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Riskanter Wettlauf

Impfstoffentwicklung gegen Sars-CoV-2 zwischen Renditehoffnung und Sicherheitsbedenken

  • Von Ulrike Henning
  • Lesedauer: 5 Min.
Auch in Rockville (USA, Maryland) wird an einem Impfstoff gegen das Coronavirus geforscht.
Auch in Rockville (USA, Maryland) wird an einem Impfstoff gegen das Coronavirus geforscht.

In der vergangenen Woche wurde der ersten Freiwilligen eine Substanz namens mRNA-1273 injiziert. Sie ist eines jener Mittel, die auf ihre Tauglichkeit als Impfstoff gegen das neuartige Coronavirus untersucht werden. Getestet werden soll mRNA-1273 in den nächsten Wochen in Seattle an 45 Teilnehmern im Alter zwischen 18 und 55 Jahren. Entwickelt wurde das Vakzin von der US-Firma Moderna gemeinsam mit den Gesundheitsbehörden der Vereinigten Staaten, die ankündigten, das Mittel könne etwa in anderthalb Jahren auf den Markt kommen, Wirksamkeit vorausgesetzt. Auch das deutsche Robert-Koch-Institut rechnet mit einem Impfstoff erst für 2021.

Die Entwicklung ist bei Impstoffen das eine, Zulassung das andere. Üblicherweise dauert der Prozess bis zur Bereitstellung der Vakzine mehrere Jahre, mitunter Jahrzehnte. Dafür, dass die WHO erst am 11. Februar dem neuen Virus den offiziellen Namen Sars-CoV-2 gab, ist die Entwicklung weit vorangeschritten - wobei alle Experten sich zurückhalten, einen Zulassungstermin zu prognostizieren.

Der gesamte Prozess bis zur Massenproduktion eines Impfstoffs umfasst mehrere Schritte: Zuerst muss das Virus analysiert werden, gegen das geimpft werden soll. Auf dieser Basis ist das Vakzin zu entwickeln. Danach folgen Tierversuche. Anschließend werden bei Freiwilligen Wirksamkeit und Verträglichkeit der Immunisierung getestet. Für Impfstoffe, die in der EU zugelassen werden sollen, kann dann ein entsprechender Antrag bei der Europäischen Arzneimittelagentur gestellt werden. Erst wenn die zugestimmt hat, kann die Massenproduktion starten. Zu den Unternehmen, die auf diesem Weg am weitesten sind, zählen Biontech aus Deutschland und Inovio aus den USA. Beide wollen ihre »Kandidaten« im April an Menschen testen.

Die in Mainz ansässige Firma Biontech erhält bis zu 120 Millionen Euro vom chinesischen Arzneimittelproduzenten Fosun Pharma. Kooperationen sind offenbar das Gebot der Stunde: Die internationale Impfinitiative CEPI zum Beispiel unterstützt mehrere Forschungsprojekte. CEPI ist eine öffentlich-private Partnerschaft zwischen Regierungen, der Weltgesundheitsorganisation (WHO), Forschungseinrichtungen, der Pharmaindustrie und privaten Geldgebern, darunter die Bill & Melinda Gates Foundation.

Zur Herstellung von Impfstoffen gibt es mehrere Ansätze. Im Gespräch sind für Sars-CoV-2 vor allem genbasierte Mittel. Auf dieser Spur ist auch die Firma CureVac aus Tübingen, die kürzlich mit der Falschmeldung in den Medien war, die US-Regierung wolle sich ihre Forschungsergebnisse exklusiv sichern. Dietmar Hopp, Haupteigener von CureVac und Mitbegründer der Softwarefirma SAP, stellte aber schnell klar, ein solcher Ausverkauf komme nicht in Frage.

Bei dem hier angestrebten Impfstoff werden ungefährliche Gene des Coronavirus verabreicht, die die Bildung von Antikörpern auslösen sollen. Der Organismus würde dann ungefährliche Virusproteine bilden und so immun werden. So logisch das klingt: Bisher funktioniert kein Impfstoff gegen irgendeine Krankheit auf dieser Basis.

Die zweite mögliche Methode besteht in einer Lebendimpfung mit sogenannten Vektorviren. Der Begriff »lebend« ist hier etwas irreführend, da Viren nicht leben. Sie können sich unter bestimmten Bedingungen vermehren - und diese Fähigkeit bleibt auch den in diesem Fall verwendeten Viren erhalten. Zwischen ungefährlichen Viren und Coronaviren werden Oberflächenproteine ausgetauscht. Die veränderten Viren täuschen im Körper eine Infektion vor, das Immunsystem wehrt sich und wird gegen die gefährliche Variante immun. Der erste gegen Ebola zugelassene Impfstoff basiert auf diesem Mechanismus.

Die dritte Methode setzt auf einen Totimpfstoff, der mit Virusproteinen versehen wurde. Hier kommt eine winzige Menge »abgetöteter« Viren zum Einsatz. Das funktioniert bereits bei Impfstoffen gegen Tetanus, Hepatitis B oder Grippe.

Ein weiterer Ansatz besteht darin, die Impfstoffprojekte gegen andere Coronaviren wieder aufzunehmen. 2002 und 2003 gab es weltweit 32 Projekte gegen Sars-CoV-1, die nicht zu Ende geführt wurden. Auch für den Auslöser von Mers, das 2012 von Dromedaren auf den Menschen übertragen wurde, läuft die Suche.

Christian Drosten, leitender Virologe an der Charité, verwies auf einen Vorsprung von vier bis fünf Monaten, den chinesische Wissenschaftler jetzt haben. Sie könnten am Ende die Sieger im Wettlauf um den ersten Impfstoff gegen Sars-CoV-2 sein.

Alle Impfstoffforschungen bergen ein Risiko: Statt vor einer Infektion zu schützen, könnte sich die durch das Virus ausgelöste Krankheit noch verschlimmern, wenn sich eine geimpfte Person mit dem Virus infiziert. Das legen offenbar einige Studien zu Coronavirus-Impfungen nahe. Der Mechanismus dafür wurde noch nicht geklärt. Er führte aber dazu, dass es gegen die bisherigen Coronavirus-Infektionen noch kein Mittel gibt. Deshalb ist die jetzt geforderte beschleunigte Entwicklung ein zweischneidiges Schwert. Denn dabei würde mit Verträglichkeitstests an kleinen Gruppen von Menschen nicht bis zum Abschluss der Tierversuche gewartet.

Wenn es denn den Impfstoff endlich geben sollte: Für Menschen, die sich bereits infiziert haben, bringt das nichts mehr. Im besseren Fall haben sie die Krankheit mit mehr oder weniger schweren Symptomen überlebt und dürften danach immun sein. So könnte sich, auch bei jahreszeitlich bedingtem Wiederaufleben der Ansteckungshäufigkeit, auf lange Sicht auch ohne Impfung eine Immunität in der Bevölkerung entwickeln - vorausgesetzt, das aktuelle Coronavirus verändert sich nicht erneut.

Dennoch erscheint vielen Pharmaunternehmen die Suche nach dem Vakzin lohnend. Das zeigt sich auch an der Reaktion der Börsen allein auf die Ankündigung eines solchen Produkts: Der Kurs des Pharmaherstellers Novovax etwa stieg nach einer solchen Mitteilung um 20 Prozent. Und als Moderna verlauten ließ, man habe die Dosen an das National Institute of Health geliefert, stieg der Wert seiner Aktien um 30 Prozent.

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