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Bloß keine Schwäche zeigen

Japans Regierung und das IOC halten an Olympia fest, aber nicht mehr am Termin im Sommer

  • Von Felix Lill, Tokio
  • Lesedauer: 4 Min.

Manchmal kommt es in Ansprachen auf das an, was nicht erwähnt wurde. So am Anfang dieser Woche, als Shinzo Abe in einer Videokonferenz mit den G7-Regierungschefs von seinen Olympiaplänen berichtete. Scheinbar unmissverständlich betonte der japanische Premierminister danach gegenüber der Presse: »Ich will die Olympischen und Paralympischen Spiele in ihrer Gänze halten, als Beweis dafür, dass die Menschheit das neue Coronavirus besiegen kann, und dafür habe ich die Unterstützung der G7-Anführer.«

Was zunächst wie die unerschütterliche Marschroute eines kämpferischen Premiers klang, war in Wahrheit eher das Gegenteil. Denn anders als bei sonstigen Verkündungen zum Thema erwähnte Abe diesmal nicht, zu welchem Datum er die Olympischen Spiele denn abhalten werde. Bisher hatte es immer geheißen, man bereite sich auf den längst vereinbarten Beginn am 24. Juli vor. Für diesen Zeitplan aber hatte Abe offenbar nicht den Rückhalt der G7-Regierungschefs, die allesamt daheim gegen Covid-19 ankämpfen.

Es ist das erste Mal, dass ein Offizieller aus der ersten Reihe nicht auf den vor Jahren festgelegten Veranstaltungsplan pocht. Am Dienstag folgte dann das IOC mit einem Statement, das auf ähnliche Weise plötzlich vorsichtig daherkam. Neben der Erwähnung, dass Covid-19 die ganze Welt vor neue Probleme stelle, heißt es darin: »Das IOC bleibt den Olympischen Spielen Tokio 2020 verpflichtet, und mit etwas mehr als vier Monaten bis zu den Spielen sollten in dieser Situation keine drastischen Entscheidungen getroffen werden.« Am Donnerstag sagte IOC-Präsident Thomas Bach dann gegenüber der »New York Times«, dass »verschiedene Szenarien« durchgedacht werden, eine Absage gehöre aber nicht dazu.

So wird eine Verschiebung der Olympischen Spiele, nachdem dies bisher immer zurückgewiesen worden war, immer wahrscheinlicher. Der Schritt seitens der japanischen Regierung und des IOC, solch einen Ausweg schon einmal vorzubereiten, kommt inmitten wachsender Kritik. In Japan, wo Schulen seit Wochen geschlossen bleiben und Erwachsende weitgehend im Homeoffice arbeiten, ist der Alltag maßgeblich reduziert.

Premier Abe hat seine Bevölkerung schon auf einen Ausnahmezustand vorbereitet, zumal das Land laut Analysen den Höhepunkt der Coronakrise noch nicht erreicht hat. Derzeit gibt es mehr als 1600 bestätigte Fälle, wobei die Dunkelziffer für deutlich höher gehalten wird. Mitte der Woche beschloss die Regierung zudem, dass Menschen, die aus europäischen Ländern, Ägypten oder Iran einreisen, sich auf japanischem Boden zunächst für 14 Tage in Quarantäne begeben müssen. Die Regel soll zunächst bis Ende April gelten.

Hinzu kam dieser Tage noch ein besonders prominenter Infektionsfall. Kozo Tashima, Präsident des japanischen Fußballverbands, Mitglied des NOK und führendes Mitglied von Tokios Organisationskomitee, ist der erste bestätigte Coronakranke unter den Olympiaoffiziellen. Während man sich seither fragt, mit wem Tashima zuletzt in Kontakt war, kritisierte das IOC-Mitglied Hayley Wickenheiser das bisherige Festhalten am Veranstaltungsplan als »verantwortungslos«. Die einstige Eishockeyspielerin aus Kanada gab über Twitter zu Bedenken: »Diese Krise ist noch größer als Olympia.« Viele Athleten könnten schließlich nicht einmal mehr trainieren.

Tatsächlich ist es mittlerweile schon deshalb schwierig, die Olympischen Spiele wie geplant stattfinden zu lassen, weil dafür in diversen Sportarten noch Qualifikationsturniere stattfinden müssten. Derzeit sind laut IOC erst 57 Prozent der Athleten qualifiziert. Die verbleibenden Startplätze müssten in diesen Wochen aufgefüllt werden. Doch in den allermeisten Ländern ist an Sportevents, zu denen auch noch Athleten aus mehreren Nationen anreisen müssten, nicht zu denken.

In Tokio sagte diese Woche auch der japanische Turnverband ein internationales Turnier für April ab. Anfang der Woche hatte schon der nationale Volleyballverband eine Veranstaltung gestrichen, mit der die renovierte Ariake Arena für Olympia getestet werden sollte. So gibt es viele Sportveranstaltungen, die entweder verschoben, reduziert, oder ganz abgesagt worden sind.

Trotzdem behaupteten die Offiziellen, ihnen voran IOC-Präsident Thomas Bach und Premierminister Shinzo Abe, bisher unbeirrt, dass an den Spielen nicht gerüttelt werde. Um dies zu demonstrieren, wurde die Olympische Flamme nach Japan gebracht, wo der symbolhafte Fackellauf am 26. März von Fukushima aus quer durchs Land gehen soll. Ungeachtet der Ausbreitung des Virus versammelten sich am Samstag mehr als 50 000 Menschen am Bahnhof Sendai in der Präfektur Miyagi, um die Flamme zu sehen. Die Warteschlange war 500 Meter lang. Viele Besucher trugen einen Mundschutz und harrten Stunden aus. Da mehr Menschen kamen als erwartet, wird laut lokalen Medienberichten über einen Stopp der Präsentation nachgedacht.

Dass ansonsten gar nicht über einen Ausfall oder eine Verschiebung von Olympia gesprochen wird, stellt sich schon länger als bloße Kampfansage heraus. Selbst Japans Wirtschaftsministerium berücksichtigt bereits einen Olympiaausfall als Szenario für die ökonomische Entwicklung. Und offizielle Statements der Veranstalter betonen stets, dass man im Austausch mit der Weltgesundheitsorganisation stehe. Deren Direktor, Tedros Adhanom Ghebreyesus, sagte Anfang März: »Wir beobachten die Situation gemeinsam mit der japanischen Regierung. Und wenn gehandelt werden muss, werden wir dies diskutieren.«

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