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Die Währung der Solidarität

Alexander Ludewig über die Krise als mögliche Chance für den Fußball

Von Alexander Ludewig

Ob die alten Zeiten im Fußball wirklich so gut waren, ist Ansichtssache. Und ob die gerade gesellschaftlich schlechten für diesen Sport wirklich so tragisch sind, ist streitbar. Eines hat die Coronakrise aber wieder mal deutlich gemacht: Die Kraft kommt von unten. So verschob die UEFA die EM einfach um ein Jahr in den Sommer 2021. Die FIFA hat nichts dagegen, obwohl dafür geplante Turniere des Weltverbandes weichen müssen. Und das alles, um einen halbwegs geregelten Ablauf der nationalen Ligen zu gewährleisten. Selbstverständlich zählt auch die Bundesliga mit ihren vielen Nationalspielern zu dieser starken Basis.

Über das Verhältnis von Kraft und Macht wird seit jeher philosophiert. Kraft gilt als körperliches, Macht als abstraktes Merkmal - also Arbeit und Nutznießer oder Fußball und Funktionäre. Wie von oben nach unten bestimmt wird, zeigte diese Woche: Die UEFA soll von Europas Klubs 300 Millionen Euro für die Verschiebung der EM gefordert haben. Die FIFA wird sich ebenso, auf ihre Art, mit den Kontinentalverbänden einigen. Weltverbandschef Gianni Infantino feierte hernach gelebte »Solidarität und Verantwortung«, UEFA-Präsident Aleksander Ceferin ebenfalls »Solidarität« sowie »Offenheit und Toleranz«. Mächtige Worte - bei gleichzeitiger Verschiebung der Verantwortung nach unten.

An der Basis tobt der Kampf. Es gehe um die Existenz, die Saison muss (!) zu Ende gespielt werden, ist sich der Profifußball weitgehend einig. Während Dauer und Folgen der Coronakrise nicht absehbar sind, das Robert-Koch-Institut hierzulande vor »bis zu zehn Millionen Infizierten« warnt sowie in deutschen Städten und im Bundesland Bayern Ausgangssperren verhängt werden, kommt für die Deutsche Fußball Liga ein Verzicht nicht infrage. Zur Erinnerung: Die DFL vermeldete im Wirtschaftsreport 2019 einen Umsatzrekord von mehr als vier Milliarden Euro und erwartet aus dem neuen Verkauf der Medienrechte einen zweistelligen Milliardenbetrag. Noch schamloser als der Gedanke an Staatshilfen, waren da Drohungen, bei Zuschauerausschlüssen oder der Aussetzung des Spielbetriebs auf behördliche Anordnung Schadensersatz zu verlangen.

Selbsthilfe kommt da schon besser: Der Gehaltsverzicht erster Spieler und Funktionäre lässt ein Gewissen dafür erkennen, dass der Profifußball in einer Parallelwelt lebt. Dort hat die ebenfalls von allen betonte Solidarität eine Währung. Am Ende gehe es ums Geld, fasste Bayern Münchens Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge zusammen. Widerspruch gab es nicht.

Dass der Fußball auch ohne gesellschaftliche Krisen ein Risikogeschäft ist, zeigen vorherige Vereinspleiten. Eine Möglichkeit der Neuordnung: Verbände wie die FIFA, UEFA oder DFL sind Mitgliedsgemeinschaften. Doch selbst in Zeiten schlimmster Korruption wurde das System nicht durch Austritt oder Abwahl gestürzt, sondern einfach weitergedreht an der Kommerzspirale, die die Existenz jetzt so sehr bedroht.