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Gescheiterter Held in der Poliokrise

Kampfstern Corona (Teil 4): Der Roman «Nemesis» von Philip Roth spielt vor dem Hintergrund einer tödlichen Epidemie

Viele Polio-Opfer konnten in früherer Zeit nur in der »Eisernen Lunge« überleben – einem körpergroßen Beatmungsapparat, in dem manche Patienten jahrzehntelang lagen.
Viele Polio-Opfer konnten in früherer Zeit nur in der »Eisernen Lunge« überleben – einem körpergroßen Beatmungsapparat, in dem manche Patienten jahrzehntelang lagen.

Glauben Sie mir: Wenn jeder seinen Beitrag leistet und ruhig bleibt und alles tut, was in seiner Macht steht, um die Kinder zu schützen, werden wir es gemeinsam überstehen.« Es ist Frühsommer 1944. In der Stadt Newark im US-Bundesstaat New Jersey grassiert Polio. Um der sich gleichermaßen ausbreitenden Panik entgegenzuwirken, redet Eugene »Bucky« Cantor, Sportlehrer an der Chancellor-Avenue-Grundschule, auf die Eltern in seinem Viertel Weequahic ein. Polio-Erkrankungen gab es auch früher, doch nicht in so großer Zahl. Und zum ersten Mal befällt er dieses Viertel, Schauplatz des Romans »Nemesis« von Philip Roth.

In Deutschland würde man Bucky zu den »Helden in der Coronakrise« zählen, die das Land am Laufen halten und von überall Beifall bekommen. Der 23-Jährige hat die Ferienaufsicht über den kommunalen Sportplatz, der zum letzten Treffpunkt der Kinder geworden ist, da Freibad, Kino und Bibliothek geschlossen sind. Für den begeisterten Speerwerfer und Turmspringer ist sportliche Betätigung das Gebot der Stunde: Kraft und Stärke machen den Körper widerstandsfähiger auch gegen das Virus, so seine Überzeugung. Und Aufrechterhaltung von Normalität wirkt der sich ausbreitenden Panik entgegen.

Bucky ist so etwas wie der Fels in der Brandung. Dafür wird er besonders von den ihm anvertrauten Jungs bewundert. Er spricht mit ihnen über ihre Probleme, beruhigt die verunsicherten Eltern in der engen Gesellschaft des Viertels, wo - heute würde man sagen - viele Fake News die Runde machen: dass die Hitzewelle schuld ist oder streunende Katzen, dass das Virus über die Post oder Bargeld verbreitet wird. Oder kommt es von dem Hotdog-Laden, in dem das erste Todesopfer aß, bevor es krank wurde? Beliebt ist auch eine Verschwörungstheorie, dass Halbstarke aus dem italienischen Viertel, wo Polio zuerst auftrat, absichtlich die Krankheit nach Weequahic brachten.

Vieles ähnelt dem, was sich gerade in Deutschland abspielt. Wobei der Roman weitergeht und den Umgang mit Verantwortung und Schuld im Nachhinein thematisiert.

Die Gerüchteküche in Weequahic ist Ausdruck von um sich greifender Angst, die deshalb so groß ist, da es noch keine Medikamente und auch keinen Impfstoff gibt. Die hoch ansteckende Viruserkrankung ähnelt in den meisten Fällen einer Grippe, doch es gibt auch eine gefährliche Form: Die paralytische Poliomyelitis greift das Zentrale Nervensystem an, es kommt zu Lähmungserscheinungen in Armen und Beinen. Tödlich endet die Erkrankung, wenn die Atemmuskulatur gelähmt wird. Künstliche Beatmung gab es zu dieser Zeit nur über die »Eiserne Lunge« - einen körpergroßen Apparat, in dem manche Patienten über Jahrzehnte liegen mussten. Das besonders Fiese an Kinderlähmung ist, dass sie vor allem kleine Kinder befällt. Sie sind, wie man derzeit sagen würde, die »Risikogruppe«.

