann Anspruch auf mindestens 10,88 Euro brutto pro Stunde. Bei einer Vollzeitstelle wären das 1796 Euro pro Monat. Die meisten Einzelhandelsbeschäftigen haben aber nur einen Minijob oder eine Teilzeitstelle.

Alle zusammen stellen sicher, dass die Waren Kunden erreichen - eine unverzichtbare Aufgabe. Man stelle sich vor, Supermarkt-Belegschaften würden jetzt streiken und mehr Lohn verlangen.

Das Tarifgehalt für Verkäuferinnen und Verkäufer mit Vollzeitjob beträgt je nach Region im ersten Berufsjahr 1900 bis knapp 2200 Euro, so die Gewerkschaft Verdi. In der sogenannten Endstufe sind es bis zu 2700 Euro. In tariflosen Firmen seien die Verdienste oft um die 300 Euro niedriger, schätzt Verdi.

Bis zum Jahr 2000 hatten ausnahmslos alle Einzelhandelsbeschäftigten Anspruch auf Tariflohn, bis dahin war der gesamte Tarifvertrag allgemeinverbindlich. Doch das ist längst vorbei. Zu viele Firmen wollen nicht mehr, dass für alle die gleichen Gehaltsregeln gelten.

Die Nahrungsmittel-Produzenten: Dass Lebensmittel lebensnotwenig sind, spiegelt sich nicht unbedingt in der Bezahlung der Produzenten nieder. Nahrungsmittelfirmen, in denen beispielsweise Nudeln, Margarine oder Süßigkeiten hergestellt werden, zahlen Fachkräften im Schnitt 17 Euro pro Stunde. Zum Vergleich: Fachkräfte in Autofirmen erhalten laut Statistischem Bundesamt durchschnittlich 36,50 Euro.

Der Müll soll weg: Damit Müllwerker die Tonnen weiter leeren können und ihr Ansteckungsrisiko verringern, hat die Berliner Stadtreinigung das Geschäft entzerrt: Einige Autos fahren nun früher los. Die Tourenpläne werden unter freiem Himmel ausgegeben, die Kantine gibt Essen »to go« aus. Von den Behörden gebe es keine Vorgaben für eine gesonderte Entsorgung des Mülls von Corona-Patienten, sagt eine Sprecherin. Benutzte Taschentücher sollten in verknoteten Plastiktüten in die Tonne geworfen werden - und zwar nicht nur jetzt. Das mittlere Gehalt von sogenannten Fachkräften der Abfallwirtschaft liegt laut Bundesagentur für Arbeit im Osten bei 2200 Euro und im Westen bei 3100 Euro.

Sparen und Sauberkeit in Kliniken: In Klinken sind nicht nur Ärztinnen und Pflegekräfte »systemrelevant«, so die Gewerkschaft Verdi, sondern auch das Reinigungspersonal. Sie sind dafür zuständig, dass die Ausbreitung von Viren und Keimen vermieden wird. Gerade in diesem Bereich wurde laut Verdi rigoros gespart. Eine Reinigungskraft müsse inzwischen doppelt so viele Zimmer in der gleichen Zeit reinigen wie vor 15 Jahren. Die Vergütung ist unterdurchschnittlich geblieben: In kommunalen Krankenhäusern haben Vollzeit-Beschäftigte laut Tarifvertrag Anspruch auf 1930 bis 2140 Euro im Monat.

Unsichere Jobs in Kitas: Weil Kindertagesstätten und Schulen geschlossen sind und nur noch eine Notbetreuung für »systemrelevante Gruppen« wie medizinisches Personal aufrechterhalten wird, müssen viele Eltern zu Hause bleiben. Viele versuchen, es irgendwie hinzukriegen, im Homeoffice an laufenden Projekten weiterzuarbeiten, zwischen der Betreuung der Kinder, die ihre Freunde vermissen.

Wie wichtig die Tätigkeit von Erzieherinnen und Erziehern ist, dürfte den meisten schon vor der Pandemie klar gewesen sein. Der Bedarf an Beschäftigten wird auch weiter steigen, betont das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Schon jetzt hätten Einrichtungen große Probleme, Personal zu finden. Dennoch erhalten mehr als die Hälfte der neu eingestellten Erzieherinnen nur eine befristete Stelle. Der Anteil der Jobs auf Zeit ist damit doppelt so hoch wie in Gesundheits- und Pflegeberufen. Als einen möglichen Grund nennt das IAB fehlende Planstellen.

Erzieherinnen und Erzieher mit Vollzeitstelle erhalten derzeit im Mittel 3300 Euro im Westen und 3100 Euro im Osten, so die Bundesagentur für Arbeit. Das IAB empfiehlt eine Annäherung an das Gehalt von Grundschullehrkräften, die im Mittel 4000 Euro (West) bis 4300 Euro (Ost) bekommen.

Pflege alter Menschen: Omas und Opas sollen derzeit nicht die Enkel betreuen, was die Lage von Eltern zusätzlich verschärft. Andere alte Menschen brauchen selbst Hilfe, weil sie zu schwach sind, um einkaufen zu gehen oder ihr Kurzzeitgedächtnis verloren haben. Die ambulanten Pflegekräfte seien weiter im Einsatz, sagt eine Caritas-Sprecherin. Die Ausstattung der Menschen mit Schutzmasken sei aber ein großes Problem.

Das mittlere Gehalt von Altenpflegerinnen mit Vollzeitjob beträgt im Westen laut Bundesagentur für Arbeit 3000 Euro und im Osten 2500 Euro. Allerdings haben viele nur eine Teilzeitstelle - ebenso wie Erzieherinnen.

Das ist ein Grund, warum es für diese Beschäftigten schwierig ist, bessere Arbeitsbedingungen durchzusetzen. Die Coronakrise macht jedoch deutlich, wie notwenig ihre Tätigkeiten sind. Das erhöht zumindest die Chance auf Verbesserungen.

In vielen Haushalten leben und arbeiten Frauen aus Ost- und Mitteleuropa, etwa aus Polen und Rumänien. Sie helfen den gebrechlichen Menschen beim Einkaufen und Kochen und pflegen sie. Damit helfen sie auch den erwachsenen Kindern, die oft Hunderte Kilometer entfernt leben. Diese Arbeit ist schwer - auch weil sich die Frauen weniger um ihre eigenen Kinder und Eltern kümmern können.

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