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Reise ins Ungewisse

Kleine Unternehmen wie das Dresdner Reisebüro EFI sind von der Coronakrise in ihrer Existenz bedroht

  • Von Hendrik Lasch
  • Lesedauer: 8 Min.

Das Jahr 2020 begann für EFI Reisen vielversprechend. Januar und Februar liefen »bombastisch«, sagt Jeanette Einsporn. Nach zwei mageren Jahren waren ihre Kunden wieder in Reiselaune. Sie buchten Kreuzfahrten und Fernreisen: nach Malaysia, nach Neuseeland, nach Thailand. Auch die griechischen Inseln und Spanien, sagt die Mitinhaberin des kleinen Reisebüros am Rand der Dresdner Innenstadt, seien »gut im Rennen« gewesen. Vor allem Mai und Juni waren nachgefragt. »Bei Rentnern«, sagt sie, »ist das die beliebteste Reisezeit.«

Jetzt ist März, und das Jahr verspricht gar nichts mehr. »Die Saison 2020 ist gelaufen«, sagt Einsporn. Corona hat die Welt im Griff, und die Reisebranche gehört zu denen, die als allererste mit den Folgen konfrontiert wurden. Schiffsreisen: abgesagt. Flüge: gestrichen. Hotels: gesperrt. Nicht einmal ein Wochenende im Schwarzwald oder in Wernigerode ist noch drin, von Weltenbummelei ganz zu schweigen. Wenn bei EFI Reisen derzeit das Telefon klingelt, will niemand einen Flug buchen. Gefragt ist nur noch eines: Stornierungen. Ganz gleich, ob die Reise jetzt im Frühjahr stattfinden sollte oder im Herbst: Die Hoffnung, dass der gebuchte Trip noch stattfinden kann, ist in Zeiten striktester Ausgangsbeschränkungen, die gerade noch den Spaziergang im Park um die Ecke erlauben, komplett verflogen: »Die Leute fragen nur noch, wie sie ihr Geld zurück bekommen.« Und so mancher äußert die Forderung sehr nachdrücklich.

Einsporn tritt in derlei Situationen erst einmal auf die Bremse - Devise: beruhigen und beschwichtigen. Noch, sagt sie, weiß ja keiner, was der Sommer wirklich bringt. Außerdem: Wer zu früh die Reißleine zieht, riskiert, auf Stornogebühren sitzen zu bleiben für eine Reise, die später womöglich vom Veranstalter ohnehin abgesagt wird. Sie rate also dazu, »erst einmal die Füße still zu halten« - und ansonsten zuversichtlich zu bleiben. »Optimismus ist ohnehin unsere Grundeinstellung«, sagt sie über sich und ihre Co-Geschäftsführerin: »Wenn bei uns jemand zur Tür hereinkommt, trifft er auf eine fröhliche Atmosphäre.«

Derzeit freilich kommt keiner zur Tür herein. An dieser hängt vielmehr ein Zettel, auf dem das Reisebüro mitteilt, dass man sich den »Leitlinien zur weiteren Beschränkungen von sozialen Kontakten ... unterordnet« und deshalb nur noch per Telefon oder Mail erreichbar sei. Ähnliche Zettel kleben rundum an vielen Türen: bei der Zweigstelle der Volkshochschule, einem Laden für Fitnessgeräte und einem für Kinderwagen. Nur der Konsum gegenüber ist noch geöffnet. Dennoch herrscht auf dem Fußweg vor dem Reisebüro mitten am Vormittag gespenstische Leere. Und auch im Geschäft selbst ist die sonst übliche frohe Atmosphäre erst einmal nur mühsam aufrecht zu halten.

Nicht, dass es nichts zu tun gäbe - auch jenseits der Stornierungsanfragen. Ein paar Kunden seien noch unterwegs, sagt Einsporn; teils unfreiwillig, weil Flüge nicht mehr stattfänden. Für sie wird nach Alternativen gesucht. »Wir können sie ja nicht hängen lassen«, sagt sie. Manche seien Stammkunden seit fast 30 Jahren.

