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Kollektiv in die Quarantäne

Das Virus hat auch Venezuela erreicht - Präsident Maduro warnt vor einer Politisierung der Coronakrise

  • Von John Mark Shorack (Caracas) und Tobias Lambert
  • Lesedauer: 7 Min.

Per Megafon hallt es aus einem vorbeifahrenden Pick-up-Jeep. Auf der Ladefläche befinden sich maskierte Polizisten, die Passantinnen und Passanten dazu aufrufen, Mundschutz zu tragen. In dem einfachen Viertel Ruiz Pineda im Südwesten der venezolanischen Hauptstadt Caracas sind an diesem Nachmittag nur wenige Leute unterwegs. Seit die Ausgangssperre in Kraft ist, dürfen die meisten Menschen nur zum Einkaufen oder für Arztbesuche vor die Tür. Und wer sich draußen aufhält, ohne den Mund zu bedecken, wird von den Sicherheitskräften persönlich auf die Gefahr einer Ansteckung durch das neuartige Coronavirus hingewiesen. Viele Leute sind es nicht. Die Lebensmittelgeschäfte schließen bereits mittags.

Am nächsten Morgen sitzen wenige Minuten von Ruiz Pineda entfernt ein paar Männer auf dem Platz vor der U-Bahn-Station des Zoologischen Gartens und unterhalten sich. Einer von ihnen ist Edgar Álvarez, auch er mit Mundschutz. Er sei hier draußen, um nicht zu Hause sein zu müssen, räumt der 65-Jährige bereitwillig ein. Die von der Regierung getroffenen Maßnahmen hält er dennoch für richtig. »Sie sind von der Weltgesundheitsorganisation empfohlen, um die Bevölkerung zu schützen«, sagt er.

Seit vergangenem Montag befindet sich Caracas in der von Präsident Nicolás Maduro verhängten »sozialen und kollektiven Quarantäne«. Zunächst im Hauptstadtdistrikt und sechs Bundesstaaten in Kraft getreten, gilt die Ausgangssperre seit Dienstag landesweit. Insgesamt 70 Personen haben sich mittlerweile nachweislich mit dem Corona-Erreger infiziert. Die meisten waren zuvor aus Europa oder Kolumbien eingereist.

Bereits am 12. März, als es in Venezuela offiziell noch keinen Fall gab, hatte Nicolás Maduro den Gesundheitsnotstand erklärt. Unter anderem untersagte er Veranstaltungen sowie Versammlungen und erließ ein Landeverbot für Flüge aus Europa sowie mehreren lateinamerikanischen Ländern. Es folgte die Schließung aller Schulen und Universitäten. Zwei Tage später verhängte Maduro den Alarmzustand, um weitergehende Maßnahmen beschließen zu können. Am 15. März verkündete er dann die Ausgangssperre, die laut Regierungsangaben in den ersten Tagen zu 90 Prozent befolgt wurde. Maduro forderte die Bevölkerung dazu auf, Mundschutzmasken notfalls selbst zu basteln.

Damit reagierte Venezuela zwar schneller auf die Ausbreitung des Coronavirus als die Länder Europas und seriöser als Brasilien und Mexiko, wo die jeweiligen Regierungen das Virus bisher auf die leichte Schulter nehmen. Dennoch befürchten viele, dass Venezuela denkbar schlecht vorbereitet ist. Vor allem die wirtschaftliche Lage und der schlechte Zustand des Gesundheitssystems bereiten den Menschen Sorgen.

Seit die Regierung im vergangenen Jahr die Nutzung des US-Dollars ermöglicht und die meisten Preiskontrollen de facto abgeschafft hat, sind die Supermarktregale zwar wieder besser gefüllt. Die Produkte sind jedoch völlig überteuert. Die meisten Venezolaner*innen sind auf die beinahe kostenlosen Lebensmittelkisten der Regierung sowie Rücküberweisungen migrierter Familienangehöriger angewiesen.

Der Mindestlohn beträgt umgerechnet nur wenige US-Dollar pro Monat und reicht theoretisch für gerade einmal eine Packung Maismehl, ein Stück Käse und zwei kleine Stücke Seife. Hinzu kommt, dass viele Haushalte nur unregelmäßig über Strom und Wasser verfügen. »Jetzt sagen sie, wir sollen uns die Hände waschen, aber wie sollen wir das machen, wenn wir kein Wasser haben«, bemängelt Raul Martínez, der am ersten Tag der Ausgangssperre an einer Bushaltestelle in Ruiz Pineda steht und in der Zeitung des Vortags blättert. »Wir bräuchten jeden Tag Wasser, nicht nur zweimal die Woche.«

Das staatliche Gesundheitssystem ist zwar nach wie vor kostenlos. Doch während es vor einigen Jahren unter Maduros Vorgänger Hugo Chávez noch flächendeckend zugänglich war, funktioniert es heute nur noch rudimentär. Aufgrund fehlender finanzieller Ressourcen, der Ineffizienz der Regierung und der US-Sanktionen sind die Krankenhäuser zudem schlecht ausgestattet. Viele Ärzte haben im Zuge der Wirtschaftskrise das Land verlassen.

