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Wer bremst, verliert

Best of Menschheit, Folge 12: Das Automobil

Und wenn die Menschen in den Meeren und unter der Erde leben werden, weil die Oberfläche unbewohnbar geworden ist, werden sie es noch als kapitalistische Markt- und Klassengesellschaft tun, prophezeit mir ein Kollege stets in unseren Alternde-Männer-Gesprächen über Untergänge aller Art. Und sollte er damit richtig liegen, dann möchte ich obendrein wetten, dass die Wasser- und Höhlenmenschen auch immer noch in Varianten des Automobils mit Verbrennungsmotor unterwegs sein werden.

Denn das Automobil ist die Inkarnation der Kraft des Kapitalismus im Alltag, selbst für Individuen, die keines je besitzen werden. Wenn es auch nur herumsteht, herrscht es über den Raum, pflanzt Begierden und schafft Machtphantasien, entfremdet von der Natur, verdrängt die Schwachen. Fährt es, ist es die Pervertierung der menschlichen Lunge, verwandelt es rabiat und unwiderstehlich Sauerstoff in tödlichen Atem. Allein deswegen wird sich der wahre Autobesitzer niemals mit einem automobilen Elektrogefährt anfreunden können, wird man doch darin zum Passagier in einem artfremden Roboter statt gemeinsam zu einem Cyborg. Das Auto war eigentlich schon immer ein Transformer; ein herzloses Gerät, das zu lieben leicht fällt, weil es einen zum Übermenschen macht. Und den Neid anderer anzieht.

Die Marktzivilisation wäre ohne die Verbrennung unmöglich gewesen. Das Auto ist der hochbegabte, hyperaktive Enkel der Dampfmaschine. Es ist Vorbild und Preis zugleich. Will man in dieser Gesellschaft etwas werden, muss man es ihm gleichtun, das Feuer in sich kontrollieren und in Fortbewegung übertragen. Das Auto ist die räumliche Entsprechung dessen, was der zum Marktteilnehmer erzogene Mensch mit seiner Lebenszeit anzufangen hat: immer unterwegs sein, niemals ankommen, schneller, größer, furchteinflößender werden. Die Sprache der Arbeitskraftverwertung weiß es: Man muss für seinen Job brennen, immer Gas geben - aber wehe, es kommt zum Burn-out.

Der Autoverkehr ist die Lehranstalt des Kapitalismus. Er ist ein Gemeinwesen, das auf Regeln und Grenzwerten basiert, von denen jeder weiß, dass man sie brechen und überschreiten muss, um wirklich voranzukommen. Wer sich konsequent an die Regeln hält, ist ein Fremdkörper, bremst alle anderen. Und verdient Spott, Drängelei und Aggression, denn diese Verlierer, die niemals auf dem Chefsessel über die Überholspur jagen werden, müssen abgehängt werden. Wer aber egoistisch, sich und die wenigen in seiner Nähe in Gefahr bringend, das Wohlergehen anderer nicht schont, ist Sieger. Wer bremst, verliert. Und es ist nur konsequent, dass der spätkapitalistische Autofahrer die Rettungsgasse im Wesentlichen als Chance für sich begreift.

Auch wenn jetzt in der Coronakrise der eine oder andere Autohersteller eingehen wird, wird der kapitalistisch geformte Mensch sich seine giftig brennende Schutzhülle langfristig sicher nicht nehmen lassen und sie mit bis in die Tiefgaragen der postapokalyptischen Welt holen. Nähme man dem Kapitalismus die doppelt rücksichtslose Verbrennung (einmal beim Raub der »Bodenschätze«, einmal beim Verklappen der Brandrückstände), die ihn ermöglicht hat, gäbe es ihn nicht mehr. Aber das will schon lange niemand mehr - und wird auch niemand wollen, selbst wenn noch so viele Krisen, kommen sie in großen Wetterkatastrophen oder kleinen Viren, die Welt erschüttern. Das Auto wird jedes Mal Teil der Rache am aufmüpfigen Untertan Erde sein. Was könnte man also anderes empfinden als Respekt für die Macht dieser Maschine.

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