Epidemien mit ihren menschlichen Tragödien und gesellschaftlichen Extremsituationen sind natürlich ein guter Stoff für Literatur. Man denke nur an Edgar Allan Poes Gruselgeschichte »Die Maske des Roten Todes« (1841), in dem ein Prinz, während eine Seuche die Untertanen dahinrafft, in seinem scheinbar sicheren Schloss einen dekadenten Maskenball veranstaltet, wobei der Rote Tod auch hier die Herrschaft übernimmt. Albert Camus, der französische Existenzialist, macht seinen Roman »Die Pest« (1947) zu einem Plädoyer für Solidarität und Revolte gegen das in der Seuche symbolisierte Böse. Im Gegensatz dazu geht es in Andrzej Szczypiorskis »Eine Messe für die Stadt Arras« (1971) um die gesellschaftlichen Folgen der Suche nach einem Sündenbock für einen mittelalterlichen Pestausbruch: Judenpogrome, Hexenverbrennungen, Willkürherrschaft.

Um die großen politischen Fragen geht es bei Philip Roth bestenfalls am Rande. Die Stadtverwaltung scheint zunächst ähnlich ratlos wie die Bevölkerung. Das Gesundheitsamt versieht Häuser, wo Poliofälle aufgetreten sind, mit einem Quarantäneschild. Der Bürgermeister appelliert an die Leute, nicht panisch zu werden und sich vor Mücken zu schützen.

Für die Eltern der Opfer, die sich fragen, warum es ausgerechnet ihr Kind treffen musste, welches das ganze Leben noch vor sich hatte, ist die Epidemie eine Tragödie. Der Vater von dem ersten Todesopfer Alan Michaels, einem Achtklässler, der überragend im Sport und auch noch ein Musterschüler war, fragt im Gespräch mit Bucky, wo da der Sinn in diesem Leben sein kann. Der bis dato so mental starke Bucky weiß darauf keine Antwort mehr. Während andere in ihrem Glauben Trost suchen, wird er zunehmend wütend auf einen Gott, der ein solches Virus erschaffen hat. Für Bucky ist Gott jetzt »eine Zweifaltigkeit - die Vereinigung eines perversen Arschlochs mit einem bösartigen Genie«. Diese Wut resultiert aus seinem persönlichen Scheitern: Er sieht sich in einem Krieg gegen Polio und ist nicht in der Lage, seine Jungs auf dem Sportplatz zu schützen. Zunehmend kommen ihm Selbstzweifel, ob er diese nicht in Gefahr bringt, sich anzustecken, wie ihm die Mutter eines erkrankten Jungen vorwirft.

Roth setzt seinen Helden einer nicht beantwortbaren Frage aus: Wie lässt sich eigentlich das Richtige tun, wenn niemand sicher sagen kann, was das Richtige ist? Wie auch in der Coronakrise in Deutschland in Mode, erhofft er sich Antworten von einem Experten. Dr. Steinberg, der Arzt im Viertel, bestärkt Bucky darin, Normalität aufrechtzuerhalten, wenn er die Hygieneregeln beachtet. Die Zweifel kann er aber nicht ausräumen, da eben auch der Arzt nicht sagen kann, wie die Krankheitsübertragung zu verhindern ist. Während der Unterhaltung dringen von überall aus der Stadt die Sirenen von Krankenwagen ans Ohr. Die Epidemie breitet sich rasant aus.

Letztlich nimmt Bucky das von seiner Freundin Marcia vermittelte Jobangebot der Schwimmaufsicht in einem Sommercamp in den Bergen fernab von Polio, Panik und Hitze an. Die anfängliche Erleichterung weicht schnell Gewissensbissen, seine Jungs verraten zu haben. Und nicht nur das: Ein Jugendlicher, mit dem Bucky Turmspringen trainiert, erkrankt an Polio. Dann werden weitere Kinder im Camp krank, auch Bucky selbst. Letztlich gibt er sich selbst die Schuld daran, Polio ins Sommercamp gebracht zu haben und sogar nach Weequahic, obwohl dies nicht zu beweisen ist. Wer wen angesteckt hat, bleibt ein weiteres Rätsel bei einer Epidemie.

Als der düstere Roman »Nemesis« 2010 erschien, gab es Lob und Schelte von den Literaturkritikern. Roth war zuvor für seinen ironischen Stil bekannt, was ihm offenbar angesichts einer tödlichen Epidemie als fehl am Platze erschien. Er selbst kündigte an, jetzt gebe es für ihn nichts mehr zu schreiben. Es blieb sein letzter Roman. Er starb 2018 im Alter von 85 Jahren in einem New Yorker Krankenhaus an Herzversagen.

Philip Roth: Nemesis. Hanser, 224 S., geb., 21,90 €

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