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Ode an den Ostmann

Simone Schmollack unternimmt eine Ehrenrettung für eine oft verlachte Spezies

  • Von Simone Schmollack
  • Lesedauer: 3 Min.

Sie dürfen aufatmen, das hier wird ein Corona-freier Text. Mit dem Virus sollen sich mal besser die herumschlagen, die gern auf Drama machen. Ich hab es lieber prosaisch. Und damit bin ich auch schon beim Thema: dem Ostmann. Ja, Sie lesen richtig. Der Ostmann ist nämlich genau das: klar, verlässlich, unaufgeregt. Und ein in meinen Augen viel zu selten gelobtes Phänomen.

Hierzulande meinen ja viele, den Ostmann zu kennen. Sie stützen sich da auf jene Bilder aus Chemnitz, Freital, Köthen, Halle, die ostdeutsche Männer als unterkomplex zeigen: Wie die pöbeln, draufhauen, wild in der Gegend rumballern und Menschen abknallen, die nicht in ihr Weltbild passen. Ja, die gibt es. Und ebenso gibt es männliche Ostdeutsche, die kurz nach der Wende die mediale Runde machten: zurückgebliebene, arbeits- und beziehungslose Verlierer, die versoffen in der Gegend rumhängen, aus der sie nicht weggekommen sind. Der Ostmann, ein Jammermärchen. Daran haben sich schon ganze Autoren*innenkollektive abgearbeitet.

Als Stilikone geht der Ostmann auch nicht gerade durch. Im Sommer kurze Hosen, Socken, Wildledersandalen mit Lochmuster. Alles zusammen, nicht einzeln, wohlgemerkt. Tragen manche immer noch. Im Herbst Windjacke, im Winter Fellmütze. Und dann diese hauptberuflichen FDJ-Funktionäre, früher mit ihren braunen Präsent-20-Anzügen, bei denen die Hose im Sitzen die Ritze freigab, Sie wissen schon, hinten. Weil nahezu alle hauptberuflichen FDJ-Funktionäre rauchten wie ein Zellulosewerk, hatte das zur Folge, dass das Nikotin die Fingerkuppen und die Ansätze der Schnurrbärte dieser Ostmänner so gelb färbte wie Henna die Haare westdeutscher Sozialarbeiterinnen rot.

Ich habe viele dieser Ostmänner kennengelernt. Als Schülerin, Studentin, Tochter, Journalistin. Aber ich habe aber auch andere Ostmänner kennengelernt. Und die sind, nun ja, anders. Ich wage zu behaupten, sie sind die wahren Trendsetter. Das ist den meisten nur nicht bewusst. Weil der Ostmann lieber unaufgeregt daherkommt, als eine Welle zu machen. Der labert nicht darüber, dass der Flur gestrichen werden muss, der streicht ihn. Als der Westen noch diskutierte, ob Frauen arbeiten gehen dürfen, schob schon so mancher DDR-Vater den Kinderwagen durch die Straßen seiner Kleinstadt. Der Mann, den ich gerade im Kopf habe, ist mittlerweile tot, das Kind aus dem Kinderwagen inzwischen selbst Großvater.

Der Ostmann wird ja gern als »so patent« belächelt. Doch das Wissen aus der Mangelwirtschaft, wie man beispielsweise ein Dach ohne Dachpappe dicht kriegt, Ohrenstäbchen aus Streichhölzern und einem Wattebausch bastelt, den Teppich mit Salz putzt und wie man Leder näht, ist in jeder Hinsicht praktisch. Immer noch. Von einem Ostmann habe ich gelernt, wie man ein asiatisches Currygericht ohne Kokosmilch kocht. Kokosflocken gab es im Osten jede Menge, Milch fast immer, alles andere ist einfach.

Geld ist für den Ostmann nicht so wichtig. Es sollte nur so viel sein, dass es zum Leben reicht. Während Westmänner, die ich kurz nach der Wende kennenlernte, mir beim Bezahlen im Restaurant häufig erklärten, dass sie »jetzt anfangen müssen, für die Rente zu sparen«, um mir dann die Rechnung zum Teilen über den Tisch zu schieben, halten es die Ostmänner, die ich kenne, mit dem Prinzip: Ich lebe jetzt und nicht in der Zukunft. Die haben keine Stullen in der Tasche, weil sie das Geld für ein Mittagessen sparen - für das Eigenheim am Stadtrand.

Ich kann Ihnen versichern: Der Ostmann ist zu Unrecht verlacht, übersehen, geächtet. Ich kann den Ostmann nur wärmstens empfehlen. Und den Trick mit der Kokosmilch verrate ich Ihnen auch noch: Kokosflocken und Milch so lange kochen, bis die Milch den Kokosgeschmack annimmt, dann durch ein Tuch gießen, fertig. Den Rest müssen Sie selber machen.

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