Carmen Pérez arbeitet als Krankenschwester in einer Klinik, die Betten für mögliche Corona-Patient*innen einrichtet. Ihren richtigen Namen möchte sie nicht öffentlich preisgeben. »Wir haben nur manchmal Wasser«, berichtet Pérez am Telefon, »im Moment immerhin alle drei Tage.« Das medizinische Personal bringe selbst Seife und Wasser in Kanistern mit. Es gebe zu wenige Medikamente und nicht einmal Handschuhe für das Reinigungspersonal. »Wir sind dazu angehalten, Patienten möglichst nach Hause zu schicken, um Betten frei zu bekommen«, erzählt sie. Dadurch solle Platz für Infizierte geschaffen werden.

Wer Symptome wie Atemwegsprobleme aufweist, werde dann aufgenommen, alle anderen würden in die häusliche Quarantäne geschickt. Den offiziellen Zahlen über Infizierte misstraut die Krankenschwester jedoch. »Wir haben zwar Tests vorrätig, aber nicht sehr viele«, sagt sie. Genauso wie medizinisches Equipment kommen die Corona-Tests als Hilfe von internationalen Institutionen wie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) oder aus Ländern wie China, Russland und Kuba.

Javier Rodríguez sieht Venezuela in der Coronakrise hingegen auf einem guten Weg. »Dank der Maßnahmen, die der Präsident getroffen hat, breitet sich das Virus sehr langsam aus«, ist er sich sicher. Rodríguez ist Sprecher für Wirtschaft und kommunitäre Politik in einem basisdemokratischen Kommunalen Rat »Rocíos de Revolución« (»Morgentau der Revolution«). Hier, im sozialistischen Neubauviertel Ciudad Tiuna im Westen von Caracas, hielten sich die Menschen weitgehend an die Ausgangssperre, während in einigen ärmeren Vierteln noch mehr Personen auf der Straße unterwegs seien.

Der Kommunale Rat ist aktiv in die Bekämpfung des Virus und die Versorgung der Bevölkerung eingebunden, kocht für bedürftige Anwohner*innen und stellt Desinfektionsmittel und Mundschutzmasken her. Gemeinsam mit anderen Räten arbeitet »Rocíos de Revolución« daran, sich zu einer Comuna zusammenzuschließen, der höheren Form der staatlich unterstützten Basisorganisierung. Dass die Krankenhäuser nicht gut genug ausgestattet sind, ist für Rodríguez vor allem eine Folge des Wirtschaftskrieges und der Sanktionen. »Dank der Lieferungen aus China können wir diese Probleme jedoch überwinden«, meint er.

Der rapide gefallene Erdölpreis und die US-Sanktionen setzen Venezuela wirtschaftlich enorm unter Druck. Noch vorletzte Woche beteuerte Maduro, dass sein Land über ausreichend finanzielle Mittel verfüge, um gegen das Coronavirus zu bestehen. Am vergangenen Dienstag dann beantragte die venezolanische Regierung ausgerechnet beim verhassten Internationalen Währungsfonds (IWF) einen Kredit über fünf Milliarden US-Dollar, um das Gesundheitssystem gegen die Auswirkungen des Virus zu wappnen. Der IWF lehnte mit der Begründung ab, dass die Anerkennung der Regierung umstritten sei, da viele Mitgliedsstaaten Juan Guaidó als rechtmäßigen Präsidenten anerkennen.

Die Krise offenbart jedoch erneut, dass Guaidó innerhalb Venezuelas über keinerlei Macht verfügt. Der selbst ernannte Interimspräsident berief eine eigene Expertenkommission zum Virus ein und betonte, dass er über gute internationale Beziehungen verfüge, um »humanitäre Hilfe« zu organisieren. Tatsächlich aber stellen sich selbst viele Oppositionelle nicht grundsätzlich gegen die von Maduro verkündeten Maßnahmen, die schließlich auch andere Länder weltweit umsetzen.

Der zweifache Präsidentschaftskandidat Henrique Capriles twitterte am 17. März, es sei »sehr wichtig, uns und andere vor einer möglichen Ansteckung« mit dem Coronavirus zu schützen. Die Quarantäne sei »der Schlüssel, um die Infektionskette zu durchbrechen«. Ebenfalls auf Twitter erklärte die Ärztin und Regierungsgegnerin Adriana Moran ihre »Unterstützung für die Maßnahmen, die der venezolanische Staatschef verabschiedet hat«.

In der jetzigen Situation wirkt Maduro plötzlich, als stünde er über den politischen Grabenkämpfen, die Venezuela seit Jahren prägen. Mit Nachdruck fordert er die Aufhebung der US-Sanktionen, bittet ansonsten aber darum, das Thema Coronavirus nicht zu politisieren. »Die Pandemie kennt weder ideologische noch politische oder soziale Unterschiede«, betonte er, als er die Ausgangssperre verhängte.

Auch wenn in Lateinamerika viele Länder Erfahrungen mit vorübergehenden Ausgangssperren haben, ist eine Situation dieses Ausmaßes neu. »Ich lebe seit 25 Jahren hier und habe noch nie etwas Vergleichbares erlebt«, sagt Edgar Álvarez auf dem Platz vor der U-Bahn-Station. Das dürfte nicht nur ihm so gehen.

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