Scheeres soll die Reißleine ziehen

Ein Teil von Berlins Abiturprüfungen wird verschoben, doch das geht nicht allen weit genug

»Man sollte nicht so tun, als ob wir weiter auf Sicht fahren können«, sagt Ralf Treptow, Vorsitzender der Vereinigung der Oberstudiendirektoren des Landes Berlin. Er sagt das mit Blick auf die Senatsbildungsverwaltung. Die hatte erst am Wochenende entschieden, alle Abiturprüfungen, die vor den Osterferien hätten stattfinden sollen, abzusagen und auf einen späteren Termin zu verschieben.

Senatorin Sandra Scheeres (SPD) hatte dazu erklärt, dass angesichts der öffentlichen Ausgehbeschränkungen »eine Zusammenkunft von vielen Schülerinnen und Schülern an einem Ort nicht mehr verhältnismäßig« wäre. Es könne »nicht sichergestellt werden, dass sich die Prüflinge vor oder nach der jeweiligen Prüfung nicht in Gruppen versammeln, um sich auszutauschen«, so Scheeres weiter.

Nicht allen Lehrern, Eltern und Schülern geht die Entscheidung indes weit genug. So werden erste Forderungen laut, im aktuellen Jahrgang generell auf Prüfungen zu verzichten. Das Abitur würde dann auf Grundlage der Noten aus den vier Oberstufensemestern vergeben werden.

Der am Sonnabend von der Bildungsverwaltung verfügte Schritt sei zwar »richtig« und »verantwortungsvoll«, sagt etwa Schuldirektor Ralf Treptow. Gleichwohl betreffe die Neuregelung nur die Prüfungen vor den Osterferien. Was sei dagegen mit denen, die laut Plan danach stattfinden sollen? »Wann soll hier eine Entscheidung fallen?«, fragt Treptow. »Es muss die Reißleine gezogen werden.«

Auch Norman Heise, Vorsitzender des Landeselternausschusses, hält den Komplettverzicht auf Prüfungen für eine Option, gibt aber zu bedenken, dass ein solcher Schritt nur bundeseinheitlich entschieden werden könne: »Wenn da Berlin allein vorprescht, höre ich schon den Aufschrei aus Bayern.« Daneben seien auch Widerstände aus der Berliner Elternschaft zu erwarten. Für einen Teil der Schüler sei ein Prüfungsverzicht sicher kein Problem, weil sie gute Ausgangsnoten haben. Anders sieht es bei jenen aus, die die Schule schleifen gelassen, dafür aber umso intensiver auf die Prüfungstermine hingearbeitet haben. Hier sei Ärger vorprogrammiert. Wichtig sei deshalb, dass sich die Bildungsverwaltung »jetzt zusammensetzt und überlegt, was überhaupt realistisch ist«.

Genau das passiert nach Auskunft von Martin Klesmann, dem Sprecher von Senatorin Scheeres. Auf die Frage nach einem möglichen Komplettverzicht auf Prüfungen stellt er klar, dass sich die Bildungsverwaltung »derzeit auf verschiedene Eventualitäten« vorbereitet: »Ein entscheidender Faktor ist dabei natürlich die Frage, ob die Schulschließungen wie bisher geplant lediglich bis zum Ende der Osterferien andauern werden.«

Problematisch ist vor allem der Umstand, dass in Berlin in diesem Jahr die Sommerferien bereits im Juni beginnen und bis dahin - Stand jetzt - die Prüfungen durchgezogen werden müssten. Sandra Scheeres stehe daher »derzeit in engem Austausch mit ihren Amtskolleginnen und -kollegen aus Brandenburg, Hamburg, Schleswig-Holstein und auch Rheinland-Pfalz, wo die Sommerferien ebenfalls schon im Juni beginnen«.

Zunächst bleibe es aber bei der aktuellen Lösung, sagt Klesmann: »Grundsätzlich halten wir bisher an den Prüfungsterminen nach den Osterferien fest.« Die Betonung liegt auch hier auf dem Wort »bisher«.

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