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Nachbarschaftsplausch in Zeiten von Social Distancing und Corona.
Kulturangebote in Corona-Zeiten

Jogginghose, Chipstüte, Hochkultur

Die Coronakrise bringt neue digitale Kulturangebote hervor - und eröffnet Chancen.

Von Vanessa Fischer

Als das Orchester unter Simon Rattle die Bühne betritt, bleibt es in der Berliner Philharmonie ganz still. Kein aufbrandender Applaus, kein Husten, kein Rascheln. Luciano Berios »Sinfonia« und Bela Bartoks »Konzert für Orchester« werden vor leeren Rängen aufgeführt. »Man ist ja bei Konzerten mit Neuer Musik schon daran gewöhnt, dass kaum Publikum da ist - aber wenigstens ist irgendwer im Saal«, scherzt Rattle, bevor er ernst wird und hinzufügt, dass man in der Krise ein Zeichen habe setzen wollen. »Gerade in Zeiten, in denen die Menschen mehr Abstand zueinander halten sollen, ja isoliert sind, muss die Musik Trost spenden«, so der Dirigent.

Seitdem das Coronavirus das öffentliche Leben in vielen Ländern der Welt stillgelegt hat, erproben sich Künstler*innen und Einrichtungen in neuen digitalen Formen des Kulturangebots. Theater, Opernhäuser, selbst Autor*innen und DJs sind dazu übergegangen, ihre Kunst, ihre Musik, ihre Lesungen online zu streamen, meist kostenlos, mit der Bitte an Zuschauende, freiwillig zu spenden. So überträgt der Pianist Igor Levit, der gewöhnlich in den Häusern der Welt auftritt, derzeit jeden Abend um 19 Uhr ein Konzert aus seinem Wohnzimmer live auf dem Kurzbotschaftsdienst Twitter. »Bis wir uns alle wieder gemeinsam, real, nah beieinander versammeln und Kunst erleben können«, schreibt Levit auf seinem Social-Media-Kanal. Auch die Staatsoper in Berlin veröffentlicht täglich ein neues Video: »Manon«, »Tristan«, »Carmen« und »Medea« sind live auf der Webseite des RBB zu sehen und im Radio zu hören. Samstags um 20.15 Uhr gibt es außerdem eine TV-Wiederholung.

Selbst Museen bieten inzwischen Rundgänge online an. So ist das Deutsche Museum in München virtuell begehbar. Auch die Räume der Art Basel in Hongkong und die Vatikanischen Museen können im Netz besucht werden. Zu sehen sind die Sixtinische Kapelle mit den Fresken Michelangelos und die Stanzen des Raffael im Apostolischen Palast mit der »Schule von Athen«, beide vom Anfang des 16. Jahrhunderts.

Doch wie erfahrbar kann Kunst sein, bei der zwischen schaffender und rezipierender Person ein Monitor liegt? Eine Kunst, bei der Exponat und Betrachter*in Kilometer voneinander entfernt sind? Im Deutschen Museum stehen neben den Ausstellungsräumen, die virtuell betreten werden können, auch Audioführungen kostenlos zur Verfügung. Lehrreich ist das allemal, doch vieles bleibt unerfahrbar: Größenverhältnisse und Gerüche etwa. Ein virtueller Rundgang kommt einem realen Museumsbesuch nicht gleich. Ähnliches gilt auch für Konzerte, die zu Hause - meist über mittelmäßige Boxen gehört - nicht die feinen Schwingungen der Instrumente transportieren können und ohne ein Publikum nicht dieselbe Atmosphäre schaffen. Ebenso lebt das Theater von verschiedenster Interaktion zwischen Schauspieler*innen und Publikum. Dennoch: Für viele, die sich Museumsbesuch oder Philharmonieabend kaum leisten können, die von der Etikette abgeschreckt wurden, oder die das Haus aufgrund körperlicher oder psychischer Einschränkungen nicht verlassen konnten, bieten Livestreams nun die Möglichkeit, auch an dieser Form des kulturellen Lebens teilzuhaben. Dafür braucht es aber die Solidarität all jener, die sich auch zuvor Eintrittskarten leisten konnten und nun freiwillig spenden.

