Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Im Fieberwahn

Marvin Krens Achtteiler »Freud« ist ein rauschhafter Ritt durch die Psyche des Analytikers

  • Von Jan Freitag
  • Lesedauer: 3 Min.
Wo es war, soll ich werden: Der junge Freud (Robert Finster) bei einer Badewannensitzung
Wo es war, soll ich werden: Der junge Freud (Robert Finster) bei einer Badewannensitzung

Wie weit sich ein Künstler mit seiner Kunst gemein macht, was er von ihr selbst an sich heranlässt und auch von sich selber an die Kunst - ob sie also abstrakt bleibt oder persönlich wird, das ist nicht nur eine Frage von Professionalität und Charakter. Es hat auch viel mit dem Kunstwerk an sich zu tun. Marvin Kren und Sigmund Freud zum Beispiel: Der österreichische Regisseur und sein berühmterer Landsmann stehen beide für eine Objektdurchdringung weit jenseits oberflächlicher Betrachtung. Als ersterer von ORF und Netflix beauftragt wurde, letzteren zu porträtieren, war demnach klar: Der Macher so apodiktischer Serien wie »4 Blocks« würde voll und ganz eintauchen ins Biopic.

Marvin Kren drang nämlich nicht nur tief in die Quellenlage ein, er begab sich auch physisch in jene Form der Hypnose, die Freud im Handlungsjahr 1886 frisch nach Wien importiert hatte. »Ein massives, wahrhaftiges Erlebnis«, erinnert er sich. Besonders weil der »Tatort«-Experte, zehn Jahre nach seinem Zombiedebütfilm »Rammbock«, sich am Todestag seines Vaters hypnotisieren ließ, erzählt er am Drehort einer grandiosen Prager Krankenhausruine. »Das hat mich voll erwischt.« Und damit auch sein Publikum.

Selten ging es bisher bei einer so opulenten Kostümserie weniger ums Äußere, während das Innere derart nach außen gekehrt wird. Das zeigt schon die Einstiegszene: Am Rande einer Selbstfindungsphase pendelt der Wissenschaftsrevolutionär in spe (Robert Finster) die eigene Haushälterin (gespielt von Krens Mutter Brigitte) aus, um so die Wiener Ärzteschaft zu täuschen. Seine Idee seelischer Leiden ohne körperliche Erkrankungen galt seinerzeit als Spinnerei, der er mit diesem Betrug Seriösität verschaffen will. »Ich bin nur Jude, und selbst in meiner Zunft gelte ich als unangepasst«, sagt er auf einer der ausschweifenden Séancen jener Tage. »Da muss sich die Zunft wohl Ihnen anpassen«, entgegnet die Gastgeberin, worauf Freud antwortet: »Nichts weniger ist mein Ziel«.

Weil der psychiatrische Weg dorthin für acht Teile alles andere als massentauglich ist, dickt Marvin Kren das Ganze nach eigenem Drehbuch sodann mit einer Verschwörung an, die in Gestalt einer bestialisch ermordeten Hure ihren Anfang nimmt. Mit viel Schmäh in grobkörniger Szenerie ermittelt der opake Inspektor Kiss (Georg Friedrich) nur kurz das »triebgesteuerte« Delikt. Schon bald nämlich verfängt er sich im Netz aus Laster, Macht und Ranküne der K.u.K.-Monarchie, die der kraftlose Kronprinz Rudolf (Stefan Konarske) ebenso bevölkert wie das Grafenpaar Szápáry, flamboyant verkörpert von Philipp Hochmair und Anja Kling.

In diesem Potpourri kultureller Ausschweifung und politischem Kalkül kämpft Freud, das halluzinierende Medium Salomé (Ella Rumpf) an der Seite, um Anerkennung seiner neuen psychologischen Weltdeutung. Wobei es vor allem dem ästhetischen Vokabular des Regisseurs zu danken ist, dass die bild- wie tongewaltige Dauerekstase nie selbstreferenziell wird, und ins Pathos abrutscht. Dank Krens Bemühen die Kostüme und Kulissen nicht in den Vordergrund zu rücken, erzeugt er nämlich eine vielfach natürlich beleuchtete, aber stets rauschhafte Aura, die in den ersten drei Folgen tiefer ins Unbewusste der Zuschauer dringt, als es der Titelfigur selbst 1886 zu gelingen vermag.

Dass der Regisseur eine Zeit in Freuds Dasein wählt, die von den Quellen her nahezu unbelegt ist, bieten sich ihm alle Möglichkeiten erzählerischer Anarchie in verbürgter Umgebung.

Vergleichbar mit Stanley Kubricks Klassiker »Shining«, inszeniert er einen Fieberwahn, in dem von Freuds Anzug über seine Haare bis hin zu seinen tintenschwarzen Fingern alles ähnlich düster ist wie der Abgrund, in den die feudale Gesellschaft, das aufstrebende Bürgertum vor Augen, seinerzeit blickte. »Mich interessiert immer die Katharsis meiner Figuren«, sagt Marvin Kren über den Strudel aus Gewalt, Verunsicherung und Seelenschmerz, der auch in »Freud« mitreißt - »aber sie muss auch Spaß machen«.

»Freud«, ab 23. März auf Netflix

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln