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Langeweile für alle

SCHUFA DER LIEBE

Als Kind habe ich mich das letzte Mal so richtig gelangweilt. Es waren Sonntage, an denen ich zu früh wach war, als es keinen Fernseher in meinem Zimmer gab und der Gameboy, für den wir nur ein einziges Spiel (Kirby's Dreamland) hatten, irgendwo versteckt war. Aber diese Langeweile war wichtig. Dann bin ich rumgepirscht und habe gemacht, worauf ich Bock hatte. Gemalt oder gebastelt oder für meine Kuscheltiere ein Theater gebaut, viel Radio gehört, Bücher angeguckt, mal wieder den guten alten Britney-Fanordner durchgeblättert und Buden gebaut, mit Laken über den Tischen und ebenjenen Büchern zum Festmachen. Dann da rein und weg von der Welt. »Die Welt« war ja ohnehin nur Haus, Familie, Straße und Leute aus dem Kindergarten. Zu früh wach sein ist mir später nicht mehr passiert und Langeweile kam nur noch auf in der Schule, in der Uni, auf schlimmen Partys, zu langen Zugfahrten mit leerem Handyakku und da hört die Aufzählung schon auf.

Im Wohnheim hatte ich mal eine Weile lang kein Geld und kein Internet, und da habe ich halt Spider Solitär gespielt. Irgendwas geht immer. Das waren dann schon die Zeiten, in denen man »eigentlich was zu tun« hatte. Langeweile kannte ich in dieser kindlichen Form, wo man noch nicht viel muss, nicht mehr, es hieß dann Prokrastination. Es gab ja immer eine Hausarbeit, die zu schreiben war, einen Job, auf den man sich zu bewerben hatte, einige politische Ungerechtigkeiten, gegen die man sich engagieren wollte, soziale Verpflichtungen, denen man mal wieder nachkommen konnte, die Arztbesuche, die man anleiern musste und so weiter. »Nichts tun«, also Sachen ohne direkten Nutzen tun, ist als Erwachsene immer im Verhältnis zu all den To-Do-Listen zu begreifen und auch Freizeit darf nur zur Erholung von ihnen sein.

Dementsprechend irritierend finde ich die Postings im Internet, in denen Leute aktuell über Langeweile klagen. Stichwort Puzzle. Vielleicht bin ich nur superneidisch. Bei vielen klingeln die E-Mails weiter. Oder sie müssen weiterhin arbeiten gehen, ins Krankenhaus, an die Kasse, Menschen pflegen, Kinder betreuen, uns mit Strom versorgen, Menschen mit Krams beliefern. Langeweile ist ein Gefühl, das man unbedingt zelebrieren sollte. Es ist leider ein großes Privileg. Es gilt, Menschen zu supporten, die gerade auf Einkaufshilfe angewiesen sind, die soziale Kontakte brauchen, weil sie mit der Isolation nicht gut zurecht kommen, die wohnungslos sind und weiterhin auf Geld und Sachspenden angewiesen sind, die nicht wissen, wie sie ihre Miete bezahlen sollen und die, die abgeschoben werden und nicht einreisen dürfen. Es gibt sauviel zu tun. Für eine Welt, in der sich alle mal langweilen und puzzlen können, weil niemand mehr wohin muss.