Zum virtuellen Kulturangebot sind zuletzt auch die Berliner Clubs hinzugekommen, die nach eigenen Angaben vor der größten Herausforderung ihrer Geschichte stehen. Unter dem Motto »Die Party geht online weiter!« werden die Sets bekannter DJs nun jeden Abend ab 19 Uhr auf der Plattform unitedwestream.berlin übertragen, unterstützt von mehreren Medienhäusern, darunter Arte Concert, RBB, radioeins und FluxFm. Für Lutz Leichsenring von der Berliner Clubcommission ist diese neue Streamingplattform vor allem »Hilfe zur Selbsthilfe«, wie er im Gespräch mit »nd« erklärt. »Wir wollen nicht auf die Rettungspakete der Politik warten«, so der Pressesprecher des Verbands der Berliner Clubs. Zehn Millionen Euro werden benötigt, so Leichsenring, um die 280 notleidenden Clubs und Veranstalter*innen in Berlin sowie etwa 9000 Mitarbeiter*innen zu unterstützen. »Ich glaube zwar nicht, dass wir das durch freiwillige Spenden zusammenbekommen«, sagt Leichsenring. Aber immerhin sei es ein Anfang. Alles komme in einen Topf: Neben den Clubs und Künstler*innen, die unterstützt werden, fließen acht Prozent der Einnahmen an den Stiftungsfonds Zivile Seenotrettung.

Flexible Eintrittspreise, Tickets auf Solibasis, Spenden an NGOs - erstrebenswert wäre all das auch schon vor der erzwungenen Corona-Kulturpause gewesen. Die Pandemie hat längst nicht nur zur Schließung von Clubs, Theatern und Opernhäuser geführt, sie hat auch die Fehler eines kapitalistischen Systems offenbart, in dem der Kulturbetrieb nur funktioniert, solange keine Fehler passieren - ein System, in dem viele Musiker*innen und Künstler*innen bereits in prä-pandemischen Zeiten am Rande des Existenzminimums lebten, und in dem ökonomisches und kulturelles Kapital nötigt ist, um überhaupt an Kunst teilhaben zu können. Covid-19 hat dem obligatorischen »Sehen und Gesehen werden« in den Opernhäusern und der Türpolitik vor den Technoclubs nun ein jähes Ende gesetzt. Zumindest bietet die Pause die Möglichkeit, bisherige Strukturen und Mechanismen zu überdenken: Wie machen wir Kunst und für wen? Wer konsumiert und wer produziert und wie kann diese Dichotomie aufgebrochen werden?

Lutz Leichsenring von der Clubcommission geht davon aus, »dass durch die große Breite des Streamingangebots auch Menschen erreicht werden, die bisher nicht mit der Berliner Clubszene vertraut sind«. Auch die Aufführung von »Carmen« haben mehr als 160 000 Menschen auf der ganzen Welt gesehen - ein Rekord. Weil das Internet nicht auf Ländergrenzen beschränkt ist, können Erfahrungen weltweit geteilt werden und auch der Kultur-Gap zwischen Stadt und Land wird so ein klein wenig geschlossen.

Christopher Rüping, Regisseur am Schauspielhaus Zürich, hat auf seinem Twitter-Kanal eine Umfrage durchgeführt, wie viel Geld das Publikum für den Livestream einer Theateraufführung zahlen würde. Zwischen fünf Euro und 9,99 Euro gaben die meisten an. Vielleicht würde das schon reichen, um die Livestreams auch nach der Corona-Krise zu erhalten. Dann könnten auch weiterhin all diejenigen teilhaben, die sich den Eintrittspreis nicht leisten können, die das Stück lieber zu Hause im Schlafanzug oder mit Chipstüte anschauen, und die das Haus aufgrund von Krankheit oder Beeinträchtigung nicht verlassen können. Und wenn die sozialen Konventionen, der Preis und die Kleiderordnung obsolet geworden sind, dann kann man vielleicht auch mit Jogginghose ins Deutsche Theater und mit Rollator und beigem Outfit ins Berghain. Gesetzt dem Fall, dass es diese Kultureinrichtungen nach der Krise noch geben wird und nicht künftig alle Veranstaltungen in riesigen Mehrzweckhallen mit Markennamen stattfinden werden.