EFI Reisen GmbH wurde 1992 gegründet, als Einsporn und ihre Kollegin, die schon in der DDR in der Branche tätig waren und unter anderem Touristengruppen in Dresden betreut hatten, sich in die Selbstständigkeit stürzten. Ein Geschäftspartner aus dem Westen gab 50 000 Mark Starthilfe: »Wir hatten ja keine Rücklagen.« Von ihm stammt das I im Firmennamen. Das hätte eigentlich schon nach zwei Jahren wieder gestrichen werden können, nachdem die beiden Frauen den Zuschuss hatten zurückzahlen können.

Zu dem Zeitpunkt war »EFI« allerdings schon ein bekannter Name in Dresden. Man betreute Gruppenreisen und Opernbesucher, Kongresse und Individualtouristen; man umsorgte Reisende, die es in die sächsische Landeshauptstadt zog, ebenso wie Dresdner, die in die weite Welt aufbrachen. Ein erheblicher Teil des Umsatzes wurde erwirtschaftet, indem Flüge und Hotelzimmer für Firmen gebucht wurden: »Damit haben wir unsere Miete bezahlt«, sagt Einsporn. Von einigen Geschäftsfeldern haben sie sich mittlerweile verabschiedet; der Verkauf klassischer Reisen spielt eine größere Rolle. Eines blieb all die Jahre aber gleich: Obwohl das Geschäft gut lief, entschieden sich die beiden Frauen dagegen zu wachsen, Filialen zu eröffnen, Mitarbeiter anzustellen, bunte Inserate zu schalten. »Wir wollten«, sagt Einsporn, »klein und privat bleiben.«

Das ist jetzt womöglich ein Glück im Unglück und ein Lichtblick in der schwersten Krise, in die es EFI Reisen verschlagen hat. Nicht, dass es nicht andere schwere Zeiten gegeben hätte. Vor exakt zehn Jahren etwa, als auf Island der Vulkan Eyjafjallajökull ausbrach, eine Aschewolke den Flugverkehr in Europa zu guten Teilen zusammenbrechen ließ und Zehntausende Urlauber fest saßen. »Da hingen wir pausenlos am Telefon«, sagt Einsporn. Glücklicherweise kannten die zwei Dresdner Reisefachfrauen einige Tricks und manche Route, die man in den Callcentern der großen Reiseveranstalter nicht kannte. Sie wussten etwa, dass man auch vom Flughafen Prag gut wieder nach Dresden und Sachsen kommt. Die Kunden, sagt sie, »wissen es zu schätzen, wenn man in der Not hilft«.

Weiß man umgekehrt in der Notlage auch die Bedeutung von kleinen Unternehmen wie EFI Reisen für die deutsche Wirtschaft zu schätzen, obwohl an ihnen nicht Hunderte Arbeitsplätze hängen und ihre Schieflage, anders als einst bei den Banken, nicht ganze Branchen ins Trudeln zu bringen drohte? Das muss sich umgehend zeigen. Vielen kleinen Unternehmen steht das Wasser wegen der Auswirkungen der Pandemie jedenfalls bis zum Hals: Reisebüros, Restaurants, Hotels, Busunternehmen. »Wenn nicht bald etwas passiert«, sagt Jeanette Einsporn, »wird uns das das Genick brechen.«

Die Situation ist nicht so bedrückend wie in Firmen, die Angestellte haben - immerhin. »Ich bin froh, dass ich niemandem in die Augen sehen und sagen muss: Es geht nicht mehr«, sagt sie. Allerdings müssen auch die beiden Inhaberinnen des Reisebüros ihren Lebensunterhalt bestreiten. Sie müssen die Miete für das Geschäft bezahlen. Es hängt an Datenbanken und Buchungssystemen, die es nicht zum Nulltarif gibt und die nicht von heute auf morgen gekündigt werden können. Versicherungen laufen weiter, das Finanzamt bucht regelmäßig Beträge ab. Um die laufenden Kosten zu bestreiten, »brauchen wir im Monat rund 9000 Euro«, sagt Einsporn. In normalen Monaten sei es kein Problem, die Summe einzuspielen. Jetzt aber ist nichts mehr normal; das Geschäft ist praktisch von einem auf den anderen Tag eingebrochen: »Ich weiß nicht, wo das Geld herkommen soll.«

