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Großbritannien im Corona-Stillstand

Regierung will die Bevölkerung isolieren und die Wirtschaft retten

  • Von Ian King, London
  • Lesedauer: 3 Min.

335 Virustote, Tendenz steigend, zwangen den zögernden Boris Johnson endlich zum Handeln. Panikartige Hamsterkäufe in den Supermärkten, Zwangsschließungen aller Schulen, Restaurants, Kneipen, Sportzentren und Theater prägen derzeit das Land. Nach einer Fernsehansprache am Montagabend erlaubt Premier Boris Johnson seinen Bürgern den Ausgang nur für Noteinkäufe von Lebens- oder Arzneimitteln. Doch die Frage bleibt, ob angesichts des Massenandrangs zu Badeorten und Parks am Wochenende die Maßnahmen nicht viel zu spät kommen? Nachdem das Motto »Get Brexit done« ihm 2019 eine Wahl gewann, verlegt sich der normalerweise nie um schwulstige Vokabeln Verlegene auf die kleinlaute Parole »Stay at home!«

Das Titelblatt der Boulevardzeitung »The Sun« zeigte am nächsten Tag ein mit der Nationalfahne bemaltes Vorhängeschloss. Dazu gab es die Schlagzeile: »Britannien im Hausarrest«. Die Tageszeitung »Daily Telegraph« rief »das Ende der Freiheit« aus. Dabei gehören sie beide zu den sonst treuesten konservativen Blättern. Die früheren markigen Durchhalteparolen des Premiers, in zwölf Wochen sei vielleicht der ganze Corona-Spuk vorbei, verpuffen. »Das Volk hat Angst«, stellt der Journalist Jonathan Freedland im linksliberalen »Guardian« mit Recht fest. Mit der Forderung nach Zwangsmaßnahmen führt Johnson nicht, sondern folgt einem Großteil der Bevölkerung.

Nicht genug der Unkenrufe. Der Volkswirt Paul Dales von der Beratungsfirma Capital Economics prophezeit eine Schrumpfung des Bruttoinlandsproduktes um 15 Prozent - und das ohne Brexit-Verluste. Das würde eine schlimmere Rezession als in den 1930er Jahren bedeuten. Die Börsenwerte der Londoner City sind im Schnitt um 30 Prozent abgestürzt, das Pfund liegt gegenüber Euro und Dollar im Keller. Millionen bangen nicht nur um Gesundheit und Leben, sondern auch um ihren Arbeitsplatz.

Rishi Sunak, Johnsons neuer Finanzminister, musste schnell und entschlossen handeln. Das hat er - nach Empfehlungen von Gewerkschaftschefin Frances O’Grady, Industriesprecherin Carolyn Fairbairn und Labours Finanzsprecher John McDonnell. Der junge Kassenverwalter bietet Firmen umgerechnet 360 Milliarden Euro, damit sie in der Krise keine Mitarbeiter entlassen. 80 Prozent der sonstigen Lohnausfälle will die Regierung damit decken. Verluste der privatisierten Bahngesellschaften sollen ebenfalls von der Regierung kompensiert werden, eine Art befristeter Wiederverstaatlichung. Von der Reduzierung der Staatsquote, dem Primat des Marktes und der langjährigen Austeritätspolitik will plötzlich kein Konservativer mehr wissen. Wie Freedland anmerkt, habe kein Sozialist je angeboten, die Bezahlung von Beschäftigten im privaten Sektor zu übernehmen. Die Menschen sollen auf unabsehbare Zeit nicht mehr zur Arbeit fahren, sondern zu Hause vor dem Computer arbeiten - und auf alle Fälle ihre Jobs behalten.

Besser als Johnsons erste Patentlösung - »keine Panik, Hände waschen!« - ist Sunaks Ansatz schon. Doch Skepsis bleibt angebracht. Bei Corona-Tests hinkt Britannien meilenweit hinter den Nachbarn zurück, von Ländern wie Südkorea ganz zu schweigen. Genug Ventilatoren für Lungenkranke gibt es im Lande nicht und wertvolle Zeit bis zu den Schließungen wurde vergeudet. Sozial ausgewogen ist das Maßnahmenpaket auch nicht: Wie sollen kleine Selbstständige wie etwa Kuriere sich von ca. 105 Euro Arbeitslosenhilfe in der Woche ernähren?

Obwohl Sunak die Exmittierung von Mietern ablehnt, bleiben sie gegenüber Hausbesitzern benachteiligt. Die Tories wollen zwar ihre neue Arbeiterklientel von 2019 nicht verlieren, haben daher geheiligte Glaubenssätze über Bord geworfen. Aber ihr Herz schlägt für die Firmenchefs und Besitzenden. Und der Witzbold Johnson taugt für ernste Zeiten so wenig wie sein Kumpel Donald Trump.

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