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Die Insel der Ignoranz

In Belarus wird noch Fußball gespielt - und die Coronakrise auf Geheiß verharmlost

  • Von Denis Trubetskoy
  • Lesedauer: 5 Min.
Coronakrise? Nicht in Belarus. Die Fans vom FC Slutsk (oben) feuerten am vergangenen Sonntag ihr Team an. Vital Trubila (unten, rechts) gewann mit Slutsk gegen Slavia Mazyr um Dennis Tetteh und steht nach dem ersten Spieltag der Wyschejschaja Liha auf Platz eins. Fotos: imago images/Natalia Fedosenko
Coronakrise? Nicht in Belarus. Die Fans vom FC Slutsk (oben) feuerten am vergangenen Sonntag ihr Team an. Vital Trubila (unten, rechts) gewann mit Slutsk gegen Slavia Mazyr um Dennis Tetteh und steht nach dem ersten Spieltag der Wyschejschaja Liha auf Platz eins. Fotos: imago images/Natalia Fedosenko

Auch der postsowjetische Raum steht in Zeiten der Coronakrise still. Russland sagt Massenveranstaltungen ab, die für die Bekämpfung des neuartigen Coronavirus Verantwortlichen, Ministerpräsident Michail Mischustin und Moskaus Bürgermeister Sergei Sobjanin, treten mehrmals pro Tag im föderalen Fernsehen auf. Die Ukraine hält sogar den öffentlichen Verkehr ausschließlich für systemrelevante Berufe offen. Doch in Belarus läuft alles anders, und zwar nicht nur im osteuropäischen Vergleich. Nachdem selbst in Australien seit dieser Woche die dortige Fußballmeisterschaft pausiert, bleibt die Wyschejschaja Liha in Belarus das einzige Fußballturnier der Welt, das noch gespielt wird - sogar mit Zuschauern in den Stadien. Was alles noch absurder macht: Die Saison hat erst vergangene Woche angefangen. Es geht also gar nicht darum, sie irgendwie noch zum Ende zu bringen.

Neben Fußball läuft auch die Eishockey-Meisterschaft von Belarus weiter. Dagegen pausieren Volleyball und Basketball schon länger, während bei derzeit offiziell bestätigten 86 Corona-Fällen im Land (Stand Mittwoch) die Schulen und Kindergärten immer noch offen bleiben. Die vergleichbar niedrige Zahl der Infizierten sollte jedoch mit Vorsicht behandelt werden, obwohl das nationale Gesundheitsministerium davon redet, in Sachen Anzahl der durchgeführten Tests an der Weltspitze zu stehen. Angeblich wurden bislang mehr als 20 000 Menschen auf Corona getestet. Da in sieben Nationen schon mehr als 20 000 positive Fälle gezählt wurden, wäre man immer noch weit von der Weltspitze entfernt.

Steht hinter diesem Vorgehen irgendeine Logik? Ja, wenn auch eine extrem eigenartige, denn in Belarus hat der »ewige« Staatspräsident Alexander Lukaschenko fast in allen Fragen das Sagen. Der seit 1994 ununterbrochen regierende Staatschef ist bekennender Sportfan und leitet parallel das Nationale Olympische Komitee. Und: Lukaschenko spielte einst selbst Fußball. Den Eishockeyschläger nimmt er immer noch ab und zu in die Hand. Die beiden Sportarten sind dazu noch die mit Abstand beliebtesten im Land.

So sieht sich niemand in der Position, die für Lukaschenko so wichtigen Ligen abzusagen, zumal sich der Präsident selbst unmissverständlich zu Corona äußert: »Dieses Virus ist eine Psychose«, sagte der 65-Jährige zuletzt. »Ich werde meine Meinung dazu nicht ändern. Eine Psychose ist immer gefährlicher als ihr Auslöser.« Das habe Lukaschenko mehrmals erlebt, etwa beim Zerfall der Sowjetunion.

Die Empfehlungen Lukaschenkos, wie man Covid-19 bekämpfen sollte, sind ebenfalls kurios: »Es freut mich sehr, wenn ich im Fernsehen sehe, wie die Menschen am Traktor arbeiten. Auf dem Feld denkt man nicht über Viren nach. Der Traktor und das Feld werden alle heilen.« Zu weiteren Empfehlungen gehören Wodka und Dampfbäder, allerdings meinte das Lukaschenko eigenen Angaben zufolge nur scherzhaft.

Humor hin oder her, auch der nationale Fußballverband glänzt mit überschriftsreifen Aussagen. »Panik ist jetzt untersagt. Denn wir wissen nicht, was das Coronavirus ist, vielleicht testet jemand einfach eine neue Waffe«, betonte Verbandspräsident Wladimir Basanow, selbst Ex-Militär mit der Erfahrung des Afghanistankrieges, aber keinerlei Fußballvergangenheit. Basanow schließt die Unterbrechung der Wyschejschaja Liha zwar wegen des Coronavirus nicht komplett aus, sieht dafür aber derzeit keine Grundlage.

Sein Stellvertreter Michail Wergejenko freut sich sogar über das gestiegene Interesse am Fußball aus Belarus: »Wir hoffen, dass der Verband dadurch finanziell profitieren kann.« Zum Teil ist das bereits der Fall: Im benachbarten Russland bekommen die Menschen nun Zugang zur Wyschejschaja Liha. Der staatliche Sportsender Match TV hat in der vergangenen Woche ganz schnell noch die Übertragungsrechte für die Liga gekauft und den Großteil der Spiele des ersten Spieltages im Free-TV ausgestrahlt. Die Partien verliefen auch durchaus interessant. Meister Dinamo Brest kam überraschend nicht über ein Unentschieden gegen den FK Smaljawitschy hinaus, BATE Baryssau verlor sogar bei Energetik Minsk - es war keine Sternstunde der Favoriten.

Trotz der offenen Stadien hat den Spieltag kaum jemand von den Tribünen aus gesehen. Die durchschnittliche Besucherzahl lag unter 2000 und war damit rund um die Hälfte kleiner als beim ersten Spieltag der Vorsaison. »Wir hatten nie sehr viele Zuschauer, aber die Zahl ist noch kleiner geworden«, sagte Dinamos Mittelfeldspieler Sergej Kisljak. »Die Meisterschaft sollte trotzdem zunächst nicht unterbrochen werden. Denn alles ist ruhig. Und der Präsident hat klar erklärt, wie man gegen das Coronavirus kämpfen soll.«

Der bekannteste Fußballer des Landes aus der Vergangenheit wundert sich hingegen über die Situation in seinem Land. Alexander Hleb, früher beim VfB Stuttgart und Arsenal London aktiv, lebt seit 2018 wieder in der Heimat. Für ihn sei es »sehr schwer zu erklären, warum in Belarus noch Fußball gespielt wird«, sagte er der britischen Boulevardzeitung »The Sun«. »Alle Ligen sind geschlossen, wir glauben aber nicht, dass es ein Problem ist. Warum? Ich weiß es nicht. Im Präsidialamt glauben Menschen, alles sei nicht so extrem wie in den Nachrichten berichtet wird. Die Sportler trainieren einfach weiter, denen ist es einfach egal.« Es sei unglaublich, was in Belarus passiert. Die Uefa hingegen handele laut Hleb mit ihren Absagen genau richtig.

Eine Meinung, die man von Vertretern der Vereine kaum hört, dafür aber immer öfter von einzelnen Spielern. Denn Angst vor dem Coronavirus gibt es auch in Belarus - trotz der gleichgeschalteten Medien und der Ratschläge vom ewigen Präsidenten.

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