Auf jeden Fall nicht von der hohen Kante. Dort liegt nichts. Die Branche, sagt Einsporn, habe zwei schwierige Jahre hinter sich: die Pleite der Fluggesellschaft Air Berlin 2017, die Insolvenz von Germania 2019, der Untergang von Neckermann im gleichen Jahr. Ein erheblicher Teil der Verluste blieb an kleinen Reisebüros wie EFI hängen - die deshalb jetzt nichts mehr zum Zusetzen haben.

Gleichzeitig schwebt ein Damoklesschwert über ihnen: die drohende Rückzahlungen von Provisionen. Bei jeder verkauften Kreuzfahrt, für jeden Hotelaufenthalt erhalten die Büros einen Anteil am Reisepreis. Manche Veranstalter überweisen das Geld erst, wenn die Reise tatsächlich begonnen hat; andere aber zahlen schon früher. Mit dem Geld wirtschaften die Reisebüros. Finden die Reisen allerdings nicht statt, holen sich die Anbieter die Provision zurück. Derzeit werden sehr viele Reisen abgesagt; es sind vermutlich große Beträge, die den ohne Einnahme dastehenden Büros vom Konto gebucht werden. Eigentlich, sagt Einsporn, »müssten wir vorbeugend schon mal beim Insolvenzgericht vorsprechen.« Es ist indes ein Gedanke, den sie und ihre Kollegin bis jetzt noch beiseite schieben: »So weit sind wir noch nicht.«

Noch hoffen sie, ihr Unternehmen über die Runden zu bringen: indem sie sich selbst einen Gehaltsverzicht verordnen; indem sie beim Vermieter um Entgegenkommen und beim Finanzamt um Aufschub bitten. Und natürlich hoffen sie auch auf Hilfe von Seiten des Staates. »Es geht hier um Existenzen«, sagt die Unternehmerin, »und nicht nur um Boni für Banker.«

Die Politik ist sich des Ernstes des Lage durchaus bewusst. Im Bund wird ein viele Milliarden Euro teurer Rettungsschirm für die deutsche Wirtschaft aufgespannt. Inhaber kleiner Unternehmen wie Jeanette Einsporn hoffen, dass von dem Geld auch etwas bei ihnen ankommt und nicht nur bei den Großen der Branche, die mit Milliardensummen hausieren gehen.

Auch die sächsische Landespolitik treibt das Thema um. Die Linke fordert »unbürokratische Hilfen und soziale Garantien« für Kleinstunternehmen in Not und mahnt dazu, die Krise »solidarisch« zu bewältigen. Sachsens Wirtschaftsministerium hat derweil ein Soforthilfeprogramm auf den Weg gebracht. In Not geratene Firmen und Unternehmer können bereits seit diesem Montag Liquiditätsdarlehen von 5000 bis 50 000 Euro beantragen. Anträge können Firmen stellen, deren Jahresumsatz unter einer Million Euro liegt und die einen Umsatzrückgang von 20 Prozent und mehr fürchten müssen. Die Darlehen sollen zunächst vier Monate überbrücken helfen. Man wolle die »Verdienst- und Umsatzausfälle der nächsten Wochen abfangen«, sagte Minister Martin Dulig (SPD).

Einsporn hat den Antrag gestellt. Geliehenes Geld vom Land sei »die einzige Möglichkeit, wieder durchzuatmen«, sagt sie - für den Moment. Über die Frage, wie Reisen nach der Coronakrise aussieht, will sie jetzt noch gar nicht nachdenken. EFI Reisen befindet sich, so viel steht fest, auf einer Reise ins gänzlich Ungewisse.

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